2) Handbuch
der
Geſchichte Preuſſens
bis zur Zeit der Reformation.
In drei Bänden.
Von
Johannes Voigt,
Königl. Geheimen Regierungs⸗Rath, Profeſſor der Geſchichte, Director des geheimen Archivs zu Königsberg, Ritter des rothen Adler⸗Ordens und des Dannebrog⸗Ordens, Mitglied der Academie der Wiſſenſchaften zu Kopenhagen und mehrer gelehrten Geſellſchaften.
Erſter Band.
— ꝓÄ—ĩ— Königsberg. Im Verlage der Gebrüder Bornträger.
1841.
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Vorrede.
Gegenwärtige Bearbeitung der Geſchichte Preuſſens für den Kreis gebildeter Leſer iſt die Ausführung eines Planes, den ich ſchon mehre Jahre vor Beendigung meines grö- ßeren Werkes uͤber die Geſchichte Preuſſens gefaßt hatte und wozu mir von nahe und ferne, mündlich und ſchrift⸗ lich wiederholte Aufforderungen und Wuͤnſche entgegen ges kommen waren. Ich ſprach es daher bereits im Vorworte zum neunten Bande des erwahnten Werkes aus, daß ich Beruf und Pflicht fuͤhle, den Geſchichtsfreunden ein ſolches kürzer gefaßtes, mehr zur uͤberſichtlichen Belehrung geeig⸗ netes Werk über die Geſchichte Preuſſens in einigen mäßi- gen Bänden in die Hand zu liefern, weil, wie ich dort
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ſchon hinzufuͤgte, die Geſchichte eines Landes keineswegs nur dazu verfaßt wird, um Eigenthum der Kenntniß des Geſchichtsforſchers zu ſeyn, ſondern zugleich auch um als Nachzeichnung eines Volkslebens der vergangenen Zeiten im Leben, d. h. im lebendigen Bewußtſeyn und in der Bildung eines Volkes fuͤr alle Zeiten fortzuleben. Sie muß demnach auch, um dieſes ewige Fortleben im Volke zu gewinnen, für jeden gebildeten Volksgenoſſen zugäng- lich ſeyn.
Der wahre und ſchoͤnſte Werth der Geſchichte liegt gewiß nicht in ihrem bloßen Wiſſen in der Gelehrten Ge⸗ dächtniſſe, ſondern in ihrem ewigen, friſchen Fortleben in des Volkes Bewußtſeyn. Dahin ſollte und müßte es kom⸗ men, daß jeder gebildete Volksgenoſſe mit dem geſchichtli⸗ chen Leben ſeines Volkes innigſt vertraut und von dem Geiſte, der ihn aus der Geſchichte ſeines Landes anweht, durchdrungen werde. Es iſt allerdings für den critiſchen Forſcher im Felde der Geſchichte ein befriedigendes Be⸗ wußtſeyn, moͤglichſt alle Quellen durchforſcht, den geſchicht⸗ lichen Stoff vergangener Zeit in moͤglichſter Vollſtaͤndigkeit geſammelt, critiſch geprüft, berichtigt, gereinigt, geſaͤubert und nach ſolcher Laͤuterung das geſchichtliche Leben eines Volkes in einem großen Bilde zuſammengefaßt und zur Betrachtung dargeſtellt zu haben. Allein es iſt damit nicht alles gethan. Das Bild muß, wenn es belehren,
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erfriſchen und erfreuen fol, allgemeiner Beſchauung zu⸗ gaͤnglich gemacht, es muß, wenn fein Geiſt zum wahren Leben kommen und lebendig wirken ſoll, zur Ausſtellung gebracht werden. Es muß ins lebendige Bewußtſeyn der Betrachtenden uͤbergehen, wenn es fuͤrs Leben Bedeutung und Wichtigkeit gewinnen. fol.
Es iſt nicht zu laͤugnen, daß die locale Beſchaffenheit eines Landes die Erinnerung und das Bewußtſeyn ſeiner geſchichtlichen Vergangenheit mehr oder minder befördert und erleichtert. Ein flaches, nicht mit geſchichtlichen Mo- numenten vergangener Zeiten ausgeſtattetes Land weiſet weniger und ſchwerer auf das einſtige Leben und Wirken der Vaͤter zurück, An Berge und Monumente dagegen, welcher Art dieſe auch ſeyn mögen, knuͤpft ſich leichter Sage und Geſchichte an und ſie bringen ſomit auch leicht das Leben der Vergangenheit in das Leben der Gegenwart. Als ich vor wenigen Jahren auf einer Reiſe von Verong aus durch Tyrol herauf in das wunderherrliche Thal von Meran hineinfuhr, wußte mir ein ſchlichter Paſſeirer, als wir an der alten Burg der beruͤhmten Herzogin Marga⸗ retha Maultaſch voruͤber kamen, die Geſchichte dieſer ſeiner alten Landesfuͤrſtin, wenn auch mit einigen Sagen und Maͤhrchen untermiſcht, mit ſo lebendigem Intereſſe zu er⸗ zählen, daß Art und Inhalt des Berichtes meine Bewun⸗ derung erregten und als ich ihn befragte: woher er dieß
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alles wiſſe, erwiederte er: Hab's in vielen Büchern gele⸗ ſen, die wir in Paſſeier haben. Als ich dann wei— ter in die Gegend des Staͤdtchens Stertzing kam, wo die wilde Eiſach über ihr Felſenbette hinwegbrauſet, fand ich unfern von dem beruͤhmten und vielbeſuchten Wallfahrtsorte Trens am Wege unter einer Kapelle ein Heiligen-Bild hinter einem Eiſengitter, woruͤber die Inſchrift: „Bis hieher und nicht weiter drangen die feindlichen Reiter.“ Auf mein Befragen über die Zuſammenſtellung dieſer Worte mit dem heiligen Bilde, erzählte mir ein munterer, ruͤſti— ger Tyroler eine Reihe von Scenen aus dem letzten Ty⸗ roler-Kriege. Bis hieher, fügte er endlich hinzu, drang der feindliche Franzmann vor; da baͤumten ſich die Roſſe wild und ungeſtuͤm in die Höhe; keins war weiter fort⸗ zubringen; ſie waren ſcheu geworden vor dem heiligen wunderthaͤtigen Marienbilde. Darum haben wir's dahin geſchrieben: Bis hieher und nicht weiter drangen die feind⸗ lichen Reiter. — So lebt dort im Volke die Geſchichte ſeines Landes und ſo wirkt ſie dann auch zu Rath und That, wenn die Zeit der Noth einbricht.
So ſollte es überall ſeyn. In Preuſſen lebt jetzt, man darf es an feinem Volke ruͤhmen, viel rege Em= pfaͤnglichkeit fir geſchichtliche Auffaſſung und fuͤr die Auf⸗ nahme lebendiger Erinnerungen an feine vergangenen Zei ten. Die Erſtorbenheit alles Intereſſe an der Geſchichte
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des Landes, wie man fie noch vor einigen Jahrzehnden fand, iſt mehr und mehr verſchwunden. Die prachtvolle Marienburg hat nicht wenig beigetragen, mit ihrem ge= ſchichtlichen Fuͤrſtenglanz im Geiſte des Volkes Licht zu zuͤnden und das Intereſſe an des Landes großartiger Ver⸗ gangenheit von neuem wieder anzuregen. Dabei iſt auch die Schule im Unterricht über vaterlaͤndiſche Geſchichte nicht ganz laͤſſig geblieben; aber ſie hat doch hierin wohl noch manche Pflicht und manchen Wunſch unbefriedigt ge⸗ laſſen. Auch Schriftſteller haben, ſo verſchieden auch in ihren Leiſtungen ihre Verdienſte und in ihren Auffaſſungen ihre Richtungen und Tendenzen ſind, zur Erweckung des geſchichtlichen Intereſſe, jeder nach ſeiner Art, das Ihrige gethan. Allein das Ziel, welches in der geſammten Volks⸗ bildung mittelſt der geiſtig belebenden Bildungskraft der vaterländiſchen Geſchichte zu erreichen iſt und einſt noch erreicht werden muß, liegt immer noch in der Ferne. In der Jugend vor allem muß die Geſchichte mehr noch den Funken wecken, der einſt im Manne zur Flamme der Liebe zum Vaterlande auflodern und fuͤr Volk und Thron in rechter Thatkraft wirken ſoll.
Sonach iſt hiemit im Allgemeinen auch der Zweck dieſer Bearbeitung der Geſchichte Preuſſens angedeutet. Sie ſoll das Leben der Vergangenheit, ſo weit es bis zu einer gewiſſen Zeit auf Preuſſens Boden ſeine Buͤhne gehabt,
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in den verſchiedenen Richtungen und Verzweigungen menſch⸗ licher Thätigkeit, Wirkens und Strebens dem gebildeten Manne und durch das Organ der Schule oder des Leh⸗ vers der heranreifenden Jugend näher bringen und es ih- nen ſagen, was die Väter einſt geweſen, gewollt, erſtrebt und gewirkt. Darum iſt, wie ſchon in meinem groͤßeren Werke, auch hier wieder, ſo weit es nur irgend moͤglich geweſen, das geſchichtliche Leben in allen ſeinen verſchieden⸗ artigen Thaͤtigkeiten beruͤckſichtigt, namentlich auch die in⸗ neren Zuſtaͤnde mehr, als ſonſt in andern Bearbeitungen der Geſchichte Preuſſens hervorgehoben und zu näherer, Kenntniß gebracht worden. Ich hielt dieſe Hervorhebung der inneren Landes- und Volkszuſtaͤnde in meinem groͤßern Werke, wenn ich es ſagen darf, fuͤr einen Vorzug, den ich auch hier nicht aufgeben mochte, auch nicht aufgeben durfte, wenn ich meinem ausgeſprochenen Zwecke getreu bleiben wollte.
Dabei habe ich ſtets den Ernſt der Geſchichte, den wuͤrdigſten Schmuck, den Clio an der Stirne trägt, ob⸗ walten laſſen. Ich weiß, die Geſchichte läßt ſich für ſolche, die es moͤgen, mundgerechter und ſchmackhafter machen. Es giebt bereits Preuſſiſche Geſchichten ſolcher Art und es giebt auch Menſchen, die es lieben, die Geſchichte mit dem pikanten Gewürz einzelner Geſchichtchen und Sagen durch⸗ mengt und mit bluͤmelnden Redefloskeln beſtreut zu ſehen;
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und dann fehlt es auch nicht an ſolchen, die ein ſolches Gemengſel beloben und es auspoſaunen: das ſey die rechte Art, geſchichtliche Kenntniſſe an den Mann zu bringen. Mag's immerhin thun, wer an ſolcher buhleriſchen Aus⸗ ſtaffirung Gefallen findet. Aber gewiß der wahren, ern⸗ ſten Wiſſenſchaft thut er damit keine Ehre an.
Was die Art der Abfaſſung dieſes Werkes betrifft, ſo iſt es mehr oder minder ein nach einem beſtimmten Zwecke genommener Auszug aus meinem groͤßeren Werke und konnte nach der Ausdehnung und Ausfuͤhrlichkeit die- ſes letztern auch nur ein ſolcher ſeyn. Ich habe mich da⸗ bei aber mehr nur auf Preuffen allein beſchraͤnkt und die Geſchichte der Nachbarländer, die in dem größeren Werke mit ins Ganze verwebt war, weit weniger beruͤckſichtigt; und ich durfte mir dieß um fo mehr erlauben, da mitt- lerweile Pommern und Polen an Barthold und RMoepell ihre tuͤchtigen Geſchichtſchreiber gefunden haben. In ihren trefflichen Werken findet, wer weitere Belehrung uͤber die Geſchichte dieſer Länder wuͤnſcht und bedarf, fie in hinrei⸗ chendem Maaße. Auch in der Compoſition habe ich mich, jedoch hie und da mit Ausnahmen, meiſt an mein groͤßeres Werk gehalten, und auch dieß nicht ohne beſtimmte Abſicht, theils weil eben dieſe Compoſition und die geſammte ge⸗ ſchichtliche Anordnung und Abfaſſung in jenem Werke die Frucht einer reiflichen Erwaͤgung und Ueberlegung ſind
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und nur in Einzelnheiten Gründe vorlagen, von ihr etwas abzuweichen, theils auch damit es jedem, der in Einzeln- heiten weitere Belehrung wuͤnſcht, um ſo leichter werde, ſie in dem groͤßeren Werke aufzufinden.
Schließlich bemerke ich, daß die zwei übrigen. Bände dieſem erſtern in nicht großen Zeitraͤumen folgen werden.
Königsberg, den 4. September 1841.
J. Voigt.
Inhalt.
Erſtes Kapitel.
Land und Volk der älteſten Zeit Nachrichten der Alten über die Bernſtein⸗ an 15 Bruns Brote
Bernfteine Handel im Alterthum a Skandiſche Gothen n eee ee een Nordiſche Vöker⸗Bewegungen * r Wanderung der Slav en
Vidivarier des Jornandes . . Die Aeſtier und Theodorich der Große .
Zweites Kapitel.
Sage und Geſchichte.
Der Widewud und der Griwe . 1 Der Seefahrer Wulfſt ass Däniſche Anheimung . +
Der heilige Adalbert
Der Name Preuſſen
Drittes Kapitel.
Kämpfe mit Polen
Polens innere Wirren „„ RER eee eee bl Herzog Konrad von Maſovien ee um en Stiftung des Schwertritter⸗Ordens in Lidland IL 25680 Der Mönch Chriſtian von Oliva und ſeine Beteanakotuhe SEE. Der Orden des Ritterdienſtes Eheifli . 2 0 = Eat
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Viertes Kapitel. 2
Bürgerliche Ordnung und Verfaſſung der heidniſchen le Kriegsverfaſſung und Kriegsart . » “ » = N 5 Häusliches und geſelliges Leben der mu rufen 9 Religion und Prieſterſchafft. 1
Fünktes Kapitel.
Stiftung des Deutſchen Ordens im Morgenlande Hermann von Salza der Hochmeiſte ne
Des Ordens Berufung nach Preuſſen N Verhandlungen mit Herzog Konrad von Bin .
Gewinn des Kulmer landes n Eroberung Pomeſaniens und ee „„
Peſtſeuche 1 u eee Abfall der Neubekehrten N ( EHRE
Bedrängniß des Ordens r e ei Verbindung deſſelben mit dem orden in v eirland A
Sechſtes Kapitel.
Kampf um Balga . - 1
Eroberung Ermlands, Natangens 120 Barterlands. n Burgen baun ER en Herzog Suantepolc von Pommern e Wiederabfall der Landſchafte n Kämpfe mit Herzog e „ Waffenruhe nes
Tod des Biſchofs Chriſtan . TREE
Einrichtung der Bisthimer in Preuſfen 5
Neuer Kampf mit Suantepo cl Streitſache mit Lübe rk. Elbings Bedrängni :::: A ee Neu⸗ Chriſtbur gg 3 Friede mit Suantepole e eee Wiedergewinn der abtrünnigen Landschaften „ Friedensſchluß mit den Preuſſen = = e
Siebentes Kapitel.
Der Erzbiſchof Albert von Preuſſen
Neuer Hader mit Suantepole von Pommern ae Kahr von n Kuck Fürſt Mindowe in Litthaue n. Verſuch zu Samlands Eroberung Der Hochmeiſter Poppo von Oſterna 4
XIII
Aufbau der Memelburg „ eee
Kreuzzug des Königes Ottokar un Böhmen i
Samlands Eroberung
ie Varg Nünter s, ee e dnk
Eroberung Nadrau ens? Empörung der Samländer - Ur ee Der Landmeister Gerhard von Herzberg ene Bittere Stimmung der Neube kehrten Gefahr vor den Tataren A ec
Der Landmeiſter Hartmud von Grumdach. nere
Neuer Burgenban e e * Drohender Abfall der Neubekehrten ee N Schlacht an der Durbe in Livland
Achtes Kapitel.
Aufſtand und Abfall der Preuſſe n Schlacht bei Pokarweeneer n Belagerung der Ritterburgen
Kampf um Königsberg. n Wiedergewinn Samland: Kämpfe im Barterland und Natangen Schlacht bei öbaauuu na
Verluſt der Ordensburge n. Neuer Kreuzzug nach Preuſſee n Aufbau Brandenburgs ER e Herzog Miſtwin von Pommern wider den Orben Belagerung Chriſtburg , + » „ .
Des Vöhmen⸗Königes Ottokar 1 hal Pen 1 Kriegswirren im Kulmerlandee Drohender Untergang der Ordensherrſchaft
Ueuntes Kapitel,
Neue Erhebung des Ordens a * Kreuzzug des Markgrafen Dieterich bon wehe nad Preuffen Siege in Natangen 5 „ rent dl Unterwerfung der nördlichen Lande a Aud e
Untergang der Kriegshäuptlinggggne Beendigung des Kampfes in Pogeſanien Der Landmeiſter Konrad von Thierb erg
Aufbau Marienburg ss 10 N Unterwerfung Nadrauens und Söataume „ nan Kampf in Sudauen ene e e Mangold von Sternberg
Skomands Erge bung ng
2⁴⁰
2⁴¹
255
x
Sudauens Unterwerfung Name , ee Förderung der Landeskultur und der Stüdte eee ee 257 Zehntes Kapitel. 0 Kriegszüge gegen Litthaue n. 259 Kriegsfehden der Strutee r. 208 Förderung der Landeskultuunr . 264 Der Landmeiſter Meinhard von Querfur rr. 2065
Weichſel⸗ und Nogatdämme .» » 2 nm) vn ann ne 2 Gründung Preuſſiſch⸗ Hollands 2867
Aufbau Ragnits und Tilſit 3 2508 Bekämpfung Samaitens 8 n e e e Des Hochmeiſters Burchards von Schwenden Abdankung h Verluſt der Ordensbeſitzungen im Morgenland 270 Jeruſalem in Preuſſen enen Wirren in Pommern und Polen „„ „ eee ee en A e Kriegszuͤge nach Litthauen « „ „„ lee. e ee Nomowe's Vernichtung in Samaiten eee. t eg Samaitens Unterwerfung „ e e ee 4277.
Neue Empörung gegen die Daa ae ir Vierbrüderſäulte RB e b AR e et Begünſtigung der Withinge 452 „„ e, t DT Der Hochmeifter Gottfried von eis FB a re de eee Kämpfe mit den Litthauern „ erk. en TER, 1284 Förderung ſtädtiſcher Betrichfamkeit . are eee ash Meinhards von Querfurt Toood . 287 Wechſel der Landmeiſte rk 14 1 % EN
Elktes Kapitel.
Der Landmeiſter Helwig von Goldbach h Gottfrieds von Hohenlo*e Entſagung des Meifteramtes. n Der Hochmeiſter Siegfried von . „3 Spaltung im Orden LER ART, BT 0 BAR e Der Landmeiſter Konrad ad . e eee eee e. eg Kriegszüge nach Litthauen nn Förderung des ſtädtiſchen Lebens uns der Lenderkoltur a ee e207 Erwerb des Michelauer⸗Landes ite 298 Erweiterung des Ordensgebietes in Ponhaidsetih. a BO Der Landmeiſter Heinrich von Plotzzt e 303 Eroberung Pommerns durch die 83 enn ES
Danzig im Beſitz des Ordens 5 URN? e Eroberung Dirſchau's und der Burg Eds. nr „ 307 Vertrag mit Brandenburg wegen Danzig, Dirſchau aa eee RT Steeit des Ordens mit dem Erzbiſchofe von Rigg ei
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Des Ordens Anklage am päpſtlichen Hofe .
Plan zur Vertreibung des Ordens aus Preuſſen und eivland Verlegung des Hochmeiſter⸗Sitzes nach Marienburg Des Haupthauſes Bedeutung und Wichtigkeit 5
Zwölftes Kapitel.
Umwandlung der alten Landesverhältniffe . Landesbehörden und ane e e N PM Der Landmeiſteer „ ee en bine Das Drbensmiarfhall . . > 5 = 4 nde mirgin Die Komthure . 9908
Die Ordens⸗Vögte n Finanz⸗Ver waltung Das Kirchenthum rn ee Die Biſchöfe und Domkapitel. „„ „ nge Verwaltung der Biſchofsthei le
Dreizehntes Kapitel.
Landesverfaſſung und Landesordnung Die Deutſchen Einzöglinge . Landesritterſchaft N
Der Deutſche Bauernftand . 1 Entſtetzung Deutſcher Dörfer Die alten Stammpreuſſen
Der Withings⸗ Stand Freilehens⸗ Leute . Kölmer
Der Preuſſiſche Bauernſtand und bie Hinterfaffen
Vierzehntes Kapitel.
Städte und Bürgerthum . >» 2 m nn anna Städtiſche Verfaſſung n Städtiſches Gewerbsweſen 58 Handel mit dem Auslande.
Münzweſen W
Stand der Wolkebüdung n,
Luntzehntes Kapitel.
Sicherung der Ordensbeſitzungen in Pommerellen Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga
Der Hochmeiſter Karl Veffart von Trier h Kämpfe mit den Litthauern e Schlacht bei Woplauken
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Neue Erwerbungen in Pommern Anordnung der oberſten Gebietiger⸗Aemter Peſt und Hungersnot᷑ hh Innere Landesverwaltung * u Aufbau von Chriſtmem ell „ Fortgeſetzte Heiden⸗ Kämpft Streit mit dem Erzbiſchofe von 129 eee Zwieſpalt im Orden 75 5 1 Abſetzung des Hochmeiſters Karl von Arier n
Streit mit den Polniſchen Biſchöfe n
Streit mit Polen wegen Pommern Sechzehntes Kapitel.
Innere Landesverwaltung „ „ ehe
Kämpfe mit den Litthaueeer nn Neuer Kreuzzug nach Preuſſe n Des Königes Gedimin Bekehrungs⸗ Briefe Der Friedensſchluß mit Gedim in
Der Erzbiſchof von Riga und der ec Karl bon Trier m
päpſtlichen Hofe 5 ee Streitverhandlungen am päpſtlichen HofffeeQ 2... - Des Papſtes Sprung as
Des Hochmeiſters Karl von Trier Heimkehr und Tod.
Erſtes Kapitel.
Land und Volk der älteſten Zeit. Nachrichten der Alten über die Bernſtein⸗Inſel und Preuſſens Bewohner. Bernſtein⸗ handel im Alterthum. Skandiſche Gothen. Nordiſche Völ⸗ kerbewegungen. Wanderung der Slaven. Vidivarier des Jornandes. Die Aeſtier und Theo dorich der Große.
Preuſſens Urzeit it in tiefes Dunkel gehüllt. Ueberblickt man des Landes Geſtalt, erforſcht man ſeine innere Beſchaffenheit, ſo unterliegt es kaum einem Zweifel, daß Preuſſen einſt vor Jahr⸗ tauſenden vom Meeresgewäſſer bedeckt, ſein Boden ein Erzeug⸗ niß überfluthender Gewäſſer geweſen und erſt durch gewaltige Veränderungen und Umwälzungen telluriſcher Verhältniſſe dem Lichte der Sonne zugänglich, wie für das Leben der Menſchen⸗ und Thierwelt tauglich geworden ſey. Es iſt die Anſicht wahr⸗ ſcheinlich gefunden worden, daß ſich einſt in den von Preuſſen aus ſüdlich und ſüdöſtlich gelegenen Nachbarlanden zwei große Waſſerbecken gebildet und ſo lange erhalten haben, bis ein ge⸗ waltiges Naturereigniß ſie durchbrochen und die geſammelten Waſ⸗ ſermaſſen in wilden Strömungen ſich theils nordwärts theils nordweſtlich hin aus ihren Behältniſſen entladen konnten. Be⸗ ſtätigt wird dieſe Anſicht durch die nachgewieſene Richtung der letzten großen Waſſerfluth von Süden und Süd⸗Oſten nach Nor⸗ den und Nord-Weſten, durch die eigenthümliche Lage der Hö⸗ henzüge in Preuſſen ſelbſt und die außerordentliche Ausdehnung der Strombetten ſeiner größten Flüſſe.
Dieſer Annahme von Preuſſens Urgeſtalt entſprechen zur Beſtä⸗ tigung noch heut zu Tage die fo äußerſt zahlreich vorhandenen Verſtei⸗ nerungen von Schalthieren, Seegeſchöpfen und anderen Erzeugniſſen des Meeres, als Ueberreſte einer ehemals belebten Waſſerwelt von Thieren und Gewächſen, die hie und da wiederkehrenden Reihenlagen
Voigt, Geſch. Preuff, in 3 Bdn. I. 1
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von großen Felstrümmern und mächtigen Steinmaffen in dem fonft ganz felfenleeren Lande, welche einſt aus den ſüdlichen Urgebir⸗ gen der Karpathen losgeriſſen, durch die Macht der Waſſerſtrö⸗ mungen hinweggewälzt, abgeglättet und abgerundet, ſämmtlich ihre Richtung von Süden nach Norden gegen die See hin ha⸗ ben, nicht minder auch der Umſtand in der Bodenbeſchaffenheit des Landes, daß Preußen nach Süden hin ſehr bedeutende Sand⸗ gegenden aufweiſt, weil dort in der fortſtrömenden Waſſermaſſe die gröberen und ſchwereren Sandtheile vor dem Höhenzuge in der Mitte des Landes früher ſich niederlagerten, während die feineren und leichteren Erdtheile, über den Höhenzug hinwegge⸗ tragen, ſich erſt weiter nördlich niederſenkten und ſo den im Norden des Landes im Allgemeinen weit fruchtbareren Boden bildeten. Endlich weiſt auf dieſe Urgeſtalt Preuſſens auch die ganz eigenthümliche Geſtaltung der äußerſt flachen und faſt ganz bergloſen Erdoberfläche des Landes hin. Südwärts jedoch hat ſich unter der Waſſerfluth ſenkrecht gegen die Richtung ihrer Strömung ein Höhenzug gebildet, der jetzt einem Theile der Flüſſe des Landes ihre Richtung nach Süden, einem andern die ent⸗ gegengeſetzte nach Norden beſtimmt und ſich in ſolcher Weiſe als die Hauptwaſſerſcheide des Landes geltend macht. An ihn, als den Haupthöhenzug, lehnen ſich aber andere lange Höhenlinien an, die wie in ihrer äußeren Geſtaltung, ſo in ihrer inneren Beſchaf⸗ fenheit auf eine gleiche Bildung durch die Wirkungskraft der Fluthgewäſſer ſchließen laſſen, denn es find, wie die Unterſu⸗ chung gelehrt, auf Stein» und Erdmaſſen aufgeſchwemmte Hö⸗ hen, durch die Waſſerfluth aufgetriebene Verſandungen, nach der Richtung der Waſſerſtrömung von Süden nach Norden ge⸗ lagert, oſt⸗ und weſtwärts von geringerer Breite, gegen Norden aber meiſt mit geringerer und mäßigerer Abdachung als gegen Süden. Ihre eiförmige Geſtalt deutet ſichtbar auf eine durch Ueberfluthung und Niederſchlag geſchehene Bildung hin. Es find alles Flözgebirge, über einander liegende Schichten von Sand, Erde und Steinarten, die in ihrem Innern die erwähnten Ver⸗ ſteinerungen von Seethieren und anderen Körpern der Waffer⸗ welt verborgen halten. Jahrtauſende mag dieſer Urzuſtand Preuſſens gedauert und die fluthende Waſſermaſſe die neuen Bildungsſtoffe des Bodens
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über einander gelagert haben, bis endlich durch fortwährende Niederſchläge und Anſchwemmungen die Schichten der aufgela⸗ gerten und angehäuften Sand» und Erdſtoffe ſich ſo hoch em⸗ porhoben, daß die Gewäſſer ſich in Flußthäler ſammelten und als Ströme und Flüſſe ſich ihre eigenen Betten bilden mußten. Alſo würden in ihrer Richtung nach Norden und Weſten zu die Weichſel, der Elbing, die Paſſarge, die Alle, der Pregel, die Memel und die übrigen kleineren Flüffe, und jenſeits des Haupt: hoͤhenzuges die Drewenz, die Neide, der Omuleff und andere entſtanden ſeyn. Als die letzten Ueberreſte der abſtrömenden Waſſermaſſe aber blieben im Tieflande, wo die Gewäſſer ſich tiefer in den Boden eingeſenkt und aus irgend welchen Gründen keine Anlagerung neuer Bodenbildungsſtoffe möglich geweſen war, in den Vertiefungen des alten Meeresbodens die Seen ſtehen, mit denen Preuſſen noch in ſpäter Zeit fo außerordentlich über⸗ füllt war, daß ihre Zahl, nachdem viele ſchon trocken lagen, noch über zweitauſend ſtieg. Sie bildeten das Urbette der einſt das ganze Land bedeckenden Meeresfluth.
Die ſpäteſten Erzeugniſſe diefer tauſendjährigen Schöpfung ſind ohne Zweifel theils die Niederungen an der Weichſel, an einigen Küſtenſtrecken des Friſchen und Kuriſchen Haffs und an der Memel, theils die Nehringen an der Süͤdküͤſte der Oſtſee. Jene ſcheinen überall die letzten Niederſchläge der feinſten und alſo fruchtbarſten Erdbildungsſtoffe aus der Waſſerfluth erhalten und am längſten unter den Gewäſſern geſtanden zu haben, woher ſich auch der merkwürdige Umſtand erklärt, daß die Niederungen nicht nur aller Steingattungen, ſondern durchaus auch alles Ouell⸗ waſſers entbehren. Die Nehringen mögen ihre Entſtehung wohl nur der Wirkung zweier einander entgegenſtrebender Kräfte ver⸗ danken, deren eine durch den von Norden nach Süden gehen den Druck der Waſſermaſſe der Oſtſee gegeben war, die andere dagegen durch die aus den Strömen und Flüſſen von Süden und Oſten herandrängenden Gewäſſer erzeugt ward. Da wo ſich die beiden Kräfte im äußerſten Drucke entgegenſtehen, haben ſich in alter Zeit mächtige Sanddünen gebildet, als natürliche Schutzmauern gegen das Eindringen des Meergewäſſers ins feſte Land. Dieß find die Nehringen, wie vor dem Oder⸗Strome, der Weichſel, dem Elbing und dem Pregel, ſo vor dem Niemen
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und der Düna, denn dort wie hier hatten gleiche Urkräfte dies ſelben Erſcheinungen und Erfolge. Ueberall haben daher auch dieſe Ströme zwiſchen dem Feſtlande, aus welchem ſie kommen, und jenen aufgetriebenen Sanddünen große Waſſerbehältniſſe, Binnen + Seen oder ſ. g. Haffe gebildet, die ihre Waſſermaſſen aufnehmend zugleich die Kraft brechen, die ſonſt in unmittelbarer Wirkung mit dem Gewäſſer der See ſtand.
So mag ſich der Boden und die Naturbeſchaffenheit Preuſ⸗ ſens, wohl offenbar eines der jüngern Länder der Erde, gebil⸗ det haben. Wann nun aber und woher das Land ſeine erſten Bewohner erhalten, wie ſich das erſte Leben der Thier und Menſchenwelt hier geſtaltet und wie lange der Urzuſtand dieſer neuen Welt gedauert habe, iſt unmöglich zu erforſchen. Wohl aber mag damals, wie eine Menge ganz anderer Thier- und Pflanzengattungen auf dem neuen Boden lebten, auch in ju⸗ gendlich friſchem Aufwuchſe die Baumart gegrünt haben, aus welcher das Harz des Bernſteins träufelte; es mögen damals die Luft jene Inſectengattungen durchſchwärmt haben, die, in dem träufelnden Harze gefangen, jetzt noch die einzigen Zeugen ihrer Gattungen ſind.
Dieſe glänzende Naturgabe, der Bernſtein, bietet ſich uns als der älteſte Führer in dieſer dunklen Zeit, als das erſte, wenngleich noch mattdämmernde Licht in der tiefen Nacht des Alterthums dar. Freilich ſtrahlt es, da wo es leuchtet, keines⸗ wegs immer auf Preuſſen hin. Die Bücher Moſis und die Geſänge Homers kennen ſchon das koſtbare Naturprodukt, die letzteren aber, wie es ſcheint, als ein Erzeugniß Siciliens. Erſt Herodot, der Vater der Geſchichte, weiß es gewiß, daß der Bernftein ein Erzeugniß des hohen Nordens Europa's iſt, wo er, wie man ihm berichtet, an der mitternächtlichen Mün⸗ dung eines Stromes Eridanos gefunden werde. Wie der alte Forſcher aber ſelbſt an der Wahrheit dieſer Nachricht zweifelt, ſo iſt es keiner der vielfachen Deutungen gelungen, zu ermitteln, welcher Strom des Nordens im Eridanos ſicher zu finden ſey, ob die Düna, die Radaune, der Rhein u. ſ. w. Auch die kühnen Seefahrten der ſeekundigen Phönicier und ihr Handel mit Bernſtein führen uns zu keiner feſten Gewißheit, ob ſie dieſen ſelbſt, die Säulen des Hercules umſchiffend, im
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bernſteinreichen Samland auf ihren Kielen abholten, oder ob er ihnen nicht durch Zwiſchenhandel aus Gallien und Spanien zukam, wie fie das Zinn, mit dem ſie handelten, auf dem Landwege aus Britannien bezogen, denn es ermangelt aller Be⸗ gründung, daß das kühne Seevolk eine Phöniciſche Colonie in der Nähe der Bernſteinküſte, auf Hela oder im alten Kulm geſtiſtet habe.
Die erſte etwas nähere Kunde über das nordiſche Bern⸗ ſteinland bringt uns aus der Phocäiſchen Pflanzſtadt Maſ⸗ filien in Gallien der kühne Seefahrer Pytheas. Einer der Erſten, die eine Seeſahrt um Europa's weſtliches Ende wagten, gelangte er zur Zeit Alexanders des Großen, etwa dreihundert und einige zwanzig Jahre vor Chriſti Geburt, auf ſeiner See⸗ reiſe zuerſt an Britanniens ſüdöſtliche Spitze, nach Cantium heute Canterbury), von wo das Zinn nach Gallien kam, und dann in langſamer Weiterfahrt auch an die Küſten Preuſſens. Als ihre Bewohner fand er dort ein Germaniſches Volk, die Guttonen oder Gothen, und eine Tagesſchiffahrt von ihnen ent⸗ fernt liegend ward ihm eine Inſel Abalus genannt, an welche im Frühling bei ſtürmendem Meere der Bernſtein ausgeſpült wurde, von den Bewohnern theils ſtatt des Holzes zur Feuerung, d. h. vornehmlich zum Opferfeuer für ihre Götter, verbraucht, theils an die nachbarlichen Teutonen verkauft. Das Volk kannte noch keine edlen Früchte, von zahmen Thierarten nur einige, pflegte aber mit Fleiß Bienenzucht und Getreidebau; aus Honig und Getreide bereitete es ſich fein Getränk und nährte ſich von Hin ſen, Kräutern, Wurzeln und Früchten. Das weit ausgedehnte, durch das eindringende Meer vielfach zerriſſene Küſtenland, deſſen einen Theil die Guttonen bewohnten, ward Mentonomon genannt, ein Name, über deſſen Bedeutung viel geſtritten und nichts Sir cheres ermittelt iſt. Daß Pytheas aber mit der Benennung Abalus die Bernſtein-Inſel Samland bezeichnen wollte, unter: liegt kaum noch einem Zweifel. Als ihre Bewohner wurden ihm die Oſtiäer genannt.
Alſo treten uns durch des Pytheas Bericht zuerſt die Na⸗ men zweier Völker als der erſten Bewohner Preuſſens entgegen, die für uns in jeder Weiſe von großer Wichtigkeit ſind. Wir finden fie in denſelbigen Wohnſitzen viele Jahrhunderte hindurch, denn die Guttonen ſind offenbar die nämlichen Gothonen oder
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Gothen, die uns etwa fünfzig Jahre nach dem Anfange unferer Zeitrechnung bei Plinius, im erſten Jahrhundert bei Tacitus und anderthalbhundert Jahre nach Chriſti Geburt bei Ptolemäus noch in eben dieſen Wohnſitzen wieder begegnen, deren frühe Niederlafs ſung und Anheimung in der Umgegend des Weichſel⸗Stromes der gothiſche Geſchichtſchreiber Jornandes im ſechſten Jahrhundert erwähnt und deren Name ſich ſelbſt bis ins zwölfte und drei⸗ zehnte Jahrhundert hin bei den Nachbarvölkern erhielt. In den Oſtiäern aber ſehen wir daſſelbe Volk, deſſen Tacitus einige Jahrhunderte nach Pytheas unter dem wenig veränderten Namen der Aeſtier noch an der Bernſteinküſte der Oſtſee gedenkt und das im Anfange des ſechſten Jahrhunderts noch immer an der⸗ ſelben Küſte hauſend dem großen Gothenkönige Theodorich ein koſtbares Geſchenk von Bernſtein brachte, zur Zeit Karls des Großen dem Geſchichtſchreiber Eginhart als Anwohner der Oſtſee bekannt iſt und noch am Ende des neunten Jahrhunderts, wie wir ſpäterhin ſehen werden, von dem nordiſchen Seefahrer Wulf⸗ ſtan unter demſelbigen Namen und an der nämlichen Küſte Preuſ⸗ ſens gefunden ward. Sein Name, ihm offenbar von ſeinem weſt⸗ lichen Nachbarvolke, den Gothen, gegeben, bezeichnete die Oeſt⸗ lichen oder die von ihnen im Oſten Wohnenden. — Dieß ſind die wenigen Züge, die uns als Reſte aus des Pytheas gewiß viel vollſtändigerem Berichte über das alte Bernſteinland hinterlaſſen worden ſind, die erſten Strahlen, die das Dunkel der alten Nacht durchbrechen.
Dieß erſte Dämmerlicht aber, vom kühnen Maſſilier durch ſeine Reiſe über Preuſſen entzündet, verlöſcht nun wieder an drei Jahrhunderte hindurch. Erſt Diodor von Sieilien wirft, etwa zwanzig Jahre vor Chriſti Geburt, von neuem einen Blick auf jene Inſel im Norden, bei ihm Baſileia genannt, an welche die Meeres fluth in Menge Bernſtein ausſpült, der, wie er ſagt, ſonſt nirgend in der Welt gefunden wird. Beſtimmt weiß zwar Dio⸗ dor die Lage feiner Inſel Baſileia nicht zu bezeichnen; allein wir werden ſpäter Beweiſe finden, daß ſie keine andere iſt als des Pytheas Eiland Abalus oder das bernſteinreiche Samland. Von Wichtigkeit iſt, daß dieſer Geſchichtſchreiber nicht bloß eben⸗ falls des Bernſteinhandels ins weſtlich liegende Teutonen⸗Land erwähnt, ſondern uns auch die erſte Spur eines Handelsverkehrs
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zwiſchen Italien und dem alten Bernſteinlande entgegenbringt, denn daß man in Italien nur den Bernſtein von der Inſel Ba⸗ ſileia kannte, iſt ein Beweis, daß man ihn nur von ihr aus, ſonſt nirgend woher durch Handel erhielt.
Wenn aber nun für dieſe noch ſo dunkle Zeit eine ſpäter entſtandene Sage auftritt, nach welcher eine Anzahl ſternkundiger Männer aus Salura, einer Stadt Bithyniens, aus Neugier zur Erforſchung der Bewohner des ſiebenten und achten Himmels⸗ kreiſes im Norden eine Reiſe bis nach Preuſſen unternommen haben ſollen, fo läßt ſich ſchon voraus vermuthen, daß wir dar⸗ aus keinen beſondern Ertrag für nähere Kenntniß des Landes gewinnen können. Wir erfahren auch wirklich über das Volk der Ulmigerer, welches die Reiſenden im Lande gefunden haben wollen und wovon uns die Sage eine Beſchreibung giebt, nichts weiter, als was nicht auch von jedem andern rohen und unge⸗ bildeten Volke gelten könnte. Auch ſtimmt manches Einzelne mit andern Berichten nicht einmal überein. Trugen doch ſelbſt die Kriegszüge der Römer unter Druſus und Germanicus we⸗ nig oder nichts dazu bei, die Länderkunde bis an die Küſten Preuſ⸗ ſens zu erweitern, denn auch noch funfzig Jahre nach Chriſti Geburt find die Nachrichten über die Oſtſee⸗Länder höchſt man⸗ gelhaft, unbeſtimmt und fabelvoll. Das beweiſt der Geograph Pomponius Mela; er kennt zwar den Codanlſchen Meerbuſen, den weſtlichen Theil der Oſtſee, und in ihm mehre größere und kleinere Eilandez er ſchildert ferner auch, wie Pythegs, die Be⸗ ſchaffenheit des Küſtenlandes am nordöſtlichen Theile der Oſtſee, die Küſtengebiete Preuſſens bezeichnend, und nennt uns end» lich auch ſchon den Namen des Weichſel-Stromes. Seine Un: kenntniß des Volkes aber verdeckt er durch Fabeleien von Eier⸗ Eſſern, Pferde⸗Füßlern, Ganz + Ohren u. ſ. w.
Da tritt uns zehn Jahre ſpäter, zur Zeit der Herrſchaft Nero's in Rom, für die genauere Kunde des nordiſchen Bern⸗ ſteinlandes ein äußerſt wichtiges Ereigniß entgegen. Ein Römi⸗ ſcher Ritter erhielt von dem genannten Kaiſer ums Jahr 54 oder 56 nach Chr. Geburt den Auftrag zu einer Reiſe in das weit entlegene Bernſteinland Preuſſen, um zur Verherrlichung eines glänzenden Schauſpiels das hochgeſchätzte Naturprodukt im reichſten Maaße aus ſeiner Urheimat ſelbſt herbeizubringen. Glücklich in
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Preuffen angelangt, brachte er nach Jahresverlauf eine fo reiche Ladung von Bernſtein nach Rom zurück, daß das Volk ſtaunte, als bei dem Stiergefechte Netze, Waffen der Kämpfer und alles, was zum Feſte gehörte, prachtvoll von Bernſtein glänzte. Große Bewunderung erregte ein Bernſteinſtück von 13 Röm. Pfunden, nach unſerm Gewichte etwas über 9 Pfund.
Zwei bedeutende Folgen gingen aus dieſer Reife des Röm. Rit- ters nach Preuffen hervor, zuerſt eine ungleich hellere Kenntniß und beſtimmtere Nachrichten über die Oſtſee⸗Küſte öſtlich von der Weichſel, und dann auch größerer Betrieb des Bernſteinhandels zwiſchen Preuſ⸗ ſen und Italien. Widmen wir Beidem eine etwas nähere Be⸗ trachtung, ſo finden wir ſchon bei einem Zeitgenoſſen jenes Rit⸗ ters, bei Plinius dem Aeltern, der mit ſichtbarer Vorliebe alle Nachrichten über den Norden theils aus früheren Schriftſtellern, theils aus eigenen Nachforſchungen von Zeitgenoſſen zuſammen⸗ ſtellte, eine weit genauere Kunde der nordiſchen Völkerverhältniſſe. Unter den fünf Hauptvölkerſtämmen, in die er Germaniens Be⸗ wohner eintheilt, nennt er, in ſeiner Völkertafel von Oſten nach Weſten ſchreitend, zuerſt den Volksſtamm der Vindiler und zählt zu ihm als deſſen einzelne Zweige die Burgundionen, Variner, Cariner und Guttonen. Im Gefanmt + Namen Vindiler umfaßt er die Gefammt - Maffe der Küſtenbewohner der Oſtſeeländer, denn der Name Vindiler oder Vandalier (wie ihn Tacitus ſchreibt) bezeichnet ſelbſt nichts weiter als Bewohner der Meereswand oder der Seeküſten, von denen die Variner und Cariner die Ges biete von Mecklenburg und Schwediſch-Pommern, die Burgun⸗ dionen die Küſtenlande von Pommern bis an die Weichſel und die Guttonen das Land längs dieſem Strome in Preuſſen beſetzt hiel⸗ ten. Die geſammte Völkermaſſe der Vindiler aber gehörte nach des Plinius Zeugniß mit zum großen Sueviſchen Volks⸗Stamme, der ſich in feiner ungeheuern Ausdehnung von den Gauen des Mains und der Donau bis an die Oftfee und noch über dieſe hinaus erſtreckte, ſo daß man wohl auch die weſtlichen Bewohner Preuſſens als Sueven betrachten kann. Alſo fand Plinius daſſelbe Volk der Guttonen oder Gothen vierhundert Jahre nach des Pytheas Zeit noch in den nämlichen Wohnſitzen öſtlich von der Weichſel, in welchen es dieſer alte Seefahrer ſah. Daß er aber der oſt⸗ wärts wohnenden Aeſtier nicht weiter gedenkt, darf nicht befrem⸗
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den, da es keineswegs ſein Zweck war, alle einzelnen Völker⸗ Zweige aufzuzählen, indem er bloß eine allgemeine Weberficht der Germaniſchen Völker liefern wollte. Daß jedoch fein Blick ſchon bis zu ihnen reichte, dürfen wir aus den Namen ſchließen, die er zwei Strömen Preuſſens giebt, denn er kennt und nennt nicht nur den Weichfel- Strom, ſondern auch den Guttalus, bis zu welchem bei ihm ſich Germaniens Gränze ausdehnt. Er verſteht unter ihm offenbar den Pregel - Strom, bis zu deſſen Ufern hoͤchſt wahrſcheinlich die Wohnſitze der Gothen oder Guttonen reiche ten, woher er auch ſeinen Namen trug. Er war ſomit der Gränz⸗ ſtrom zwiſchen den Gothen und Aeſtiern.
Auch mit dem Lande dieſes letztern Volkes, mit der Bern⸗ ſtein⸗Inſel, auf der es wohnte, war Plinius nicht ganz unbe⸗ kannt. In ältern Schriftſtellern, die er über fie durchforſchte, fand er nicht weniger als vier Namen, die man ihr beilegte, nämlich Raunonja, Abalus, Baſileia und Oſericta; und die Ber richte erzählten ihm: an das Eiland werde um die Frühlingszeit von den Meeresfluthen der Bernſtein ausgeworfen; es ſei von einer Ceder⸗Waldung bedeckt und von dieſer Baumgattung träu⸗ fele der Bernſtein auf das Geſtein nieder.
Um dieſen räthſelvollen Namen des Eilandes beſtimmte Bedeu⸗ tungen zu geben, ſind Vermuthungen auf Vermuthungen gehäuft wor⸗ denz nur darin war man einig, daß der eine oder der andere jener Na⸗ men allerdings auf die Bernſtein⸗Inſel Samland hinweiſe, denn als eine Inſel ward Samland in alter Zeit faſt immer betrachtet. Zer⸗ legen wir aber die Namen ſelbſt in ihre eigentlichen Bedeutungen und laſſen wir nicht unbeachtet, daß es nicht bloß Griechen wa⸗ ren, welche Plinius bei ſeinen Forſchungen über die Bernſtein⸗ Inſel benutzte, ſondern daß deren Berichte auch ſämmtlich in Griechiſcher Sprache abgefaßt waren, fo finden wir, daß die ers wähnten Namen insgeſammt eine Beziehung auf Samlands ur⸗ alte örtliche Beſchaffenheit haben. In ſehr alter Zeit nämlich lag in Samlands weſtlicher Küſtengegend ein heiliger Götterſitz der drei Haupt + Landesgötter, Romove genannt, zugleich auch der Wohnort des oberſten Priefters und Richters des Volkes. Als Gebieterſitz und als der Ort der Herrſchaft hieß er auch Ri⸗ kaito, Rikajoth und Rikta. Als heiligſter Punkt des Eilandes durfte er von keinem Fremdlinge betreten werden; als Strafe
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ſolcher Entweihung erfolgte für jeden der Tod. In dieſen heili⸗ gen Verhältniſſen des Landes aber liegt auch die Deutung feiner Namen. Dem Maſſilier Pytheas nämlich, als dem erſten Ver⸗ breiter derſelben, ward auf ſein Befragen über die Küſte wahr⸗ ſcheinlich zuerſt der Name Romove oder damals vielleicht Rau⸗ movo oder Raumovien genannt; dieß würde der entweder durch fehlerhafte Aufzeichnung oder durch nachmalige fehlerhafte Ab⸗ ſchreibung verſtümmelte Name Raunonia ſein. Pytheas erfuhr ferner: in dem Lande ſey das Rikaito oder Rikta des Volkes, der Herrſcherort, der Gebieterſitz; er übertrug ſolches in feine Griechiſche Sprache und bezeichnete den Namen Raumovia noch näher durch die Benennung oder das Wort Baſileia (Bagel). Dem Fremdlinge ward ferner der Ort als ein heiliger, als ein heiliges Rikta bezeichnet. Den Begriff der Heiligkeit konnte er in ſeine Griechiſche Sprache faſſen; der Name Rikta aber blieb als fremd unverändert; es entſtand ſomit der halb Griechiſche und halb ausländiſche Name Sſericta (eigentlich OoνRikta). End⸗ lich ward dem Fremdlinge der Ort als ein ſolcher bezeichnet, der ohne Gefahr des Lebens durch keinen Fußtritt entweiht wer⸗ den durfte und alſo wie für Fremdlinge, ſo ſelbſt auch für die Landesbewohner ein unzugänglicher Ort ſey. Auch dieſen Um⸗ ſtand drückte er durch ein Griechiſches Wort "ABEßmAos aus, welches, von einem Orte gebraucht, ſo viel als heilig, geweiht, für Nichtgeweihte unzugänglich bedeutet und woraus durch Ver⸗ kürzung der Name Abalus entſtanden iſt. Sonach haben ſämmt⸗ liche vier Namen, womit die Alten die Bernſtein⸗Inſel Sam⸗ land belegten, ihre Beziehung auf den heiligen Götter ⸗ und Prieſter⸗Sitz an Samlands weſtlicher Küſte. Daraus aber würde auch folgen, daß ſchon in uralter Zeit, in den Tagen des Pytheas, über dreihundert Jahre vor Chriſti Geburt in Sam⸗ land der alte, heilige Götterſitz Romove dageſtanden und im Munde der Fremdlinge der ganzen Landſchaft ihren Namen gege⸗ ben habe, ſo daß es kaum auch zu bezweifeln ſeyn dürfte, daß es Bernſtein aus Samland war, womit man in Maffilien Hans del trieb und in Rom der Prunkſucht und dem Luxus huldigte.
Mit noch hellerem Blicke ſieht am Ende des erſten Jahr⸗ hunderts nach Chriſti Geburt der ernſte Geſchichtſchreiber Tacitus auf die Länder des Nordens und namentlich auch auf Preuſſen
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hin. Mehr um die Sittengeſchichte der Völker bekümmert nennt er die Sueven als den mächtigen Volksſtamm, der zu ſeiner Zeit den größten Theil der nordiſchen Lande bewohnte. Bu ihm zählt er auch das Volk der Aeſtier, nach ihm am rechten Geftabe des Sueviſchen Meeres oder der Oſtſee wohnend; Brauch und Tracht bezeichneten es als Sueviſch; der Aeſtjer Sprache aber, ſagt er, nähere ſich der Britanniſchen. Die Mutter der Götter finde bei ihnen Verehrung; ſelten ſey unter ihnen des Eiſens, häufig der Keule Gebrauch. Getreide und andere Früchte baueten ſie mit emſigerem Fleiße, als ſonſt bei den trägen Germanen ge⸗ wöhnlich ſey; auch das Meer werde von ihnen vielfach verſucht; ſie allein ſammelten den Bernſtein, der bei ihnen Gleſum (Glas) heiße, am Seeufer ein; für ſie ohne Nutzen werde er von ihnen roh und ungeſtaltet Fremdlingen gerne und nicht ohne Verwun⸗ derung gegen dargebotene Preiſe überlaſſen. Mit genauer Kunde ſpricht dann Tacitus auch über die Erzeugung der glänzenden Naturgabe. Er weiß, daß es ein Baumharz ift, in welchem Flügels und Erdthiere eingefangen durchſchimmern, aus einer Baumgattung unter ſtarker Sonnenhitze ausgepreßt und in das nahe Meer geworfen, von wo es durch Stürmegewalt ans Ufer wieder angeſchwemmt wird.
Neben dieſem Aeſtier⸗Volke kennt auch Tacitus, mit Pli⸗ nius übereinſtimmend, als weſtliches Nachbarvolk die Gotonen oder Gothen. Drei Völker, Lygiſche Volkszweige, find es, die bis an die jahrhundertlange Völkerſcheide des Weichſel⸗ Stromes im Weſten die Wohnſitze der Gothen begränzen. Bis zu dieſem Strome lagen im heutigen Pommern nach Abend hin zu⸗ erſt die Burgundier, dann weiter nach Norden hinab längs der Seeküſte von der Oder ab bis an die Mündung der Weichſel die Rugier und Lemovier, alſo daß das ganze weſtlich vom Weichſel⸗ Strome gelegene Land von ihnen beſetzt war. Sonach begannen am öſtlichen Ufer dieſes Stromes die Wohnſitze der Gothen nord⸗ wärts bis an die Seeküſte und nach Oſten hin, jenſeits der Gränze des Landes des Sueven-Stammes, bis an die Gebiete der Vene⸗ der reichend, die nicht mehr zu den Sueven gehörten und deren Wohnſitze nach des Tacitus nachbarlicher Völkerſtellung mit größter Wahrſcheinlichkeit in einem Theile Oſtpreuſſens und in Litthauen zu ſuchen wären, wo aber weſtwärts und oſtwärts ihre Gränzen unmöglich zu beſtimmen ſind.
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Faſſen wir überhaupt alles zuſammen, was ſich nach ſorg⸗ ſamer Forſchung aus des Tacitus Bericht als Reſultat ergiebt, ſo tritt uns für ſeine Zeit folgendes Völkerbild vor Augen: im Weſten des MWeichfel- Stromes, im heutigen Pommern Lygiſche Volkszweige, Burgundier, Rugier, Lemovier; dieſen benachbart vom öſtlichen Ufer der Weichſel an, von dem Drewenz - Fluffe bis an das Seegeſtade und nach Oſten in unbeſtimmbaren Gränzen, nordöſtlich aber am Friſchen Haff entlang bis an die Paſſarge oder vielleicht bis an den Pregel⸗Strom das Volk der Gothen; dort dann angränzend, vielleicht auch ſchon in Ermland und Na⸗ tangen, in Samland, längs der Kuriſchen Nehring und oſtwärts durch Nadrauen in ungewiſſen Gränzen die Völkerſchaft der Aeſtier. Hinter dieſen nordöſtlich hinauf als Nachbarn die Fennen, und im Oſten der Wohnſitze der Aeſtier und der Gothen im heutigen Litthauen, Sudauen und weit nach Oſten hinein die Veneder. Auch die einzelnen Züge, die Farben, mit welchen Tacitus das Völker⸗Bild, wenn auch nur ſparſam, beleuchtet, tragen das Ge⸗ präge der Wahrheit und bezeugen, durch ſpätere Nachrichten be⸗ ſtätigt, wie ſicher im Einzelnen des Geſchichtſchreibers Kunde war. Dahin gehört z. B. die von ihm erwähnte Königsherrſchaft bei den Gothen, die Sueviſche Tracht, der Sueviſche Haarſchmuck, der ſeltene Gebrauch des Eiſens, der häufigere der Keule, der emſige Getreidebau u. a. Wenn aber Tacitus den Aeſtiern auch die Verehrung der Eybele, der Mutter der Götter, zuſchreibt, fo wiſſen wir ſchon, was es ſagen will, wenn die Römer die Ver⸗ ehrung ihrer Götter bei andern Völkern, ſelbſt auch bei barbari⸗ ſchen wieder finden.
Nach des Tacitus Zeit geht aber wieder mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, ohne daß wir bei einem alten Geſchichtſchreiber auch nur einen Laut über Preuſſen vernehmen. Erſt Ptolemäus giebt gegen die Jahre 170 bis 180 nach Ehr. Geb. wieder einen ſicherern Blick in die nordiſchen Lande. Allein die große Völker⸗ bewegung, welche aus dem Markomannen-Bunde und aus dem ſchweren Markmanniſchen Kriege gegen die Römer auch für den Germaniſchen Norden hervorging und nicht bloß die Nachbarvölker Preuſſens im Süden und Weſten, ſondern auch, wie es ſcheint, die Wohnſitze der Bewohner Preuſſens ſelbſt in mancher Weiſe berührte, hatte ſeitdem das Völker⸗Bild in den Ländern des Nor⸗
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dens vielfach umgewandelt und verändert. Wiſſen wir auch nicht beſtimmt, ob es die Gothen in Preuſſen waren, welche mit im Markmanniſchen Bunde ſtanden und im Markmanniſchen Kriege nebſt ihren Nachbarvölkern mit gegen die Römer kämpften, ſo ift doch gewiß, daß die Erſchütterungen dieſes zehnjährigen Kampfes bis zum Geſtade der Dftjee die Schickſale der Völker vielfach umgeſtalteten. Es darf daher auch nicht befremden, wenn Ptole- mäus nach dieſer gewaltigen Bewegung der Völker ein ganz an⸗ deres, gewiß aber ein treues und wahres Bild vom Norden auf⸗ ſtelt. Auch die Küftengebiete der Oſtſee öſtlich vom Weichſel⸗ Strome hatte der fleißige Forſcher, zum Theil mit in Folge des Markmanniſchen Krieges, viel genauer als ſeine Vorgänger ken⸗ nen gelernt.
Die wichtigſte Veränderung unter den Völkern Preuſſens im Verlaufe des Markmanniſchen Krieges war unſtreitig das Vordrän⸗ gen der Veneder von Oſten her in die Wohnſitze der Gothen, welche, zum Theil vielleicht ſchon zur Zeit des Markmannen⸗Bundes ihre alte Heimat freiwillig aufgebend, ſich nach Süden hinabzogen und bis an die Donau gewandert, zum Theil auch durch die heran⸗ drängenden Veneder gezwungen worden waren, ihre Wohnſitze am Geſtade der Oſtſee ihnen einzuräumen und ſich weiter hinab nach Süden zu ziehen. Ptolemäus kennt daher als Anwohner der Oſtſee längs der ganzen Einbiegung von der Mündung der Weichfel öſt⸗ lich fort bis nach Samland hin kein anderes Volk als die Vene⸗ der; als deren Nachbarvolk aber erwähnt er auch jenes noch im Lande gebliebenen, nur weiter in die ſüdlichen Theile Preuſſens hinaufgebrängten Gothen-Zweiges, welchen er Gythonen nennt. Ihre Wohnſitze gingen vom Weichſel-⸗Strome, der auch jetzt noch die weſtliche Gränzſcheide der Gothen bildete, am Drewenz⸗Fluſſe bis an den Volks⸗Zweig der Finnen, der ſich wahrſcheinlich beim Vordrängen der Veneder an dieſes Volk angeſchloſſen und ins Land ſüdwärts von den Gothen, in's nachmalige Maſovien einge⸗ drängt hatte. In den Gebieten weſtwärts vom Weichſel⸗Strome, im ſüdlichen Pommern fand auch Ptolemäus noch das mächtige Volk der Burgundionen, nördlich von ihnen den Lygierzweig der Helveconen oder Aelväonen und von der Mündung der Weichſel an am Geſtade der Oſtſee nach Weſten hin das alte Volk der Rugier.
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Noch wichtigere Blicke eröffnet uns der alte Geograph im Oſten. Er nennt uns noch als Bewohner Preuſſens drei Völker⸗ zweige als öſtliche Nachbarn der Veneder, die Galinder, Sudener und Slavaner, drei Völker⸗Namen, die für uns um fo größere Wichtigkeit erlangen, weil wir ſie in der Geſchichte des Landes bis tief ins Mittelalter hinein wieder finden. Die Galinder ſaßen in dem auch ſpäter wieder hervortretenden Lande Galindien, da⸗ mals im Weſten bis an die Wohnſitze der Gothen, nach Norden an die der Veneder reichend und öſtlich das Land der alten Su⸗ dauer berührend; im Süden lief es ziemlich weit nach Maſobien hinein; alſo war das Galinder⸗Volk zahlreich und ausgedehnt genug, um als eins der bemerkbarſten Völker im Lande aufgeführt zu werden. Die Sudener, der Galinder öſtliche Nachbarn, begeg⸗ nen uns ſpäter unter dem bekannten Namen der Sudauer, in den jetzigen Gebieten von Sensburg, Rhein, Lötzen, Arys, Johannis⸗ burg, Lyck und Oletzko. Ueber den dritten Volkszweig, die Sla⸗ vaner, ſind die Meinungen verſchieden, weil ſelbſt der Name bei Ptolemäus nicht ganz ſicher iſt und auch Stavaner geleſen wird. Man hat in ihnen bald die ſpätern Schalauer in den Gebieten der Memel um Ragnit und Tilſit herum gefunden, bald aber auch ſie ſüdlich unter die Galinder und Sudener ins eigentliche Polen verſetzt. Vielleicht ließen ſich dieſe verſchiedenen Meinungen durch die Annahme einer ſpätern Theilung und Verpflanzung eines Theils des Volkes vereinigen. Endlich gedenkt Ptolemäus auch noch des kleinen Völkchens der Igyllionen, welches feine Sitze noch in Preuf- ſen gehabt zu haben und in der Landſchaft zunächſt unter den Galindern bis an die Gränze Polens verbreitet geweſen zu ſeyn ſcheint, wo die Namen von Gilgenburg und der Dörfer Gilgenau, Elgenau und Gilgenfeld an jenes Völkchen erinnern dürften.
So lautet des Ptolemäus Bericht von den alten Bewohnern Preuſſens. Denn die übrigen von ihm noch genannten Völker im Norden können nur als Nachbar + Völker theils nach Weſten hin in Pommern, theils nach Nordoſten hinauf in Kurland und Eſth⸗ land, theils auch nach Oſten hin in Litthauen und Rußland be⸗ trachtet werden und haben für das Völkerleben in Preuſſen zu⸗ nächſt keine weitere Bedeutung. Aber auch von den Strömen Preuſſens hatte der alte Geograph ſchon einige nähere Kenntniß. Er nennt die Weichſel als Gränz⸗ Strom zwiſchen Germanien
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und Sarmatien und rechnet alſo Preuſſen mit zum Sarmatiſchen Lande. Dieß darf uns nicht befremden, denn wenngleich auch oſtwärts von dieſem Strome noch das Germaniſche Volk der Go⸗ then ſaß, ſo waren ihm doch die Sarmatiſchen (offenbar nicht Sueviſchen) Veneder das Hauptvolk, welches er als Bewohner des Landes kannte. Daher heißt bei ihm auch die Oſtſee, längs welcher dieſe Veneder ſaßen, der Sarmatiſche Ocean und die Min: dung des Weichſel⸗Stromes dient ihm zugleich zur Beſtimmung des Anfanges des Benediſchen Buſens, womit er die ſtarke Ein⸗ biegung der Oſtſee von Hela an bis zur ſüdweſtlichen Küſte Sam⸗ lands bezeichnet. Weiter nordöſtlich hinauf kennt er ferner den Strom Chronos, welcher, ſoviel man auch über ſeinen Namen ge⸗ forſcht und gedeutet hat, kein anderer ſeyn kann, als der ins Friſche Haff ſich ergießende Pregel⸗Strom, bei Plinius Guttalus, der Gothen⸗Strom genannt, weil zu deſſen Zeit noch Gothen bis dahin wohnten. Noch weiter nördlich ſtrömte nach des Ptolemäus Bericht der Fluß Rhubon, ohne Zweifel die Memel und hoch im Norden der Strom Cheſinos oder die Düna, bei Riga in die See mündend. Ueber ihre Namen aber liegt alles noch in tiefem Dunkel.
Das iſt es alles, was uns Ptolemäus über die Baltiſchen Länder im Oſten der Weichſel zu ſagen weiß, denn über Sitten und Bräuche der erwähnten Völker erfahren wir durch ihn nichts weiter, und hiemit endigen zugleich auch alle Nachrichten, die uns die Alten über dieſen Theil des Nordens hinterlaſſen haben.
Fragen wir dieſe nun aber nach der Abſtammung und Stamm⸗ verwandtſchaft der verſchiedenen Völker in Preuſſen, fo erhalten wir über Einiges nur ſchwankende, über Anderes gar keine Antworten. Die ſüdweſtlichen Bewohner der Weichſelgegenden, die Gothonen oder Gothen waren ein reingermaniſches Volk, ſchon in uralter Zeit beim Herandrange der Germanen-Völker aus dem Oſten in dieſe Gegenden eingewandert und in Sitte und Sprache ihrer Germaniſchen Herkunft treu geblieben; daher auch dort die älteſten Länder- und Orts⸗Namen faſt ausſchließlich auf Gothiſchen oder Germaniſchen Urſprung hindeuten. Wenn ſchon Pytheas über dreihundert Jahre vor Chriſto fie als Bewohner Preuſſens fand, fo find fie offenbar einer der älteſten und erſten Volkszweige, die fich von dem Gothen⸗ Stamme in Aſien nach und nach trennten und nach Europa herüber wandernd in neuen Wohnſitzen anheimten.
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Wann diefe ihre Losreiß ung vom Hauptſtamme und ihre Einwan⸗ derung nach den ſüdbaltiſchen Gebieten geſchehen ſeyn mögen, wird bei der großen Dunkelheit der Urgeſchichte Preuſſens ewig unerforſcht bleiben. Nur das Eine ſteht durch die einſtimmigen Zeugniſſe des Pytheas, Plinius, Tacitus, und Ptolemäus erwieſen feſt, daß Gothen ſeit uralter Zeit in einem großen Theile des Landes ihre Wohnſitze gehabt und alſo Germaniſches Volksleben bis in die Urzeit Preuſſens hinauf allda gewaltet habe.
Mit dieſem Germaniſch⸗Gothiſchen Volkszweige finden wir aber in gleich alter Zeit nach denſelbigen Zeugniſſen der erwähnten alten Schriftſteller auch das Volk der Aeſtier in einem andern Theile des Landes ſitzen. Schon Pytheas fand die Aeſtier als einen von den Go⸗ then verſchiedenen Volkszweig. Plinius gedenkt ihrer zwar nicht be⸗ ſonders; Tacitus dagegen kennt ſie ebenfalls als ein neben den Gothen ſitzendes, nicht eigentlich zu ihnen gehörendes Volk und widmet ihnen als Bernftein-Sammlern eine beſondere Beachtung. Fragen wir nun nach der Urheimat und der Stammverwandtſchaft dieſes Volkszweiges, fo laſſen uns die geſchichtlichen Quellen des Alter⸗ thums darüber freilich ganz im Dunkeln. Kein Wort in den Schriften der Alten weiſet auf ihren Urſprung und ihre Herkunft hin. Allein wir haben aus neuern gründlichen Forſchungen auch hierüber einen unabweisbaren und unverkennbaren Fingerzeig er⸗ halten, der aufs beſtimmteſte auf ihre Abſtammung hindeutet. Es iſt die Sprache der Aeſtier, die Sprache der alten Preuſſen und deren naheverwandte Schweſter, die noch heute lebende Sprache der Litthauer. Schon zu des Tacitus Zeit erregte die Sprache der Aeſtier, wie es ſcheint, eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit; er fand ſie nach ſeinen erhaltenen Berichten über ſie nicht rein⸗ germaniſch, dann hätte er ihrer eben ſo wenig als der Sprache der Gothen erwähnt. Er führt vielmehr als eine beſondere Eigen⸗ thümlichkeit des Aeſtier⸗Volkes an, daß ſeine Sprache der dama⸗ ligen Britanniſchen Sprache „näher verwandt“ ſey. Nun willen wir zwar nicht, worauf ſich dieſe nahe Verwandtſchaft beider Spra⸗ chen gründe, denn das damalige Britanniſche, worüber Tacitus gewiß nähere Kunde hatte, iſt uns ſo wenig bekannt, als die dußerſt wenigen, aus der Sprache der Aeſtier aufbehaltenen Wörter irgend eine Vergleichung möglich machen, ſo daß uns alſo hier⸗ durch kein weiterer Aufſchluß über die Abſtammung des Aeſtier⸗
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Volkes zu Theil wird. Allein neuere Sprachforſchungen und Sprachenvergleichung haben den überzeugenden Beweis geſtellt, daß die Altpreuſſiſche und Litthauiſche Sprache in ſehr naher Verwandtſchaft mit der Altindiſchen, mit der Sanskrit⸗Sprache ſteht; aus welcher ſie, wie ein neuerer Sprachforſcher meint, un⸗ mittelbar entſprungen zu ſeyn ſcheint.) Stellen wir dieß als unabweisbar und völlig erwieſen auf, ſo folgt hieraus: das Aeſtier⸗ Volk muß in uralten Zeiten mit dem Indiſchen Volksſtamme in ſehr naher Berührung und Verwandtſchaft geſtanden haben; feine Sprache weiſet es offenbar als einen Zweig des Indo⸗Germaniſchen Volksſtammes aus, der einſt im grauen Alterthum, wie die übrigen Zweige dieſes Volksſtammes, ſeine Wohnſitze in Aſien, vielleicht aber dem Indiſchen Volke näher als die andern hatte. Wie nun in alten Tagen zu verſchiedenen Zeiten einzelne Völkerſchaaren des Indo⸗Germaniſchen Volksſtammes unter den Namen der Teu⸗ tenen, Sueven und Alemannen, andere unter den Namen von Sachſen, Frieſen, Longobarden und wieder andere unter dem Namen der Gothen, ſich von dem Hauptſtamme losreißend, durch den Kaukaſus in Europa eindrangen und ſo weit fortwanderten, bis ſie feſte Wohnſitze fanden, ſo war offenbar auch das Aeſtier⸗ Volk vielleicht zugleich mit den Gothen, vielleicht auch vor oder nach ihnen aus dem tiefen Aſien hervorgezogen, ſo lange nach Nordweſten fortwandernd, bis es in den ſüdbaltiſchen Küſtenlanden ſich von neuem anheimte. Es nahm die nordöſtlichen Gebiete Preuſſens ein, während die vielleicht mit ihm wandernden Gothen zum Theil ſich im Süden des Landes lagerten, zum Theil unter dem Namen der Skandinavier andere Küſten des Baltiſchen Mee, res bevölkerten. Welchen Namen das Volk der Aeſtier urſprünglich geführt habe, wer will das wiſſen in ſolcher Dunkelheit! Aeſtier oder Oſtiäer wurden ſie offenbar zuerſt von den weſtlich wohnenden Nachbar⸗Völkern genannt. Ihre Wohnſſtze gingen bis ins heutige Litthauen, denn auch die Bewohner dieſes Landes weiſet ihre Sprache als ihre Stammverwandte aus. Mit einem beſondern Volksnamen treten nun auch zu des Ptolemäus Zeit die Galinder unter ihnen auf, denn horchen wir auf die Aehnlichkeit der älteſten
) Eichhoff, Vergleichung der Sprachen von Europa und Indien; aus dem Franzöſiſ. überſedt v. Kaltſchmidt. Leipz. 1840. S. 30. woigt, Geld. Dreufk ing Bon. 1 2
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Ortsnamen im Galinder⸗Lande, ſo können die Bewohner dieſes Landes mit keinem andern Volkszweige in ſo naher Verwandtſchaft geſtanden haben, als mit den Aeſtiern namentlich in Samland. Selbſt ihr volksthümlicher Character, ſo weit ihn die ſpätere Geſchichte enthüllt, entſpricht am meiſten dem der Samländifchen Aeſtier. Die wahrſcheinlich richtigſte Deutung ihres Namens bezeichnet fie. als „die Aeußerſten oder die Letzten“ des Aeſtſer⸗ Volkes im Oſten. Sie waren es wirklich, denn hinter ihnen oſtwärts wohnten die Sudener, welche, wie die Slavaner, offenbar einem andern Volksſtamme angehörten. Aus dem alten Sarmatien, vielleicht zugleich mit den Venedern hervorgerückt, bleiben ſie auch nachmals dem Sarmatiſchen Volkscharacter in Sitte und Eigen⸗ thümlichkeit mehr getreu und unterſcheiden ſich auch ſpäterhin weſentlich von Preuſſens weſtlichen Bewohnern, ſelbſt auch in der abweichenden Bildung ihrer Ortsnamen.
Wie lange aber dieſe Völker, den entfernten Nationen unbe⸗ kannt, in ihren neuen Wohnſitzen gefeffen haben, kann keiner er⸗ ſorſchen. Erſt der Bernſteinhandel durchbrach ihre geſchichtliche Dunkelheit. Er hatte ſich nach und nach drei Wege in weit ent⸗ legene Länder eröffnet. Auf einem derſelben ging er zunächſt an die weſtwärts vom Weichſel⸗Strome wohnenden Teutonen, an die Germaniſchen Nachbarvölker in Pommern, vielleicht zuerſt zu den Burgundionen und lief dann auf der alten Handelsſtraße über Oſſielski bei Bromberg, durch Lygiſche Volkszweige über Eydowo bei Gneſen und Kaliſch, hierauf weiter über Marſenin bei Sieradz und an der Warthe hin bis nach Czarnowitz, ſofort bei Krakau über die Weichſel durch das Volk der Sidoner hindurch nach Alt⸗Sandek; von da den ungebahnten Sarmaten⸗Gebirgen aus⸗ weichend weſtwärts nach Czyche hin, dem Waag⸗Fluſſe entlang über Schintau und Szomolyan hinab nach Carnuntum an der Donau, den bekannten Waffenplatz der Römer, wo das nordiſche Erzeugniß aus den Händen batbariſcher Völker an die Römer abgeſetzt ward. Auf dieſem uralten Handelswege gelangte wahr⸗ ſcheinlich auch jener vom Kaiſer Nero ausgeſandte Römiſche Ritter herauf ins Bernſteinland nach einer Wanderung von 120 bis 195 Deutſchen Meilen von Carnuntum aus. Genauer bekannt war dieſe Handelsſtraße mitten durch barbariſche Völker erſt kurz nach Ehriſti Geburt geworden, denn es ſchloß ſich dem Verkehre
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mit Bernſtein auch bald der nordiſche Pelzhandel theils aus Skan⸗ dinabien, von wo er das Volk der Suionen, der ſpätern Suethans, mit Rom in Verbindung ſetzte, theils auch aus Preuſſen an. Auf demſelben Handelswege gelangten auch die nordiſchen Thiere, der Auerochſe, das Elenthier, das nordiſche Roß und andere nach Rom hinab, wo ſie hoch bewundert wurden. Dafür erhielten die Bewohner Preuſſens die zahlreich noch jetzt im Lande aufgefundenen Römiſchen Münzen, deren älteſte bis jetzt eine des Kaiſers Nero iſt, ſowie die in den Begräbnißhügeln der alten Preuffen fo häufig ausgegrabenen Schmuckſachen, Spangen, Fibeln und andere Gegen⸗ ſtände des Putzes, die in der Feinheit ihrer Arbeit, in ihrer gefälli⸗ gen und ſchönen Form und in ihrer ganzen Compoſition meiſt die entſprechendſte Aehnlichkeit mit den in Italien gefundenen auf⸗ weiſen. Aus der großen Menge der aufgefundenen Münzen der Antonine darf man ſchließen, daß zur Zeit diefer Kaifer der Bern⸗ ſteinhandel mit Rom am lebendigſten geweſen ſeh. Nachmals ſcheinen der Markmanniſche Krieg und die unruhigen Bewegungen unter den barbariſchen Völkern, den Lygiern, Quaden, Sueven und andern, durch deren Länder er ging, feine Blüthe für immer gebrochen zu haben.
Weniger unterrichtet ſind wir über einen zweiten Handels⸗ verkehr mit Bernſtein, der nach Weſten ging. Daß ein ſolcher aber beſtand, darauf weiſet ſchon des Pytheas Neife an die Sam⸗ ländiſche Küſte hin, denn fie ſetzt offenbar voraus, daß in Maſſi⸗ lien ein Bernſteinhandel auf den Baltiſchen Gewäſſern und von deren Küſten aus ſchon bekannt war. Diodor verſichert auch, daß von Samlands Küſte aus der Bernſtein an ein gegenüber⸗ liegendes feſtes Land zu Schiff gebracht und von da weiter zu Land nach Süden verfahren werde. Es iſt kaum einem Zweifel unterworfen, daß es die Mündung der Oder oder der Elbe oder, wie ſpäterhin, Schleswig war, wohin auf dieſem Seewege der Bernſtein aus Preuſſen gelangte, denn mit der Schifffahrt waren nach dem Zeugniſſe der Alten die Küſtenvölker der Oſtſee ſchon in frühen Zeiten ſehr bekannt, und auch in ſpätern Jahrhunderten noch ſtand dieſer Handelsweg von Samland aus an die Oder⸗ Mündung, wie an die Elbe und nach Schleswig in regem Leben. Von da konnte dann der Bernſtein leicht auf Land⸗ und Fluß⸗ ſtraßen bis an den Rhein, uach Gallien bis Maſſtlien kommen,
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von wo er dem Morgenlande zugebracht und auch fonft im Abend» lande abgeſetzt wurde. Auch auf dieſem Wege knüpfte ſich der Pelzhandel an den Handel mit Bernſtein namentlich nach Deutſch⸗ land, wo nordiſche Pelze den Germanen zum Ausſchmuck ihrer Wildhäute dienten. 5
Eine dritte Handelsſtraße für den Bernſtein bildete endlich der Strom Boryſthenes nach Oſten hin, denn ſchon in uralter Zeit war er der Träger und Führer einer ſehr lebendigen Schiff⸗ fahrt und eines blühenden Handels, wodurch er die Länder des Oſtens mit dem Baltiſchen Meere verband. Der Erdbeſchreiber Dionyſius bezeugt es uns ausdrücklich, daß aus Norden her eine Handelsstraße für Bernſtein über die Gegend des Boryſthenes gegangen ſey. Durch Strom⸗Verbindungen gelangte er bis zum Pontus Euxinus. Ohne Zweifel war es dieſer Handelsweg, auf welchem ſchon in frühefter Zeit, bevor noch jene Straße nach Pannonien geöffnet war, der Bernſtein durch das alte Scythien in die Griechiſchen Handelsſtädte und weiterhin nach Aſien kam.
Hat uns aber der Bernſteinhandel bisher wenigſtens einige feſtere Blicke auf die älteſten Völkerzuſtände in den Baltiſchen Küſtenländern gewährt, ſo verliert ſich bald nach des Ptolemäus Zeit der ſchwache Faden, der uns in der Dunkelheit des Alter⸗ thums zum Leiter gedient, faſt gänzlich, denn was nach ihm noch einige ſpätere Schriftſteller über das Bernſteinland zu ſagen wiffen, ſind nur dunkele Ahnungen, ſchwache Nachklänge unbeſtimmter Sagen, die ſich über den Norden in ihrer Zeit verbreitet hatten. So gehen mehre Jahrhunderte in Beziehung auf Preuſſens älteſte Geſchichte völlig dunkel vorüber. Wir wiſſen alſo nicht, was ſich in dieſer Zeit im Völkerleben Preuſſens begeben und verändert habe. Erſt in der Mitte des ſechſten Jahrhunderts bringt uns der Gothiſche Mönch und Geſchichtſchreiber Jornandes wieder einige Nachrichten entgegen, freilich auch mehr nur ein verwirrtes Ge⸗ miſch von Sage und Geſchichte, woraus ſich unmöglich ein auch nur einigermaßen klares und geordnetes Bild von den Verhält⸗ niſſen ſeiner Zeit über Preuſſen gewinnen läßt. Folgen wir ſeinem Berichte (weil wir keinen andern ſichern Führer haben), ſo geſchah, daß ein Haufe von früher nach Skandien eingewanderten Gothen, dort aus ihren beengten Gränzen gedrängt, unter der Anführung ihres Gebieters und Königes Berig, auf drei Schiffen über die
21 See fuhr und ſich an der Baltiſchen Südküſte, im Gebiete der Ulmerugier in der Nähe der Weichſel⸗Mündung niederließ. Die Horde hatte ſich in einem Kampfe mit den Rugiern ihre neuen Wohnſitze erobern müſſen, indem fie dieſe theils weiterhin nach Weſten verdrängt, theils ſie auch in Knechtſchaft hinabgedrückt hatte. Die Sage erzählt, daß die neuen Ankömmlinge ſich mit den übrigen Ulmerugiern bald befreundet, ihnen den Häuſerbau, Verfertigung beſſerer Kleidung, Bereitung des Methes u. ſ. w. gelehrt haben ſollen, alſo daß das rohere Volk je mehr und mehr der Skandianer Sitte und Lebensweiſe angenommen habe und mit dieſen wie zu Einem Volke verſchmolzen ſey. In etwas ſpäterer Zeit (ſo berichtet uns Jornandes weiter) erfolgte eine neue, ähnliche Einwanderung eines Nebenzweiges des Gothen⸗ Volkes, welcher Gepiden genannt wurde, ebenfalls aus Skandien herüber. Weil weſtwärts von der Weichſel die Gebiete bereits von den eingewanderten Gothen und die öſtlich vom Strome lie⸗ genden noch von den Venedern beſetzt waren, ſo mußte der neu⸗ ankommende Haufe der Gepiden ſich mit den ſumpfigen Wohn⸗ fisen in den Niederungen der nördlichen Weichſelgegend begnügen. Nach Berigs Herrſchaft ging im Volke der Gothen die Regent⸗ ſchaft von noch drei Königen vorüber, während welcher Beit aber des Volkes Zahl ſo bedeutend angewachſen war, daß ihm ſeine Wohnſitze zu enge wurden. Sie zu erweitern, gerieth es mit den nahen Venedern in Krieg und es glückte ihm, mit Beihülfe ſeiner alten Stammgenoſſen im weſtlichen Preuffen, einen großen Theil des Veneder⸗Volkes zu überwältigen. Um ſich die neuen Wohnſitze aber zu ſichern, errichteten jetzt die Sieger im eroberten Lande von der Weichſel an am Friſchen Haff entlang bis an die Gebiete der Aeſtier und zum Theil auch mitten im Lande mehre Burgen als feſte Wohnplätze. Wie an der Weichſel⸗Mündung wohl ſchon bei des Volkes erſter Niederlaſſung die Wehrburg Gothiſcanzia (ſpäter Gidania, Gdancz, Danzig) als feſter Haltpunct erbaut war, ſo erhoben ſich nun am Ufer des Friſchen Haffs die Burg Peilpeillo (Heiligenbeil), weiter nach Nordoſten hin die Burg Balga (Honeda), desgleichen mitten im Lande eine Burg Wuſtops (Wuſtopolo oder Weiſtote⸗Pil bei Schippenbeil) und mehre andere. Auch auf der Nehring ſoll eine Burg Naito geſtanden haben. So unſicher wir aber über die Einzelnheiten dieſer Ereigniſſe auch
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unterrichtet find und ſo leicht es ſeyn dürfte, über Manches Zweifel und Einwürfe zu erheben: der Sage gebührt vor der Geſchichte ſtets auch ihre Achtung und die Behauptung dürfte aus ihr wohl nicht zu kühn entnommen werden, daß das weſtlich an der Weichſel und im Süden Preuſſens wohnende Gothen⸗Volk ſich in die Gebiete der Veneder von neuem eingedrängt und ſeine Wohnſitze bis an die Aeſtier gegen Samland hin und hinab ins Galinderland aus⸗ gedehnt habe. Das Volk der Veneder mochte zum Theil im Kampfe vernichtet, zum Theil in Knechtſchaft gedrückt, zum Theil auch nach Weſten hin ausgewandert ſeyn. Wir wiſſen nichts Beſtimmtes über ſein Schickſal. Auch jener Gothiſche Zweig der Gepiden um die Weichſelarme verließ bald wieder ſeine Wohnſitze. Vielleicht durch Uebervölkerung in dem beengten Lande gezwungen oder von gewohnter Wanderungsluſt getrieben, warf er ſich, geführt von ſeinem Könige Faſtida, über die Weichſel in die Gaue der Burgundionen, im nördlichen Flußgebiete der Netze, überwältigte dieſe im ſchweren Kampfe und zwang ſie zur Auswanderung theils über die See nach dem Eilande Bornholm (Burgundaholm), theils in größerer Maſſe durch Lygiſche Zweige vermehrt ins entfernte Frankenland, in die Nähe des Mains.
So viel erfahren wir durch Sage und Geſchichte aus den erſten Jahrhunderten der Römiſchen Kaiſerherrſchaft. Wie weit nun aber in den häufigen Kämpfen dieſer Kaiſer mit den Scythen und Sarmaten, wie man alle Völker des Nordens benannte, etwa auch die Bewohner der Baltiſchen Gebiete mit berührt worden ſeyn mögen, iſt bei der Unbeſtimmtheit dieſer Völker⸗Benennungen unmöglich zu ermitteln. Wohl mögen hie und da Hülfsſchaaren aus den Baltiſchen Ländern den Römiſchen Adlern mit gegenüber geſtanden haben; mit Stolz nannte ſich wenigſtens, wie wir beſtimmt erfahren, der Cäſar Voluſianus, des Kaiſers Gallus Sohn, um die Mitte des dritten Jahrhunderts (253), Sieger der Vandalen, Finnen, Galinder und Veneder. Wie es ſcheint, geſchah es in Folge dieſer Kämpfe durch die Bekanntſchaft mit den Römern und überhaupt mit den ſüdlichen Ländern, daß noch vor der oben⸗ erwähnten Zeit eine neue Auswanderung in Preuſſen erfolgte, wozu theils abermalige Uebervölkerung, theils die damals allen Germanen eigene Wanderungsluſt Anlaß gaben. Das Verlangen nach ſüdlichern Wohnſitzen trieb einen bedeutenden Theil des
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Gothen⸗Volkes unter ſeinem Könige Filimer aus den Baltiſchen Gebieten hinweg. Durch Polen wandernd gelangte er nach mancherlei Schickſalen und unter Kämpfen mit den Römern bis an den Don und Mäotis. Ihm folgte dann auch das Gepiden⸗ Volk aus feinen neuen Wohnſſtzen in Pommern. Die Weichſel hinaufziehend kam es dort um neue Wohnſitze mit feinen Stamm⸗ genoſſen, den Gothen, in Streit und wanderte, von dieſen zurück⸗ geworfen, bis Dacien.
Hören wir aber in den Kämpfen der Römer mit den Scythis ſchen und Sarmatiſchen Völkern im Verlaufe des dritten und vierten Jahrhunderts unter den barbariſchen Kriegerſchaaren hie und da einen Namen durchklingen, welcher, wie der der Pruthunger, der Withinger, an die Bewohner Preuſſens erinnern kann, ſo ſind es eben nur einzelne Namenklänge, an welche ſich nichts Geſchicht⸗ liches anknüpft. Wir erfahren daher in dieſen Jahrhunderten faſt keinen einzigen Laut mehr, der auch nur mit einiger Klarheit auf Preuſſens Geſchichte hinwieſe. Das Land war in dieſen Zeiten den Römern weit unbekannter, als in den Tagen des Tacitus, des Ptolemäus oder in den Jahren des blühenden Bernſteinhandels unter den Antoninen. Es gab keine Geſchichtſchreiber mehr, die, wie Tacitus, im Jammer ihrer Zeit über Italiens Haus und Heerd hinwegſehend, das friſch aufſtrebende Leben der Völker im Norden beachten mochten.
Erſt in der Zeit der großen Bewegung unter den Slaven⸗ Völkern dämmert für Preuſſens Geſchichte wieder einiges Licht auf. Das Volk der Veneder, welches ſich, wie wir hörten, ſchon in früher Zeit in die alten Wohnſitze der Gothen bis an dit Weichſel keilförmig vorgedrängt, war offenbar nur ein Zweig des großen, weitausgebreiteten Slaven⸗Stammes, den Jornandes „den volkreichen Stamm der Winider“, die ſpätere Zeit Winden oder Wenden nennt. Er theilte ſich in zwei Hauptmaſſen, deren Wohnſitze der Dnieſter trennte. Die eine Maſſe, Slaviner genannt, lag vom Dnieſter an nördlich über den Karpathen und den neuen Wohnſitzen der Gepiden, gen Weſten bis an die Quellen der Weichſel und nördlich bis an die Drewenz; die andere, unter dem Namen Anten, breitete ſich in Rußland oſtwärts vom Dnieſter an bis zum Dnieper längs der Küſte des ſchwarzen Meeres aus.
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Nach dem Sturze des großen Gothiſchen Reiches aber, als fir dieſe Völker eine freiere Bewegung möglich ward, zeigte ſich in ihnen ein raſtloſes Drängen theils nach Süden hinab, wo ſie ſich in die von den Gothen und Hunnen verlaſſenen Sitze einlagerten, theils wiederum nach Norden und Weſten, wo ſie die Gebiete der nach Weſten fortgedrängten Germanen, namentlich auch die Landſchaften zwiſchen der Weichſel und Elbe in Beſitz nahmen. In dieſem wilden Sturme aber, da ſich Völker auf Völker warfen, bekriegten und unterjochten, verdrängten und aufrieben, hatte ſich eine mächtige Horde von Slaven an der Donau in Bewegung geſetzt und war unter dem gemeinſamen Stammnamen der Lechen längs der Weichſel nach Norden gezogen, bis das Meer ihrem Zuge Gränzen ſetzte. Hier in den neuen Wohnſitzen ſich nieder⸗ laſſend, erhielten fie nun ihre befondern Benennungen. Ein Theil dieſer Lechitiſchen Stämme, der im ebenen Feldlande (Pole) ſich niederließ, trat unter dem Namen der Polanen oder Polen auf; ein anderer, der ſich im nördlichen Gebiete dieſes Landes anheimte, hieß Maſovier, ein dritter, der in die Landſchaft zwiſchen der Elbe und Oder einrückte, Luticier, und ein vierter, der bis an das Küſtenland der Oſtſee hinabzog, wurde Meer⸗Anwohner oder Pomeraner genannt. Als dieſe letztern in ihre neuen Wohnſitze einwanderten, fanden ſie dort wahrſcheinlich ſchon Stammverwandte, Veneder oder Wenden vor, die nach dem Abzuge der Gepiden die Weichſel überſchreitend ſich in dem geräumten Gebiete nieder- gelaſſen hatten. Vorerſt blieb der Name Wenden der vorherrſchende. Man begriff daher das geſammte dort wohnende Volk unter dieſem Geſammt⸗Namen und das Land ſelbſt hieß noch viele Jahrhunderte hindurch das Wenden⸗Land.
Alſo hatte ſich im Ablaufe des ſechſten Jahrhunderts die Geſtalt aller Nachbarländer Preuſſens gänzlich verändert. Rings umher war dieſes letztere Land mit Slaviſchen Völkern, verwand⸗ ten Zweigen Eines Stammes, umzogen. Für die im Weſten, im Wenden⸗Land wohnenden blieb auch fernerhin der Weichſel⸗ Strom die Gränzſcheide, denn über dieſen Strom nach Oſten hin war, wie Jornandes ausdrücklich bezeugt, das Slaven⸗ Volk nicht gekommen. Er kennt daher in ſeiner Zeit, um die Mitte des ſechſten Jahrhunderts, auch keine Veneder oder Wenden in Preuſſen mehr. Nach ſeiner Darſtellung der Völker⸗
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Verhältniſſe aber lag in feiner Zeit öſtlich von der Weichſel an ein Volk, welches er Vidivarier nennt und deſſen Wohnſitze ſich bis an die Gebiete der Aeſtier ausdehnten. Seine Worte lauten alſo: „Am Ufer des Meeres, wo in drei Mündungen die Gewäſſer des Weichſel⸗Stromes ſich in die See ergießen, liegen die Vidivarier, aus verſchiedenen Nationen zuſammengeſchaart, wie in einem Zufluchtsort verſammelt, doch in ſich ein eigenes Volk bildend.“ Ueber die Wohnſitze dieſer Vidivarier kann um ſo weniger noch ein Zweifel entſtehen, da Jornandes hinzufügt: es ſey derſelbige Weichſel-Werder, welchen früher die Gepiden im Beſitze gehabt. Woher nun aber dieſes in der Geſchichte ſonſt nirgends wieder auftretende Volk? Es iſt in frühern Zeiten über die Abſtammung und den Namen, ſowie über die Erklärung und Bildung dieſes Völker⸗Namens viel geſtritten und manches in ihn hinein und aus ihm herausgedeutet worden. Vielleicht giebt folgende Anſicht einigen näheren Aufſchluß, wiewohl auch ſie nur Meinung bleibt, jedoch gegründet auf geſchichtliche Hindeutungen aus dem Weſen und dem Leben Germaniſcher Volkseigenthümlichkeit.
Der Name Viden, Viten oder Withen iſt erweislich eine alte Bezeichnung der Gothen, überall da wiederkehrend, wo Gothen ihre Wohnſitze hatten, ſo in Skandinavien wie in Preuſſen. Die Gebiete, die fie inne hatten, hießen daher auch dort wie hier häufig die Vitlande oder Withlande. Da es nun keinem Zweifel unterworfen iſt, daß Gothen oder Withen ſeit uralten Zeiten Bewohner der ſüd⸗ baltiſchen Küftengegend in der Nähe der Weichſel waren, fo liegt wohl die Annahme nahe, daß wir im weſentlichſten Theile des Völkergemiſches der Vidivarier Gothen zu ſuchen haben, denn ſie vor allen gaben ja der Geſammtheit den Namen. Betrachten wir aber dieſen Namen näher, ſo entſpricht er in ſeiner Bildung vollkommen den Namen anderer Germaniſchen Völker, der Bruk⸗ terer und der Bruktuarier, der Chatten und der Chattuarier, der Bojer und Bojuvarier, der Angrivarier und Ampſivarier. Wie es nun bei Deutſchen Völkern Gewohnheit war, gegen bedrohte Theile ihrer Wohnſitze Kriegswehren aufzuſtellen, Markmanneien zu Schutz und Hut der Landesgränzen, und Chatt⸗Varier die Wehren der Chatten, Bojo⸗Varier die Wehren der Bojer u. ſ. w. bezeichneten, ſo bildeten höchſt wahrſcheinlich auch die Vidi⸗ oder Viden⸗Varier die Landes⸗Wehre oder Markmannei der Viden oder Gothen zur Vertheldiaung ihrer Gränzen nach Weſten am Weichſel⸗
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Strome. Hiernach würden wir in den Vidivariern eine vornehmlich an dieſem Strome aufgeſtellte Wehrmannei zu ſuchen habenz fie bildeten dort zum Theil auch wahrſcheinlich die Beſatzung der Wehrburg Gothiſcanzia an der Weichſel-⸗Mündung, und wenn ihre Wohnſitze, wie Jornandes andeutet, bis an die Gebiete der Aeſtier reichten, ſo ſcheinen ſie auch die Wehrmannen der andern Burgen geweſen zu ſeyn, welche die Gothen früher längs dem Friſchen Haff hin erbaut hatten. Auf dieſe ihre Beſtimmung ſcheint es auch hinzudeuten, wenn Jornandes von einer Ausleſe oder Zuſammenſetzung ihrer Zahl aus mehren andern Völkern ſpricht. Ohne Zweifel waren die tapferſten und wehrhafteſten Männer aus den Gothen, Aeſtiern, Galindern, vielleicht auch aus Venedern und Rugiern auserwählt worden, um ſie als Schutz⸗ wehren an die Gränze zu legen, wo ein Einbruch des Nachbar⸗ volkes leicht möglich und vielleicht auch ſehr zu fürchten war. Lange mochte dieſe tapfere Wehrmannſchaft das Land gegen die in den Waffen unerfahrenen Wenden geſchützt haben; gegen den Anſturm der großen Kriegsmacht des eroberungsluſtigen Königes der Oſtgothen aber reichte ihre Kraft zur Vertheidigung nicht aus; denn als dieſer König Hermanrich, nachdem er das ſtarke und ſtolze Volk der Heruler überwältigt und dann auch im Fortgange ſeines Waffenglücks die Veneder bezwungen, bis in die Gebiete der Aeſtier vorgedrungen war, konnten die Vidivarier ſeiner Macht nicht widerſtehen. Sie mußten mit den Aeſtiern die Obermacht Hermanrichs ebenfalls anerkennen; doch ſcheinen fie ſich feiner Herrſchaft, mehr freiwillig und durch kluge Mittel gewonnen, als durch Waffengewalt bezwungen, untergeben zu haben. Dieſe Unterwerfung der Völker an den Baltiſchen Küſtengebieten unter die Herrſchaft des Oſtgothiſchen Königes war offenbar ſchnell vorübergehend und, wie es ſcheint, ohne beſondere Folgen für die Verhältniſſe des innern Völkerlebens. Die Freiheit der Bewohner Preuſſens ſcheint auch durch dieſes Ereigniß in keiner Weiſe beſchränkt worden zu ſeyn; vielmehr erhielt ſich im Volke der Aeſtier noch lange Zeit ein freundliches Andenken an den Oſtgothiſchen König. Als nämlich im Anfange des ſechſten Jahrhunderts Theodorich der Große, der erſte große Stern in der Frühröthe des Mittelalters, in glänzender Größe dem Reiche der Oſtgothen in Italien vorſtand, war es vornehmlich wohl die Erinnerung
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an die Milde und das Dankgefühl für die Gunſt, womit elnſt Hermanrich das Aeſtier⸗Volk behandelt hatte, die in dieſem den Gedanken erweckte, dem großen Gothen⸗Könige, deſſen Ruhm bis an die Geſtade der Oſtſee gedrungen war, ein Zeichen der Verehrung entgegenzubringen. Man beſchloß im Aeſtier⸗Volke, ihm durch eine Ehrengeſandtſchaft ein Ehrengeſchenk des köſtlichſten Bernſteins zuzuſenden und es zogen bald mehre der vornehmſten Aeſtier, vielleicht auf dem alten Handelswege über Carnuntum, nach Italien hinab und überbrachten dem Könige das koſtbare Erzeugniß ihrer Heimat. Er nahm ſie mit großer Freundlichkeit auf und nicht weniger erfreut durch des Geſchenkes innern Werth, als durch die Geſinnung des Volkes, die es bekundete, und durch die Nachricht, daß ſeines Namens Ruhm bis an den Ocean des Nordens gelangt ſey, entließ er ſie nach einiger Zeit wieder mit einem reichen Gegengeſchenk und einem freundlichen Dankſchreiben an das geſammte Aeſtier⸗Volk, welches letztere ſich bis auf unſere Zeit erhalten hat. Vielleicht iſt auch das erſtere bis auf unſere Tage gekommen, denn es dürfte kaum einem erheblichen Zweifel unterliegen, daß ein jüngſt durch Zufall in der Nähe der Stadt Braunsberg wieder aufgefundener reicher Schatz von goldenen Münzen Römiſcher Kaiſer das Geſchenk Theodorichs ſey.
Ob aber die vom Gothen⸗Könige gewünſchte und ausdrücklich erbetene fortdauernde Verbindung mit dem Volke der Aeſtier beſtanden habe, iſt ungewiß. Die gewaltigen Völkerbewegungen, die Wanderungen der Slavenſtämme und deren Anheimung in den neugewonnenen Wohnſitzen zogen die Aufmerkſamkeit der wenigen armſeligen Geſchichtſchreiber der Zeit viel zu ſehr auf ſich, als daß ſie einen Blick auf das friedlichere Völkerleben der Bewohner Preuſſens hätten werfen mögen.
Zweites Kapitel.
Sage und Geſchichte. Der Widewud und der Griwe. Der Goes fahrer Wulfſtan. Däniſche Anheimung. Der heilige Adalbert. Der Name Preuſſen.
Alſo liegen nun auch die nächſten Jahrhunderte noch immer wie in düſterer Dämmerung vor uns. Wohl aber mögen es
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dieſe für die Bewohner Preuſſens meift friedliche Zeiten geweſen ſeyn, in denen die Aeſtier, Galinder, Gothen oder Vidivarier, auf dem gemeinſamen Boden wohnend, in vielfacher Gemeinſchaft und täglichem Verkehr durch Handel und Wandel und andern fried⸗ lichen Verhältniſſen ſich ſort und fort berührend und je mehr und mehr ſich in einander verſchlingend, immer mehr zu Einem Ganzen wurden. Die Eigenthümlichkeiten der Völker verſchmolzen ſich gewiß um ſo leichter, als ringsumher das Land von Nachbar⸗ völkern andern Stammes umzingelt war, und in dieſer nationalen Verſchmelzung der Volkseigenthümlichkeiten entwickelte ſich zugleich für das in Preuſſen lebende Völkergeſchlecht die eigenthümliche Characterbildung, die es in der Geſchichte als ein beſonderes und in ſich abgeſchloſſenes darſtellt. Dieß iſt unſtreitig auch wohl der Sinn und die Bedeutung der Sage, welche für dieſe Zeit in das Bereich der Geſchichte wieder eintritt und deren Recht wir auch hier wieder um ſo mehr achten müſſen, als ſie unzwei⸗ felhaft auf dem Grunde eines wahrhaft geſchichtlichen Lebens ruht, denn die mythiſche Hülle, mit der fie dieſes geſchichtliche Leben umzogen, hat es doch keineswegs völlig unkenntlich gemacht. Indem wir aber die Sage nach ihrer Weiſe erzählen laſſen, mag es zugleich auch geſtattet ſeyn, das Nöthige zu ihrer geſchichtlichen Deutung hinzuzufügen.
Als das Skandiſche Volk, fo ſpricht die Sage, ſich mit den Ulmerugiern mehr und mehr befreundet und zu Einem Volke vereinigt, fanden unter ihm zwei Männer auf, Bruteno und Widewud, beriefen die Klügſten des Volkes zu einer Berathung und es ward für gut befunden, daß ein Oberhaupt an des Volkes Spitze geſtellt werde. Die Wahl fiel auf Bruteno, Widewuds Bruder; er lehnte ſie aber ab, weil er ſich dem Dienſte der Götter gewidmet, und wandte ſie auf ſeinen Bruder, einen beherzten und verſtändigen Mann, alſo daß Widewud zum Oberhaupte des Volkes erkoren wurde. Zunächſt bewogen zu dieſer Wahl eines oberſten Volkshauptes war man durch die Gefahr eines Krieges mit dem Fürſten der Maſovier, denn dieſer hatte ſchon vor der Ankunft der Skandiſchen Gothen das Volk der Ulmerugier überwältigt und zur Auslieferung einer Anzahl Kinder als Tribut gezwungen, welches Opfer ihm die Ulmerugier auch eine Zeitlang alljährlich dargebracht, nach der Ankunft der Skandianer aber und ihrer Vereinigung mit ihnen verweigert hatten.
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Sehen wir auf die geſchichtliche Grundlage, auf welcher die Sage bis hieher zu beruhen ſcheint, ſo lag zunächſt ein feindſeliges und kriegeriſches Verhältniß zwiſchen den Slapiſchen Maſoviern und den Bewohnern Preuſſens wohl in der Natur ihrer Lage und Stellung. An Kriege mit Nachbarvölkern und an Einfälle in nachbarliche Gebiete gewöhnt, mußte das Maſovier⸗ Volk ſich wohl auch in den neuen Wohnſitzen ſehr geneigt fühlen, in die Gebiete des ruhigen und friedlich geſinnten Nachbarvolkes einzu⸗ brechen und welchen Tribut konnte es erwünſchter finden, als jedes Jahr eine Anzahl junger und rüſtiger Menſchen zum Anbau ſeines wüſten Landes, zur Lüftung ſeiner wilden Wälder und überhaupt zur Tragung aller Laſten des Lebens. Aber es mußte wohl auch eine Zeit erfolgen, wo ſich das beknechtete Volk des Joches zu entledigen ſuchte. Der Tribut wurde verſagt; es drohte die Gefahr eines Krieges. Ihr zu begegnen, wurde Widewud, wie die Sage erzählt, zum Könige erwählt. Damit will ſie, wie es ſcheint, nichts weiter ſagen, als: es bedurfte zur Abwendung der Kriegsgefahr eines allgebietenden Oberhauptes der Wehrmann⸗ ſchaft, der Widen⸗Wehren, Vidivarier, deren Beſtimmung ja eben die Wehr und Vertheidigung des Landes war. Ein ſolches aber und nichts anderes war Widewud, denn ſelbſt dieſer ſein Name, richtiger Widebod, Widenbod oder Withenbod, bedeutet nichts weiter als Widen⸗Gebieter, Widen⸗Fürſt, Widen⸗Führer. Fürſten⸗ Namen bei andern Germaniſchen Völkern beſtätigen dieſe Erklärung des Namens und Widewuds Königswürde wäre demnach ſeine oberſte Gebieterſchaft über die Vidivarier oder Widen⸗Wehr⸗ mannſchaft.
Die Sage berichtet nun weiter: Widewud beſchloß hierauf mit dem Volke, ſeinen Bruder Bruteno, der ſich dem Dienſte der Götter geweiht, als gemeinſamen Oberherrn anzuerkennen, in allem nur ſeinem Rathe und Willen zu folgen und ihm Gehorſam zu leiſten, wie den Göttern ſelbſt. Als Verkündiger des Götterwillens nannte man ihn Griwe Griwaito, d. h. Richter der Richter. Darauf entſtand aber bald Zwietracht unter dem Volke, weil die Skandianer die Ulmerugier mit Gewalt beim Bau der Burgen zu knechtiſcher Dienſtarbeit zwingen wollten. Die Erbitterung führte zu offenen Gewaltthaten. Da verſammelten Widewud und der Griwe, um den Frieden wieder herzuſtellen, das empörte Volk
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auf einen Tag vor die Burg Balg. Es kam zur Verſöhnung, zu einer neuen Vereinigung und es wurden verſchiedene Geſetze entworfen, daß keiner fortan mehr den andern verachten oder zur Arbeit zwingen und nur der für edler geachtet werden folle, welcher ſich durch Thaten vor andern auszeichne, ſich im Kriegskampfe hervorthue oder durch ſchnelle Roſſe den Vorrang gewinne. Andere Verordnungen betrafen des Volkes inneres Leben, Sitte und Brauch, vor allem aber die Gründung eines gemeinſamen Götterdienſtes. Nur drei oberſte Götter, Potrimpos, Perkuno und Pikullos ſollten ſortan im Lande angebetet werden und um dieſer Götter willen ſolle man den Griwe und ſeine Nachfolger für die oberſten Herren des Landes achten. Ihnen ſolle wie den Göttern ſelbſt Furcht und Gehorſam gebühren. Alle Nachbarn, welche dieſe Götter verehrten, ſollten geachtet und geliebt, welche fie aber ſchmähten und verachteten, durch Krieg und Feuer verfolgt werden. Zur Beſeſtigung dieſes Götterdienſtes beſchloſſen darauf Widewud und der Griwe die Gründung eines Romove, eines gemeinſamen Götter⸗ heiligthums. Auf einer anmuthigen Aue prangte in weitem Umfange ein uralter Eichbaum, das Land weit und breit mit ſeinen Aeſten beſchattend. Dorthin entbot man das geſammte Volk und, nach⸗ dem man ihm die aus Skandien ſchon mitgebrachten Götterbilder gezeigt und es zum Gehorſam und zum Dank gegen die Götter ermahnt, wurden die drei Bildniſſe in drei in den Eichbaum ein⸗ gehauene Niſchen mit großem Gepränge aufgeſtellt und jeglichem Gott ſein Kleinod und ſeine Opfer dargebracht. Dem Volke ward hierauf verkündet, daß hinfüro nur an dieſem Orte und in dem umherliegenden heiligen Walde, der Wohnung der Götter, ihnen Opfer und Gaben geſpendet und ſolche ihnen auch nur durch geweihte Prieſter Überreicht werden ſollten. Darum ſolle der Prieſter oder der Waidelotten Wohnſitz ſtets in des Heiligthums Nähe ſeyn und das Heiligthum ſelbſt, wo immerdar auch der Griwe wohne, ſolle hinfort Rikaita oder Romove heißen.
So weit in ihren weſentlichen Zügen die Sage. Sehen wir auf den in ihr liegenden geſchichtlichen Gehalt, fo möchte er wohl darin beſtehen, daß die eingewanderten Gothen, in ihrer Bildung hoͤher ſtehend, im Waffengebrauche geübter, in ihrem Character krlegeriſch geſiunt und zum Theil als Widen⸗Wehren die Waffen in der Hand behaltend, die ftiedlichern und ruheliebenden Urein⸗
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wohner mehr und mehr unter ſich hinabgedrückt und zu Dienften und Laſten gezwungen hatten. Es brach Unfriede und Feindſchaft aus; die alten Landesbewohner empörten ſich gegen die herriſchen Widen. Bei der von Maſovien her drohenden Gefahr aber mußten die Häupter des Volkes um ſo mehr auf Mittel denken, die Volksſpaltung zu heilen und die Zwietracht auszugleichen. Es iſt nicht ohne bedeutungsvollen Sinn in der Sage, daß Widewud, das Kriegshaupt der Widen, mit ſeinem mahnenden Worte bei den Unterdrückten wenig Beachtung und Gehorſam fand, daß vielmehr aber des Griwe Gebot und Warnung auf ſie mächtigen Eindruck machte und zu Friede und Eintracht führte. Und wer war nun, dürfen wir hier zunächſt wohl fragen, in reinerem geſchichtlichen Sinn dieſes mächtige Volkshaupt? Wenden wir die Lebensverhältniſſe, wie wir ſie bei andern Germaniſchen Völ⸗ kern, namentlich auch bei den Gothiſchen Völkerzweigen finden, ebenfalls auf die Gothiſchen Bewohner Preuſſens an, ſo ſcheint es kaum noch einem Zweifel zu unterliegen, daß der Griwe unter ihnen in Beziehung auf ſeine Stellung, ſein Amt, ſeine Würde und Wirkſamkeit eine gleiche Bedeutung gehabt habe, wie der Grewe, der Grave, der Graue bei den andern Germaniſchen Völkern. Wie bei dieſen der Herzog Fürſt des Heerlagers, Führer der Wehrmannen, Oberhaupt der Kriegerſchaaren war, ſo ſtand in Preuſſen Widewud als Widen⸗Fürſt an der Spitze der Widen⸗ Wehren, und wie bei jenen der Grave oder Graf das Gericht übte, für Geltendmachung der Geſetze ſorgte, Sitte und Ordnung in der Volksgemeinde aufrechthielt, als Haupt des Gaues Ruhe und Sicherheit im geſellig⸗bürgerlichen Zuſammenleben der Gau⸗ Bewohner zu bewahren hatte und zugleich als Prieſter der Volks⸗ gemeinde den Göttern die öffentlichen Opfer brachte, ſo ſtand in Preuſſen der Griwe als Vermittler des Göttlichen und Menſch⸗ lichen, als Handhaber und Pfleger des Geſetzes, der ſittlichen und bürgerlichen Ordnung, als Richter für Recht und Strafe, zugleich aber auch als Diener der Götter und als oberſter Verweſer alles deffen, was Religion und Götterdienſt betraf, in der Volksgemeinde da. Faſſen wir alles, was uns die Sage von der Verbrüderung des Griwe und des Widewud und von der Vereinigung und Verbindung der Völker Preuſſens berichtet, in einen feſten Geſichts⸗ punkt zuſammen, ſo ſcheint daraus die geſchichtliche Thatſache
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hervorzugehen: der Widen⸗Fürſt, deſſen Gewalt ſich vordem vor⸗ züglich nur auf das Widen⸗Volk aus Skandien und auf die Widen⸗Wehren erſtreckte, deſſen Macht über die alten Landesbe⸗ wohner wenigſtens nicht rechtlich anerkannt ward, und der Griwe, der oberſte Richter und oberſte Prieſter, das Oberhaupt der alten, friedlich geſinnten Landesbewohner, deſſen Herrſchaft nicht über das Volk der Aeſtier, über welches er ſchon ſeit uralter Zeit gewaltet, hinausging, vereinten ſich bei einer von Süden, aus Maſovien drohenden Gefahr, ihre doppelte Macht gegenſeitig auszugleichen, durch eine Verſtändi⸗ gung über das Regiment des Friedens und des Krieges über Preuſſens geſammtes Volk die Getrenntheit der Völkerzweige aufzuheben, durch Vereinigung des Volkes geſammte Kraft zu verſtärken und alles Eigenthümliche der Völkerzweige in Sitte und Lebensweiſe, in Geſetz und Götterdienſt zu verſchmelzen. Die Richter und Oberprieſter⸗Gewalt des Griwe erſtreckte ſich nunmehr auch über das geſammte Volk der Widen und über die kriegeriſchen Widen⸗ Wehren. Der Widen⸗Fürſt, Widewud, wurde nunmehr Kriegs⸗ oberſter des geſammten vereinten Volkes und gebot in ſeiner Kriegsmacht auch über die Aeſtier, Galinder u. ſ. w. Darum iſt es auch nicht ohne Bedeutung, daß die Sage den Kriegsführer Widewud nun auch eine neue Wehrburg im Gebiete der Aeſtier erbauen läßt. j
Auf dieſen geſchichtlichen Sinn der Sage von einer innigeren Verbindung und Verſchmelzung der Völkerzweige in Preuſſen weiſen uns aber überdieß auch noch geſchichtliche Spuren hin. Das Ereigniß, wovon die Sage redet, muß im Verlaufe des ſechſten oder ſiebenten Jahrhunderts vor ſich gegangen ſeyn, denn in der Zeit, als in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts König Alfred der Große auf dem Throne Englands ſaß und der kühne Seefahrer Wulfſtan (von dem wir ſpäter hören werden) Preuſſen beſuchte, war jene Verſchmelzung der Völkerzweige längſt vollendet. Das Widen⸗Land oder Withland begann um dieſe Zeit am Weichſel⸗Strome, zog ſich um das Friſche Haff, durch den weſtlichen Theil der Landſchaft Ermland und endigte nach ſichern Zeugniſſen im ſüdweſtlichen Theile Samlands, wo das Gebiet Withlandsort hieß und die Gränze Withlands bildete. Hinwieder liefen auch die Wohnſitze der Aeſtier weit nach Süden hinab und hatten ſich dergeſtalt mit denen der Widen vermiſcht, daß eine
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Begränzung gar nicht Statt fand und keine Sonderung der Völker mehr bemerkbar war. Das Friſche Haff hieß daher auch das Aeſt⸗Meer, weil ein bedeutender Theil feiner Küͤſtenbewohner Aeſtjer waren.
Ein anderes wichtiges Moment für die Verbindung und Ver⸗ ſchmelzung der verſchiedenen Völkerzweige ſtellt uns die Sage von der Gründung des Heiligthums Romove auf. Daß ſie dieſes Heiligthum als eine neue Schöpfung anſieht und alſo jenes ur⸗ alte Romove an Samlands Weſtküſte, deſſen wir ſchon früher gedachten, nicht kennt, darf um ſo weniger befremden, da ſie als Skandiſche Sage alles an die Skandier knüpft. Es iſt bekannt⸗ lich viel nach dem Orte gefragt und geforſcht worden, wo dieſes heilige Romove einſt geweſen ſey. Man hat es bald in der Landſchaft Natangen bei Schippenbeil, bald in Nadrauen, bald in Galindien finden wollen. Die Sage ſelbſt weiſet auf keinen beſtimmten Ort hin; nur darin ſtimmten die verſchiedenen Mei: nungen mit der Sage überein, daß es nicht mehre heilige Oerter dieſes Namens in alter Zeit, ſondern für Preuſſens geſammtes Volk nur Ein Heiligthum Romove gegeben habe. Da nun aber mit vielen Gründen aus der Geſchichte des Landes zu erweiſen und ſelbſt mit urkundlichen Zeugniſſen ſpäterer Zeit zu erhärten iſt, daß das älteſte und urſprünglich einzige Romove an der Weſtküſte Samlands, nordwärts von German beim Dorfe No: mehnen gelegen habe, alſo im Lande der Aeſtjer zu ſuchen fen, fo ſcheint der geſchichtliche Sinn der Sage, wenn fie von einer neuen Gründung des Romove fpricht, wohl folgender zu ſeyn. Wir dewud, der Widen⸗Fürſt, und Griwe, das Oberhaupt der alten Landesbewohner, erkannten wohl, daß vor allem ein gemeinſamer Götterdienſt und ein gemeinſames Volksheiligthum die beiden Völkerzweige aufs innigſte zu Einem Volke vereinigen würden. Die alten Landesbewohner hatten bisher, wie die Sage andeutet, dem Sternendienſt gehuldigt, Sonne und Mond angebetet und nie zuvor das Bild eines Gottes geſehenz darum freuten fie ſich der Götterbilder, welche ihnen die Skandianer entgegen brachten. Der Griwe nahm ſie mit Widewuds Beiſtimmung als allgemeine Landesgötter auch für das Volk der Aeſtier in das alte Heilig⸗ thum Romove auf und erhob es ſomit zu einem heiligen Götter⸗ ſitz für das geſammte vereinte Volk. Mag nun der Götterglaube
Boigt, Gesch Wreufl. in 2 Ben. I. 3
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der alten Urbewohner des Landes, der Guttonen und Ueſtier, mit dem der Gothen aus Skandien in dieſem oder jenem vielleicht ſchon in einiger Verwandtſchaft geſtanden haben: fo war wie für die friedlichen Aeſtier das Kriegsoberhaupt und die ſtets bewaffnete Wehrmannſchaft der Widen, ſo für dieſe Widen die Macht des Griwe und ſein heiliges Romove eine neue, zuvor nie gekannte Erſcheinung, eine neue Schöpfung im neuen Vaterlande; und wie die Gewalt des Widen-Fürſten über die geſammte Wehr⸗ mannſchaft ſich jetzt auch bis ins Land der Aeſtier ausdehnte, ſo hatte ſich die Herrſchaft des Griwe im Kreiſe ſeines Wirkens bis an die Ufer des Weichſel-Stromes und über das ganze Land erweitert.
Dieſe Vereinigung des Volkes aber hatte, wie die Sage er⸗ zählt, vornehmlich jene Gefahr bewirkt, welche vom Fürſten der Maſovier drohte. Lange hatte er auf den gewohnten Tribut ge⸗ harrt, mit Krieg zaudernd, weil er vernommen, daß das ſonſt dienſtwillige Volk in Kriegsdienſten gewandter geworden, ſich einem Oberprieſter untergeben und einen Kriegsfürſten erwählt habe. Neu gefordert ward der ſchuldige Tribut von neuem ver: weigert. Der Fürſt rüſtete zum Kampfe und vom Könige Czim⸗ bech aus Norolanien hülfreich unterſtützt, ging er den Krieger⸗ ſchaaren Widewuds bis zur Gränze Maſoviens entgegen. Sie erlagen in einer blutigen Schlacht der größern Zahl des Feindes und der Ungleichheit in der Waffenart. Das Land ward mit Raub und Plünderung heimgeſucht. Widewud aber mit ſeiner Wehrmannſchaft ermannte ſich bald wieder, denn viele der früher dem Maſovier-Fürſten überlieferten, nun im Kriege gefangenen und aus Maſovien in die Heimat zurückgeflüchteten Jünglinge hatten den Widen-Wehren die Kampfart der Maſovier kennen gelehrt. Die Schmach zu tilgen brach jetzt Widewud mit ſeinen Schaaren ins Land des Feindes ſelbſt ein und der Kampf ent⸗ ſchied ſich nun bei gleicher Waffenart für ihn. Maſoviens und Roxolaniens Fürſten fielen beide im Streite und das Land unterlag weit und breit der Verwüſtung. Die Götter in Ro⸗ move aber empfingen des Sieges Dank. Der Griwe verordnete, daß fortan von jeder Kriegsbeute ein Theil als Opfer den Göttern, ein anderer dem Griwe und feinen Prieſtern, ein dritter den ſie⸗ genden Kriegern und ein vierter denen zuertheilt werden follte,
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die in der Heimat geblieben die Gränzen gegen den androhenden Feind geſchützt hätten. Da kam des erſchlagenen Maſovier-Für⸗ ſten Sohn Czamwig, fremder Hülfe entblößt und ohne Macht in ſeinem Lande, zum Griwe und Widewud, um bei ihnen Friede zu ſuchen, und es wurde ihm dieſer gewährt, nachdem er mit des Erſtern Erlaubniß den Göttern zu Romove ein weißes Roß zum Opfer gebracht. Alſo vergaßen nun die Völker die bisherige Feindſchaft und es trat Handel und Wandel unter ihnen ein. Bald aber erhob ſich Streit im Innern des Landes ſelbſt. Hören wir auch hierüber zuerſt die einfache Sage. In Widewuds hochbetagtem Alter entſtand unter ſeinen zwölf Söhnen Zwiſt wegen der Herrſchaſt, denn jeder begehrte des Vaters Obergewalt. Solchem Zerwürfniß vorzubeugen, verſammelten die greiſen Ober⸗ häupter, Griwe und Widewud, die Vornehmſten des Volkes in Romove und nach Ermahnungen zu Friede und Eintracht er⸗ klärten beide es als der Götter Willen, daß das geſammte Land unter die zwölf Brüder getheilt und jeglichem in ſeinem Theile ein Ort beſtimmt werde, von welchem aus er herrſchen ſolle. Nachdem der Griwe ſie alle zuvor durch einen Eid zur Ehrfurcht gegen die Götter und zum fernern Gehorſam gegen den Griwe verpflichtet, wies Widewud ſeinen Söhnen Litwo, Samo, Sudo, Nadro, Schalauo, Natango, Barto, Galindo, Warmo, Hoggo, Pomezo und Chulmo, jeglichem ſeinen beſondern Landestheil zu und ſie ertheilten dieſen ihren Landſchaften die Namen Litthauen, Samland, Sudauen, Nadrauen, Schalauen, Natangen, Barten, Galindien, Warmien, Hockerland, Pomeſanien und Kulmerland. In jeglicher Landſchaft aber erhob ſich eine Burg, von welcher jeder fein Gebiet beherrſchen ſollte. Nachdem hierauf nach ſolcher Theilung Widewud als oberſter Gebieter und Fürſt noch eine Zeitlang über das Land gewaltet, beſchloß er mit ſeinem Bruder, dem Griwe, ſich im heiligen Romove zur feſten Bewährung ihrer Geſetze und Ordnungen den Göttern zu opfern. Als ſie daher in einer feierlichen Verſammlung der Landesedlen und der Prie⸗ ſter jene zur Wahl eines neuen oberften Kriegsfürſten, der das Volk ſchützen könne, und dieſe zur Wahl eines neuen Griwe, der den Dienſt der Götter beſorge, ermahnt hatten, beſtiegen ſie beide den Scheiterhaufen. Ihr mahnendes Wort aber ward nicht befolgt; die neue Wahl eines oberſten F vereitelte
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Zwielracht unter den Landesedlen und es gebot fortan niemals wieder ein ſolcher über das ganze Land. Auch über die Wahl des neuen Griwe brach Zwieſpalt aus. Litwo, Widewuds älteſter Sohn, ward auf ewig, weil er ſeinem Bruder Nadro nach dem Leben geſtrebt, vom Romove verbannt und gründete nun ein eige⸗ nes gleiches Heiligthum in feinen Lande mit einem beſondern Griwe. Doch achtete man auch forthin noch in Litwo's Land auf die Gebote des Oberprieſters in Preuſſen und leiſtete ihm Gehorſam.
So die Sage über des Landes Theilung und die Namen der einzelnen Landſchaften. Fragen wir nach der geſchichtlichen Grundlage, die ihr unterliegt, ſo erkennen wir bald, daß ſie das allmählige Werden in eine beſtimmte Handlung faßt, das allmäh⸗ lig Gewordene in die feſte Geſtalt eines Ereigniſſes verwandelt. Der geſchichtliche Gang der Landesverhälkniſſe aber dürfte vielleicht folgender feyn. Der Widen⸗Fürſt, Widewud, hatte zur Ausfüh⸗ rung feiner Kriegsgebote, zur Rüſtung und Sammlung der Wehr⸗ manneien in einzelnen Theilen des Landes beſondere Befehlshaber als Vorſteher der Wehren angeordnet, wozu er die Vornehmſten, Tüchtigſten und Reichſten auserkoren. Sie ſcheinen den Namen Reiks (den man ſpäter ins Wort „König“ übertrug) geführt zu haben. So lange ein oberſter Kriegsfürſt über ihnen ſtand, wa⸗ ren ſie ihm zu Gehorſam verpflichtet und ſtets in feſter Treue mit ihm in engſter Verbindung ſtehend, konnten ſie, wie die Sage will, Widewuds Söhne genannt werden. Die längere Friedens⸗ zeit, deren ſich das Land erfreute, ließ das Amt und die Ober⸗ macht eines oberſten Kriegshauptes untergehen. Jene Kriegsober⸗ ſten wurden in ihren Landſchaften freiere Herren; an kein Ober⸗ gebot gebunden, geboten ſie frei und unabhängig über ihre eigenen Kriegswehren und ſolche Reiks oder Landesfürſten über einzelne Gebiete weifet die ſpätere Geſchichte Preuſſens wirklich auf. Auch ihre Namen ſind in ſolcher Weiſe leicht erklärlich. Im verſam⸗ melten Kriegsheere an der Spitze ihrer Gaumannſchaften mögen fie gemeinhin die Namen ihrer Landſchaften oder ihrer Wehr⸗ manneien geführt haben, alſo der Anführer oder Reiks der Galin⸗ der wohl meiſt der Galinder, der der Natanger der Natanger u. ſ. w. genannt worden ſeyn. So war es auch ſonſt Germa⸗ niſche Sitte und es hebt ſich ſomit der Widerſpruch, daß wir die
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Namen mehrer Landſchaften in weit früherer Zeit vorfinden als von weicher die Sage ſpricht. Es erklärt ſich daun auch die Erſcheinung, daß ſeit die Kriegsoberſten zu freien Herren oder Reis ihrer Landschaften emporſtiegen, die einzelnen Volkstheile mit den Namen ihrer Landſchaften ſchärfer und bemerkbarer her⸗ vortreten. Ob damals aber, wie Litthauen, fo jede einzelne Land⸗ ſchaft neben ihrem Herren Sit oder der Burg, in welcher der Reiks ſaß, auch ihren beſondern Richter-Ort, einen Wohnſitz für ihren beſondern Griwe, erhalten habe? Ob damals der Berg Grewoſe am heiligen Walde an der Sirgune, wo nachmals Chrift- burg erſtand, der Sitz eines Griwe für Pomeſanjen wurde? Ob in jener Zeit die Orte Rohmsdorf und Rykgarben und das ein⸗ ſtige Wallewona (d. h. der Gebleter⸗Ort, das jetzige Schippen⸗ beit) ihre Beſtimmung als Herren⸗Sitze und Richter⸗Orte er⸗ halten haben mögen? Ob überhaupt wie die Macht des einen Widen⸗Fürſten, fo auch das Richter- und Prieſter-Amt des einen Griwe getheilt worden ſey und jede Landschaft ſeitdem ihr beſon⸗ deres Romove und ihren eigenen Griwe, vielleicht in gewiſſer Ab⸗ hängigkeit von dem alten Romove und dem Haupt-Griwe ge⸗ habt habe? Das alles ſind Fragen, die keiner mehr erforſchen kann. Nur einzelne Spuren der ſpätern Geſchichte deuten darauf hin, daß jede Landſchaft ihren heiligen Wald und in dieſen heiligen Wäldern die einzelnen Griwen ihre Wohnſitze und Richter⸗Orte gehabt zu haben ſtheinen.
Das iſt es etwa, was wir als das Weſentliche und als den innern Kern der Sage feſtzuhalten haben. Mag immerhin vieles Einzelne mythiſcher Umhikllung angehören; mag man die Einzeln⸗ heiten ihrer Erzählung deuten und verſtehen, wie man will: ſte beruht in ihrem innern Gehalte unſtreitig auf dem Grunde eines wahrhaft geſchichtlichen Lebens und es muß ſelbſt guch die Zeit feſtgehakten werden, von welcher fie ſpricht; es muß demnach im Ablaufe des ſechſten und im ſſebenten Jahrhundert das Weſentliche des Lebens, wie es die Sage ſchildert, in Preuſſen beſtanden haben.
Aber auch nachdem uns die Sage, dieſer unſichere Führer, verlaſſen, betreten wir noch keinen ſeſten geſchichtlichen Boden, denn wenn wir auch in Karls des Großen Zeit aus einer zuver⸗ läſſigen Quelle erfahren, daß man damals die Bewohner Preuſſens immer noch unter der alten, allgemeinen Benennung der Aeſtfer
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kannte und von ben Slaven unterſchied, To tt es eben auch nur dieſer Name, der uns aus dieſer Zeit entgegentritt. Auch die alten Skandinaviſchen Sagen führen uns vorerſt in unſerer Kunde des Landes nicht viel weiter, denn wenn wir auch hören, daß der alte Skandinaviſche Sagen Held Starkadder auf feinem Sieges⸗ zuge gegen die Kurländer, Semgallen und andere öſtliche Völker, die ſich der Dienſtbarkeit des Dänen-Königes Frode entwinden wollten, auch die Sembier oder Samländer heimgeſucht und über⸗ wältigt, daß häufig auch die Skandinaviſchen Kämpen, raubluſtige Edle, Seekönige genannt, bei ihren Raubfahrten auf dem Eyſtra⸗ Salt, Auſturweg oder der Oſtſee die Oſtſeeländer und insbeſondere auch Preuſſen, die man mit dem Geſammt⸗Namen Reithgothland bezeichnete, mit ihren Raubſchaaren überzogen, daß namentlich König Jarmerik von Halland, nachdem er weſtwärts das Slaven⸗ land überwältigt, auch in Preuſſen einbrechend die Samländer bezwungen habe, ſo eröffnen uns dieſe dürren, vereinzelten Nach⸗ richten keinen weitern Blick in des Landes eigentliche Geſchichte. Es würde mehr ermüden als belehren, die Raub- und Kriegs⸗ züge der räuberiſchen Seekönige und der plündernden Vikings, Horden oder Vikinger⸗Haufen, wie ihre Schaaren genannt wurden, die bald die geſammten Gebiete Reithgothlands, bald nur einzelne Lande, namentlich auch Preuſſen mit Kampf und Raub heim⸗ ſuchten, hier der Reihe nach aufzuführen. Sie haben, wie wir fie kennen, in ſich ſelbſt und geben aus fich kein klares geſchicht⸗ liches Licht. Es erſcheint immer wie eine nordiſche Nebelgeſtalt, wenn z. B. der mächtige Konig Iwar Widfadme von Lethra auf dem Auſturweg als Herrſcher herüber ins Auſturreich kommt und die kleinen Könige der Reithgothiſchen Lande, alſo auch die in Preuſſen, bis zur Knechtſchaft niederdrückt, oder wenn der im Ge⸗ fange der Skalden hochverherrlichte König Regnar Lodbrok mit ſeinen kühnen und tapfern Kämpfern aus Biarmien und Kurland herabſtürmend, in Samland als Sieger und Gebieter begrüßt wird. So liegen Jahrhunderte in einem wunderlichen Zwielichte zwiſchen der Dämmerung der Sage und dem hellen Tage der Geſchichte, zwiſchen Dichtung und Wirklichkeit da; nur dem Skal⸗ dengeſange, der Sage und einigen ſpätern Chroniſten verdanken wir es, daß dieſe Zeiten nicht ganz ins Dunkel der Vergeſſenheit übergegangen ſind.
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Da bricht mit einemmal ein neues Licht in dieſe Zeit herein. Ein kühner Seefahrer Wulfftan, vielleicht in Schleswig geboren, unternimmt zu Ende des neunten Jahrhunderts, wie es ſcheint, auf Anlaß des Königes Alfred des Großen von England, eine Seefahrt an Preuſſens Küſte, und glücklich heimgekehrt berichtet er dann dem Könige, auf welchem Wege er Preuſſen gefunden und was er von des Landes Beſchaffenheit und der Sitte des Volkes geſehen. Hören wir das Weſentlichſte ſeines Berichtes. Von dem vielbeſuchten, durch reichen Verkehr belebten Handelsorte Hedaby in Schleswig fährt er mit ſeinem Schiffe aus. Auf ſeiner Fahrt nach Oſten liegt ihm zur rechten Hand ein bis an die Weichſel⸗Mündung weit ausgedehntes Land, welches Weonodland oder das Wendenland genannt wird; es iſt die ganze Südküſte der Oſtſee, wo von dem Weichſel-Strome an bis über Meklen⸗ burg nach dem alten Wagrien hin Slaven oder Wenden wohnten, die damals der Herrſchaft Dänemarks gehorchten. Wulſſtan bes tritt das Gebiet des Weichſel⸗Stromes. Die Weichſel, ſagt er, iſt ein ſehr großer Fluß und hat zur Seite Witland und Wen⸗ denland. Das Witland neigt ſich zu den Eſten hin. Die Weichſel kommt aus dem Wendenlande und fließt in das Eſtenmeer, wel⸗ ches ſich wenigſtens funfzehn Meilen ausdehnt. Auch der Ilſing (Elbing) läuft im Oſten ins Eſtenmeer, an deſſen Geſtade Truſo liegt. Beim Einſtrömen ins Eſtenmeer benimmt die Weichfel dem Ilſing feinen Namen und geht aus dieſem Meere nordweſt: wärts in die See, daher nennt man dieſes Weichſelmünde.
Sehen wir näher auf das eigentliche Ergebniß dieſes Be- richtes, fo findet Wulfſtan oſtwärts vom Gränz⸗Strome, der Weichſel, noch jetzt das alte Widenland oder Witland, die früheres Heimat der Widen, Gothen oder Vidivarier; es zieht ſich nach der Gegend der Eſten, der alten Aeſtier, hin. Den Vote Namen der Widen ſelbſt nennt Wulſſtan nicht oder er umfaßt ihn in dem Namen Witland; auch weiß er nichts von einer Gränze der Wohnſitze der Widen und der Eſten, weil wahrſcheinlich bei der Vermiſchung der Völker keine Begränzung mehr Statt fand. Sein Eſtenmeer iſt der alte Name des Friſchen Haſfs, deſſen Breite von funfzehn Engliſchen oder drei Deutſchen Meilen an manchen Orten noch heute dieſelbige iſt. Seine nordweſtwärts gerichtete Strömung der Weichſel und des Elbings (nachdem ſie
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ſich im Friſchen Haff vereinigt) in die See erklärt ſich durch die erwähnte Ausmündung bei Weichſelmünde, worunter er offenbar nichts anders meint, als was wir jetzt das Tief nennen. Dieſes urälteſte Tief aber muß nach mehren Gründen, die zum Theil ſich noch auf die Beſchaffenheit der Oertlichkeit ſtützen, zu Wulf⸗ ſtans Zeit im weſtlichen Theile des Friſchen Haffs, vielleicht bei bem jetzigen Orte Kahlberg auf der Nehring gefucht werden. Am Geſtade des Eſtenmeeres findet Wulfſtan den Handelsort Truſo, offenbar das Ziel ſeiner Seefahrt und ihm gewiß ſchon vor ſeiner Fahrt bekannt. Wie um dieſe Zeit Schweden an Birka oder Sigtuna, das Slavenland an Julin, Schleswig an Hedaby ihre vielbeſuchten Handelsorte und Stapelplätze hatten, ſo ſtand ſonder Zweifel in Preuſſen Truſo als ein ſolcher da. Seine Lage und der mit Preuſſen Statt findende Verkehr aus andern Landen weiſen entſchieden auf dieſe feine Beſtimmung hin. Wir erfahren aufs beſtimmteſte, daß Preuſſen bald nach dieſer Zeit und ohne Zweifel auch ſchon jetzt theils mit Birfa in Schweden, theils mit dem weitberühmten Stapelplatz Julin an der Slaviſchen Küſte, theils mit Hedaby in Schleswig in Handelsverbindungen ſtand und an allen dieſen Orten Handelsſchiffe aus Preuſſen zum Aus⸗ tauſch ihrer Wagren geſehen wurden, desgleichen auch daß Schiffe aus diefen Orten, namentlich aus Julin, häufig nach Preuſſen ſegelten, um hier die Erzeugniſſe des Landes, Bernſtein, Fiſche, Pelzwerk und dgl. gegen andere Lebensbedürfniſſe umzutauſchen. Truſo am Friſchen Haff, unfern von dem damals wahrſcheinlich ihm gegenüber liegenden Weichſelmünde oder Tief, war der Ort, wo dieß geſchah und wohin ohne Zweifel auch den Seefahrer Wulſſtan Handelsintereſſen getrieben hatten.
Das Eſtland aber, berichtet Wulfſtan weiter, iſt ſehr groß und dort likgen viele Burgen und in jeglicher iſt ein König. Da iſt auch viel Honig und Fiſcherei und die Könige und die reichſten Männer trinken Pferdemilch, die Unvermögenden und Sklaven aber Meth. Bier wird bei den Eſten nicht gebraut, da dort Meths genug vorhanden iſt. Es iſt aber viel Streit unter ihnen. — Auch dieſe Schilderung Wulſſtans iſt für uns von hohem Intereſſe. Sie deutet uns zunächſt an, daß die Wohnſitze der Eſten ein weit aus⸗ gedehntes Gebiet, alſo nicht mehr bloß Samland umfaßten und ber Eſten Name ſich ſchon weit verbreitet, den der Widen, wie
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es ſcheint, bereits ganz in ſich aufgenommen hatte. Das Land war zahlreich mit Burgen beſetzt, eine um ſo wichtigere Bemer⸗ kung, weil ſie die Sage beſtätigt, daß ſchon jeder von Widewuds zwölf Söhnen ſich eine Herrſcherburg erbaut habe. Auf jeder fand Wulfſtan einen König ſitzen. Dieß ſind jene Reiks, die Landesfür⸗ ſten einzelner Landſchaften, von denen wir ſchon früher hörten. Ihr Name Reiks führte zur Angelſächſiſchen Bezeichnung von „Ky⸗ ningen“ oder Königen. Unter den Bewohnern des Landes be⸗ merkte der Seefahrer einen dreifachen Unterſchied der Stände, ber ruhend nach ſeinem naturgemäßen Urſprunge auf Reichthum und Armuth, auf Freiheit und Dienſtbarkeit. Den Fürſten oder Reiks zunächſt ſtanden die Reichſten als die Vornehmſten, nach ſpätern Nachrichten die Edlen oder der Adel des Landes, denen ihr grö⸗ ßerer Reichthum an Landbeſitz, Vieh und Sklaven hohes Anſehen beim Volke und Einfluß und Gewicht bei den Landesfürſten in die Hand gegeben. Sie mochten bei Berathungen und Verſamm⸗ lungen, im Krieg und Frieden den Reiks mit Rath und That zur Seite ſtehen und im Kriegsheere den eigentlichen Kern bilden. An ſie ſchloß ſich ein zweiter Stand von folden, die zwar der Freiheit genoſſen, in ihrem Beſitzthum und Vermögen aber be⸗ ſchränkter waren. Sie bildeten ohne Zweifel die Mehrzahl, das eigentliche Volk. Die dritte und niedrigſte Klaſſe der Landesbe⸗ wohner waren die Sklaven oder Knechte, auf denen das gemeine Leben mit feiner ganzen Schwere und mit allen feinen Mühen lag. Gänzliche Verarmung oder Gefangenſchaft im Kriege mochten vornehmlich dieſen Menſchen ihr Loos der Dienſtberkeit gebracht haben. Ueber die Stellung dieſer drei Menſchen-Klaſſen zu den Neiks und ihre Verhälkniſſe unter einander hat uns Wuülfſtan nicht belehrk. Er weiß nur, daß Stutenmilch, zu einem beranfchenden Getränk zubereitet, bloß den Vornehmern zugeſtanden und dieß der Grund zu vielem Streite unter ihnen war.
Beſonders befremdend erſchien dem Seefahrer die im Volke herrſchende Sitte der Todtenbeſtattung, die Aufbewahrung der Leichen durch eine künſtlich bewirkte Kälte bisweilen ein halbes Jahr lang, das Wettrennen zu Roß nach ausgelegten Sieger⸗ preiſen von der hinterlaſſenen Habe des Verſtorbenen und dann die Verbrennung der Todten mit ihren Waffen und Kleidern, wobei wir zugleich erfahren, daß Preuffen ſchon damals treffliche
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Roſſe zog und daß ſte in hohem Werthe ſtanden. Auch die Nei⸗ gung der alten Preuſſen zu ſchwelgenden Gaſtgelagen, wobei vor allem dem Trunke ſtark gefröhnt ward, blieb von dem Fremdlinge nicht unbemerkt. So weit beleuchtet Wulſſtan, zwar ſparſam, doch immer vielfach belehrend, des Landes innere Verhältniſſe. Darauf erſchienen um die Mitte des zehnten Jahrhunderts wieder die Dänen im Lande. Haquin, ein Sohn des Königes Harald des Zweiten (Blaatand oder Blauzahn) unternahm es, ſich eine Herrſchaft an der ſüdbaltiſchen Küſte zu gründen. Mit einer Anzahl rüſtiger und kühner Kriegsleute, nach Art der alten Seekönige die Oſtſee durchſegelnd, landete er an Samlands Küſte. Sein Plan war, nicht wieder in die Heimat zurückzukehren; er verbrannte deshalb ſeine Schiffe noch vor dem Beginne der Schlacht und ſiegte daher um fo ſicherer, weil feinen Kriegern die Hoffs nung zur Rettung entnommen war. Zwiſchen Sieg und Tod geſtellt überwältigte er die Samlänßer im blutigen Kampfe; die waffenfähigen Männer wurden insgeſammt erſchlagen und die Frauen gezwungen, ſich mit den Siegern ehelich zu verbinden. So ward ein neuer Stamm der Bevölkerung, eine Däniſche Nie⸗ derlaſſung in Samland gegründet und Haquin beherrſchte fie bis an ſeinen Tod. Aus dieſer Zeit aber mögen die „alten Withinge“ Samlands ſtammen, eine Anzahl vornehmerer und über gewiſſe Landgebiete herrſchender Familien, denen ein großer Theil der übri⸗ gen Bewohner als dienſtbar untergeben war, denn höchſtwahr⸗ ſcheinlich theilten ſich die Sieger in das gewonnene Land, ſo daß jeder in dem Gebiete, welches ihm zuſiel, des Gebietes Herr blieb, während die alten Bewohner als Ueberwundene ſeine dienſtpflich⸗ tigen Unterthanen bildeten. Withinge hießen damals überhaupt jene ſeeräuberiſchen Abentheurer, die auf der See umherſchwär⸗ mend bald hier bald dort zu Beute und Eroberung an den Küſten landeten und im Seeraub ihr Glück verſuchten. Unbezweifelt iſt, daß dieſe vornehmeren Withinge in Samland mit reichlichem Land⸗ beſitz, mit mancherlei Vorrechten, mit großem Anſehen und Ein⸗ fluß auf das Volk ſchon als ein edlerer Herren⸗Stand im Lande ſaßen, bevor es der Deutſche Orden überwältigte. Sie möchten alſo wohl die Nachkommen jener Däniſchen Sieger ſeyn, die ſich um dieſe Zeit des Landes bemächtigt. Uebrigens bleibt uns ganz unbekannt, ob und in welcher Verbindung die Däniſche Nieder⸗
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laſſung in Samland mit dem Mutterlande Dänemark fortan noch geſtanden habe, denn die Geſchichtſchreiber der Zeit feffeln jetzt den Blick auf Preuſſens ſüdliche Landſchaften.
Vom Süden her nämlich ſollten nun bald die erſten Strahlen des Chriſtenthums ins heidniſche Land hereinleuchten. Dort waren Maſovien und Polen lange Zeit, nach früheren feindlichen Be: rührungen, friedliche und befreundete Nachbarlande geweſen. In dem letztern Lande, in Polen, hatte ſich unter Verhältniſſen, die wir von andern Geſchichtſchreibern geſchildert finden, aus der Zahl der Oberhäupter, der Kriegsfürſten des Volkes, der Fürs ſtenſtamm der Piaſten zu bedeutender Geltung emporgehoben und ein Fürſt dieſes Stammes, Mieczyslaw oder Miesfo war bereits ums 3.966 durch Liebe zu feiner chriſtlichen Gemahlin Dombrowka, des Böhmiſchen Herzogs Boleslaw Tochter, dem chriſtlichen Glau- ben zugeführt worden. Seinem Beiſpiele war darauf im Bekennt⸗ niß des Glaubens auch das ihm untergebene Volk gefolgt. Auf Preuſſen aber, wie auf Pommern, hatte dieß vorerſt noch keinen weſentlichen Einfluß, denn in beiden Ländern lebten die alten Götter noch in voller Kraft des Glaubens ihrer Verehrer. Anders ſchon unter Miesko's Sohn und Nachfolger, dem Herzog Boles⸗ law. Er hatte bereits zwiſchen den Jahren 995 bis 997 feine Herrſchaft bis an die Küſte der Oſtſee über Pommern ausgedehnt. Danzig war ſchon in feinem Beſitze und ſelbſt die nächſten Ges biete Preuſſens an der Weichſel ſcheinen von ihm für einige Zeit überwältigt worden zu ſeyn.
Es war um dieſelbe Zeit, etwa im Jahre 996, als bei ihm Adalbert, der zweite Biſchof von Prag, erſchien, um als Apoſtel der Heiden bei einem nachbarlichen Volke für Verbreitung des Evangeliums zu wirken. In Böhmen einem gräflichen Geſchlechte entfproffen, früh ſchon in Folge geſchwächter Geſundheit dem geiſtlichen Stande gewidmet, in der Kloſterſchule zu Magdeburg gebildet, wo er ſich ſeines Lehrers Otherich und des Erzbiſchofs Adalbert Liebe und Gunſt in hohem Grade erfreute, dann nach Prag zurückgekehrt zuerſt zum Amte eines Subdiaconus und hier⸗ auf zur Würde des Biſchofs von Prag erhoben, bald aber wegen ſeiner kirchlichen Strenge in Zerwürfniß mit den Großen und dem Volke ſeinem Amte entſagend oder daraus vertrieben, eine Zeit⸗ lang Mönch im Kloſter Caſſino in Italien und im Kloſter des
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heil. Alexius zu Rom, wo er fich ganz dem beſchaulichen Leben hingab und freiwillig die gemeinſten Kloſterdienſte verrichtete, dar⸗ auf auf des Papſtes Weiſung in fein biſchöflliches Amt nach Prag wieder zurückkehrend, bald aber wegen ſeiner fortdauernden Sitten⸗Strenge in neuem Zwieſpalt mit ſeinem Volke, ſein Amt abermals verlaſſend und in Rom ſich wiederum dem Mönchsleben widmend, hierauf eine Zeitlang am Hofe des Kaiſers Otto des Dritten verweilend, wo er ſich deſſen hoher Freundſchaft erfreute, — ſo in einem vielfach bewegten Leben umhergetrieben, faßte er nicht ohne des Kaiſers Ermunterung den Entſchluß, bei irgend einem heidniſchen Volke das Evangelium zu verkündigen. Er begab ſich an den Hof des Herzogs Boleslaw von Polen, wo ſchon einer ſeiner Brüder ſich des Fürſten Gunſt erworben, und fand dort ebenfalls die ehrenvollſte Aufnahme, Liebe und Vereh⸗ rung. Lange ſchwankend, ob er ſich zu den Lutiziern in Pom⸗ mern oder zu den Preuſſen wenden ſolle, entſchied er ſich endlich für die Letztern, nicht ohne Einwirkung des Herzogs, denn wie der Biſchof auf deſſen Beiſtand rechnete, fo hoffte dieſer von der Bekehrung der Preuſſen einen um ſo ſicherern Beſtand ſeiner Herrſchaft in den Weichſel⸗Landen. Mit zwei ihm näher ſtehenden Gefährten, Gaudentius und Benedict, und einem Geleite von dreißig Bewaffneten fuhr Adalbert im Frühling des J. 997 die Weichſel hinab bis Danzig. Große Schaaren des Volkes empfingen ſchon hier von ihm christliche Belehrung und die Weihe der Taufe. Darauf wandte er ſich zu Schiff ins öſtliche Preuſſen, wo er, nachdem er die Polniſchen Bewaffneten, um in den Bewohnern nicht Mißtrauen und Erbitterung aufzuregen, zurückgeſandt, zu⸗ erſt am Ufer des Friſchen Haffs landete und dann eine kleine Inſel, wahrſcheinlich in der Nähe der damals anders geftalteten Mündung des Pregels ins Friſche Haff, betrat. Dort ſchon von den Bewohnern feindſelig behandelt, begab er ſich auf das andere Ufer des Fluſſes, auf Samländiſches Gebiet. Auch hier drohten ihm die zuſtrömenden Bewohner, nachdem er ihnen ſeine Herkunft und den Zweck ſeiner Reiſe zu ihnen kund gethan, mit dem Tode, ſo fern er ſich nicht eiligſt entferne. Sein Schiff von neuem be⸗ ſteigend landete er weiter weſtwärts an Samlands ſüdlicher Küſte, verweilte fünf Tage in einem Dorfe und zog dann weiter ins Land durch eine wilde Waldgegend, da wo jetzt Pillau und Fiſch⸗
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haufen liegen. Dort aber hatte er mit feinen Gefährten, ohne es zu ahnen, den heiligen Wald durchwandert und das heilige Feld betreten, welche ſich von hier bis nach Romove hinaufzogen. Es drohte ihren Häuptern eine ſchreckliche Gefahr; ſie hatten ein Verbrechen begangen, welches nur der Tod am Fremdlinge ſühnen konnte. Da erſchreckte ſie plötzlich das wilde Geſchrei der her⸗ anſtürmenden ergrimmten Heiden. Sie wurden umringt, in Feſſeln gelegt und Adalberts Bruſt durch den Wurfſpieß eines wüthenden Siggo, eines heidniſchen Prieſters, durchbohrt. So fand er am 23. April des Jahres 997 bei Tenkitten nördlich von Fiſchhauſen in frommer Ergebung den Märtyrer-Tod. Seine treuen Ger fährten, anfangs in Feſſeln gehalten, entkamen nachmals frei ge⸗ laſſen nach Polen, deſſen Herzog den verſtümmelten Leichnam des Apoſtels mit einer bedeutenden Summe den Preuſſen abkaufte und zur Verehrung frommer Gläubigen in die Hauptkirche nach Gneſen brin⸗ gen ließ. Es iſt ſpätere Sage, daß die Heiden den Kaufpreis in Silber nach der Schwere des Körpers beſtimmten, das Ge⸗ wicht deſſelben aber wunderbar leicht gefunden ward. Das An⸗ denken des Heiligen ward von der Nachwelt in den chriſtlichen Landen vielfach gefeiert. Schon wenige Jahre nachher, im wun⸗ derbaren Jahre 1000 nach Chr. Geb., trat Kaifer Otto der Dritte eine Pilgerreife nach Gneſen an und kniete an Adalberts Grabe, um dort die Zeichen und Wunder zu ſehen, von deren Erzählung die chriſtliche Welt erfüllt war. Von Boleslaw mit einem Arme des heiligen Märtyrers beſchenkt, erhob der Kaiſer Gneſen zu einem Erzbisthum und Adalberts Freund und Gefährten Gauden⸗ tius zum erſten Erzbiſchof von Gneſen. Herzog Boleslaw ver⸗ berrlichte Adalberts Andenken durch eine goldene Denkmünze. Adalberts Leichnam, bald darauf nach Prag gebracht, war dort lange Zeit das Ziel der Pilgerreifen von frommen Gläubigen aus allen Landen. Wie in Italien, in Böhmen, Ungern, Schleſten und Polen, ſo erſtiegen ihm zur Feier und frommer Verherrlichung auch in Pommern und Preuſſen zahlreich Kirchen und Kapellen. Ihm zu Ehren und unter ſeinem Namen geweiht erbaute man nachmals die Kathedrale in Königsberg; er wurde als Schutz heiliger des Bisthums Samland verehrt und noch in ſpätern Zeiten ward an dem Orte, wo er den Märtyrer⸗Tod gefunden, unfern vom Meeresufer eine Kapelle errichtet und nach ſeinem
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Namen benannt. Aus weit entfernten Landen kamen dorthin Pilgrime, um ſich durch Andacht und fromme Spende die vom Papſt Eugenius dem Vierten dafür verheißene hunderttägige In⸗ dulgenz zu erwerben. Nun ſind es freilich nur noch wenige Mauer⸗ ſteine, die den wie einſt den Heiden, fo den Chriſten heiligen Bo⸗ den bezeichnen, jedoch Ueberreſte, an welche ſich eine große Erin⸗ nerung knüpft, die Erinnerung an den Glaubenshelden, deſſen Seele innigſt von dem Wunſche erfüllt war, von hieraus den erſten Lichtſtrahl der Lehre des Gekreuzigten über das ganze Land leuchten zu laſſen.
Es waren aber damals auch im Glauben andere Zeiten, als die unſrigen find. Adalberts Jammer-⸗ Tod konnte nicht abſchrecken, vielmehr nur erwärmen, begeiſtern und als Helden-Beiſpiel chriſt⸗ licher Glaubenskraft zu neuer That reizen. Und alſo wirkte er auch. Es folgte auf Adalberts Bahn etwa zehn Jahre ſpäter ein anderer Heiden⸗Bekehrer, Bruno von Querfurt. Aus einem frei⸗ herrlichen Geſchlechte entſproſſen, — fein Vater Bruno war ein Zeitgenoſſe und Verwandter des berühmten Geſchichtſchreibers und hochverdienten Biſchofs Ditmar von Merſeburg, — war auch er, früh ſchon dem geiſtlichen Stande gewidmet, auf der Schule zu Magdeburg herangebildet, lebte dann eine Zeitlang am Hofe des Kaiſers Otto des Dritten, begleitete dieſen auch nach Italien, begab ſich aber in Rom, dem Weltleben gänzlich entſa⸗ gend, in den Benedictiner-Orden. Dort umwehte ihn Adalberts Geiſt; er beſchloß, auf gleicher Bahn ſich Verdienſte um Kirche und Glauben zu erwerben; es lockte ihn vielleicht auch Adalberts Ruhm und Verherrlichung unter den Menſchen. Der Papſt Syl⸗ veſter der Zweite, zum frommen Werke ſeine Genehmigung er⸗ theilend, verlieh ihm bereits voraus die Würde eines Erzbiſchofs im Lande der von ihm bekehrten Heiden. Die Kriege des Herzogs Boleslaw des Tapfern von Polen mit dem Kaiſer hinderten jedoch das Unternehmen mehre Jahre. Bruno, der ſich ebenfalls an den Hof dieſes Herzogs begeben, benutzte die Zeit zur Erlernung der Preuſſiſchen Sprache und trat endlich im Jahre 1008 feine Wan⸗ derung nach Preuſſen an, von achtzehn Gefährten begleitet. Seine Bemühungen indeß hatten wenig oder keinen Erfolg; trotz den Warnungen, die man ihm ertheilte, zog er weit ins Land nach Oſten hin, wo er eines Tags während der Verkündigung des
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chriſtlichen Wortes plötzlich überfallen und am 14. Februar 1008 mit allen ſeinen Gefährten enthauptet wurde. Herzog Boleslaw ſoll auch ſeinen Leichnam von den Preuſſen erkauft haben, um ihn „zum künftigen Troſt für ſein Haus“ nach Polen bringen zu laſſen.
So waren beide Verſuche, den Samen des Chriſtenthums in Preuſſen anzupflanzen, ohne allen Erfolg geblieben. Der Grund dieſes Mißlingens der Bekehrung der Preuſſen lag zum Theil wohl offenbar in dem Umſtande, daß dem Volke der neue Glaube von einem Lande her zugebracht ward, deſſen Fürſt mit ihm längſt in feindlichen Verhältniſſen fand. Pommern und auch ſchon der weſtliche Theil Preuſſens mußten, wenngleich das letztere auch nur für einige Zeit, den Geboten des Polen-Herzogs gehor⸗ chen; das Chriſtenthum ſollte, das mochten die Preuſſen wohl erkennen, das Joch ſeyn, welches unter fremder Prieſtergewalt den Gehorſam gegen den fremden Fürſten nur noch mehr befeſti⸗ gen ſollte. Zudem ſtand mit dem Aufgeben ihres alten Glaubens ihr ganzes bisheriges freies Leben auf dem Spiele. Es erſtarben mit dem neuen chriſtlichen Glauben nicht bloß ihre alten Götter und alles, was dieſe an Luſt und Freude ins Leben gebracht; es wurden nicht nur die Feſte und Ergötzlichkeiten, die ſich an ihre Verehrung knüpften, bedeutungsleer und ſinnlos, ſondern es verlor auch ihr ganzes Leben ſeine bisherige Heiterkeit; ihre Prie⸗ ſterſchaft und! deren mächtiger Einfluß auf das Leben ſollte un⸗ tergehen und alles, was bisher in Sitte und Brauch, in Verfaſ⸗ fung und Lebensweiſe, in bürgerlichen und religiöſen Verhältniſſen dem Volke ſeit Jahrhunderten werth und theuer geweſen war und ſich ins Leben tief verwurzelt und verzweigt hatte, ſollte aufge⸗ geben werden gegen einen Glauben, der von einem fremden, feind⸗ lich geſinnten Nachbarvolke herübergebracht, nichts zum Erſatz für die großen, bedeutungsvollen Verluſte bot, der nur von einem gekreuzigten Gotte ſprach, von Prieſtern verkündigt, die in mön⸗ chiſchem Geiſte nur Entſagung, Selbſtverläugnung, Kreuzigung des Fleiſches und dgl. predigten. In ſolcher Weiſe konnte vor⸗ erſt das Chriſtenthum im Volke Preuffens keinen Anklang finden.
Mittlerweile hatte ſich im Norden des Landes in der Ge⸗ ſtalt der Dinge Manches verändert. Die Däniſche Anpflanzung in Samland hatte ſich, wir wiſſen nicht unter welchen Verhält⸗
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niſſen und durch welchen Anlaß, von der Abhängigkeit gegen Dä ⸗ nemark völlig losgewunden und durch ihren Abfall ermuthigt hatten ſich bereits auch die Däniſchen Anſiedelungen in Pommern vom Mutterſtagte getrennt und ihre alten Stammbrüder öfter ſogar ſchon feindlich behandelt. Kaum aber hatte Kanut der Große Dänemarks Thron beſtiegen, als er mit einer mächtigen Flotte nicht bloß die Däniſchen Colonien und andere Gebiete in Pom⸗ mern, ſondern auch Samland von neuem unter feine Herefchaft zwang. Auch über Ermland ſcheint er ſeine Macht verbreitet zu haben, ſo daß vielleicht der größte Theil der Küſte des Friſchen Haffs damals dem Däniſchen Gebot gehorchte. Wie über Pom⸗ mern, ſo ſetzte der König wahrſcheinlich auch über die eroberten Gebiete in Preuffen feinen Sohn Sueno als Statthalter einz er ſelbſt ward nun auch König von Samland genannt, alſo daß der Gedanke, daß Dänemarks Könige wegen der frühern Nieder⸗ laſſung auch Anſprüche auf Samlands Beſitz gewonnen hätten, wieder neue Feſtigkeit auch für die folgenden Zeiten erhielt. Wahr⸗ ſcheinlich hielt ein Theil des königlichen Thingliths, einer Horde der ausgeſuchteſten und trefflich bewaffneten Kriegsleute, die der König als Beſatzung ins Land legte, das Volk fortan im Gehorſam.
Um dieſe Zeit aber, im erſten Jahrzehend des elften Jahr⸗ hunderts geſchah es auch, daß der Name Preuſſen aus dem Dun⸗ kel zuerſt hervortritt. Land und Volk hatten bisher bei verſchie⸗ denen Völkern lange auch verſchiedene Namen geführt. Wir hörten ſie bereits Aeſtland, Eſtonien, Aeſten, dann auch Withen und Wit⸗ land oder auch Gothen und Reithgothland nennen, Bei den Polen ſcheint dieſer Name, auch Gothen oder Geten geſchrieben, die älteſte Bezeichnung für ihre nördlichen Nachbarn geweſen zu ſeyn und er erhielt ſich bei ihnen auch noch jetzt und in ſpäterer Zeit. Die Skandinavier wechſelten mit den Namen Aeſtland, Eſtonien und Aeſten oder Sambien, Sembien, Samland und Samen, Semen oder Sember; der letztere war bei ihnen der gewöhnliche, ebenſo an den Nordküſten Deutſchlands, wo der Name gleichfalls wie bei den Skandinaviern wechſelte. Aus dem mittlern Deutſch⸗ land kommt uns jetzt zuerſt der Name Pruzzen und Pruzzien oder Pruzien für Volk und Land entgegen, und Gaudentius, der Be⸗ gleiter und Lebensbeſchreiber des heil, Adalberts iſt der Erſte, der uns ihn zwiſchen den Jahren 997 und 1006 nennt. Nach ihm
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erwähnt des Namens Prufften auch der Geſchichtſchreiber Ditmar von Merfeburg, der ihn wahrſcheinlich durch das Schickſal feines Freundes, des Heidenbekehrers Bruno, erfahren hatte. Seitdem ward er ſowohl bei den Deutſchen, als bei den Polen und ans dern nahen Völkern gewöhnlich und verdrängte je mehr und mehr die übrigen ältern Benennungen. Aber woher mit einemmal der neue Name für dieſes Volk? So hat man in frühern Zeiten häufig gefragt und es iſt nichts, was etymologiſche Deutung oder Aehnlichkeit von andern Volks- und Stammnamen an die Hand zu geben ſchien, unbenutzt gelaſſen, um die Frage zu beant⸗ worten. Aber wie oft geſchieht, ſo ſah man das Zunächſtliegende auch erſt, nachdem man ſich in weiter Ferne unnütz umherge⸗ ſehen. Dem umſichtigen Forſcher liegt die Antwort nahe. Es iſt kein Zweifel, daß der heil. Adalbert und ſein Begleiter Gau⸗ dentius den Namen zuerſt am Hofe des Polniſchen Herzogs Bo⸗ leslaw vernahmen, denn dort erſt wurden ihnen die Lutizier und „die Pruſſen“ als diejenigen Völker genannt, die der chriſtlichen Bes lehrung bedürften. Ebenſo wurde an demſelbigen Hofe dem Heidenbe⸗ kehrer Bruno das Volk, unter welchem er als Apoſtel auftreten wollte, „die Pruſſen“ genannt und ſein Jugendfreund, der erwähnte Biſchof von Merſeburg, der ſeine Nachricht über Brund's Schick⸗ ſal nur aus Polen hatte erhalten können, ſchrieb den Namen nach, wie er ihn vernommen. Er war demnach zuerſt von Polen aus, wo ihn zugleich auch am frühſten mit die älteſten Geſchicht⸗ ſchreiber gebrauchen, nach Deutſchland gekommen und dann bald auch unter den Slaviſchen Völkern und in Skandinavien verbreitet worden. — Aber woher, ſo erhebt ſich hier eine neue Frage, hatten die Polen für ihr nördliches Nachbarvolk dieſen Namen erhalten? Gewiß iſt, daß er bei den Preuſſen ſelbſt nicht ent⸗ ſtanden und bis zu Anfang des zehnten Jahrhunderts nicht vor⸗ handen geweſen, alſo kein Volkszweig unter ihnen zu finden iſt, der durch überwiegende Macht oder etwanige Herrſchaft ſeinen Namen geltend gemacht und die Einzelnamen der übrigen Zweige verdrängt hätte. Ohne Zweifel fand der Name Pruſſen oder Preuſſen wie ſeine weitere Verbreitung, ſo auch ſeinen Urſprung bei den Polen. Es hatten nämlich die Nachbarvölker lange Zeit keinen allgemeinen Volksnamen für die Geſammt⸗Maſſe der Be⸗ wohner in dem Ländergebiet von der Weichſel an 1. gegen Ruß⸗ Voigt, Geſch. Preuſſ ins Boy. I.
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land hin. Die alten allgemeinen Benennungen Aeſtier und Wir den waren bei der Getrenntheit des Volkes in einzelne Land⸗ ſchaften bereits faſt gänzlich untergegangen und finden im elften Jahrhundert kaum noch Erwähnung. Der Name Gothen oder Gethen war zwar bei den Polen für ihre nördlichen Nachbarn auch jetzt noch gebräuchlich, bezeichnete aber immer nur einen ein⸗ zelnen Theil des Volkes, nämlich nur die früher ſo genannten Widen oder die Bewohner von der Drewenz bis an die Küſten der See. Wollten demnach die Polen die geſammte Maſſe des Volkes in dem ganzen nördlichen Nachbarlande in einen Geſammt⸗ Namen faſſen, ſo blieb nichts anderes übrig, als die Oertlichkeit oder die Lage ihres Wohngebietes zu ihrer Bezeichnung zu neh⸗ men. Sie nannten daher die ſämmtlichen Bewohner des Landes „die an den Ruſſen“ oder „die gegen die Ruſſen hin Wohnenden“ in ihrer Sprache „Po-Ruſſen, PRuſſen oder Pruſſen,“ denn nach damaliger Länderkunde gränzte das Land Preuſſen im Oſten unmittelbar an die Ruſſen, weil das Zwiſchenland Litthauen da⸗ mals und auch noch fpäter mit zu Rußland gerechnet und ebenfo genannt wurde. Sonach theilten die Polen die geſammten, nörd⸗ lichen Völker in dem ganzen Länderſtrich vom Oder⸗Strome bis an Rußlands Gränzen dem Namen nach in zwei große Theile; die weſtlich von der Weichſel das Küſtenland Bewohnenden nann⸗ ten fie „die am Meere, Po- morski, Pomeranen, Pommern,“ die oſtwärts vom Weichſel⸗Strome bis an die Gränzen Rußlands Wohnenden „die an den Ruſſen, Po⸗Ruſſen oder Pruſſen.“ Da⸗ her ift Pruſſen und Pruzzen auch die älteſte Schreibart des Na⸗ mens, die wir in den Quellen finden.
Drittes Kapitel.
Kämpfe mit Polen. Polens innere Wirren. Herzog Konrad von Maſovien. Stiftung des Schwertritter-Ordens in Livland. Der Mönch Ehriſtian aus Oliva und feine Be⸗ kehrungsverſuche. Der Orden des Ritterdienſtes Chriſti.
Den weſtlichen Theil dieſes Volkes hatte der Polen⸗Herzog Boleslaw der Tapfere, wie wir früher hörten, mit Waffengewalt
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zum Gehorſam gezwungen und zu jährlichem Tribut vers pflichtet. Wir wiſſen nicht, ob die Preuſſen ihn auch wirklich geleiſtet und ob überhaupt das unterthänige Verhältniß von lan⸗ ger Dauer geweſen, denn bis zu Boleslaw's Tode im J. 1025 finden wir keine Spur von irgend welcher Unterthänigkeit der Preuffen unter Polens Herrſchaft. Beſtand fie bis dahin viel⸗ leicht noch fort, ſo war ſie gewiß von keiner ſonderlichen Bedeu⸗ tung. Boleslaw's ſchwacher und characterloſer Nachfolger aber, ſein Sohn Mjesko oder Mieczyslaw der Zweite, war in keiner Weiſe im Stande, auch nur den Schein des Gehorſams aufrecht zu erhalten. In ſeinem eigenen Lande ging alle Ruhe und Ord⸗ nung unter und alles, was der Vater mit kräftiger Hand erwor⸗ ben, ward unter ihm verloren. Auch die Pommern entſchlugen ſich des aufgelegten Joches wieder, jedoch nur auf kurze Zeit. Gegen Preuſſen ſcheint er auch ſelbſt einen Verſuch, es wieder zum Gehorſam zu bringen, nicht einmal gewagt zu haben. Als er ſtarb (1034), ſtanden in Polen Parteien gegen Parteien; Ge⸗ fe und Ordnung löſten ſich auf; ſelbſt das Heidenthum ſchlug wieder neue Wurzel im verwilderten Volke. Wer der Parteien⸗ wuth und dem Schwerte entweichen wollte, flüchtete in die ruhi⸗ gere Landſchaft Maſovien, Preuſſens nächſtes Nachbarland.
Hier gelang es unter dieſer Zeit dem ehemaligen Mundſchenk und Günſtling Miesko's, Mas lab, einem kräftigen und entſchloſſenen Manne, der ſich gleichfalls dorthin geflüchtet, eine neue Herrſchaft zu gründen, denn ſein Zufluchtsort ward bald der Sammelpunkt aller Flüchtlinge. Als daher ums Jahr 1041 Kaſimir, Mjesko's Sohn, durch das Uebergewicht ſeiner Partei den entwürdigten Thron ſeiner Väter beſtieg, wollten Maſovien und deſſen Fürſt ſeine Herrſchaft nicht anerkennen, vielmehr verwüſteten Ma⸗ ſoviſche Heerhaufen mehrmals fein Gebiet. Das Schwert ſollte entſcheiden. Wie Kaſimir bei den Ruſſen, fo ſuchte auch Mas⸗ lav auswärtige Beihülfe und er fand ſie in Pommern, Litthauen und zunächſt auch bei den Preuſſen. Vier Streithaufen dieſer Letztern und, wie es ſcheint, auch eine Schgar von Samländiſchen Dänen, wahrſcheinlich von ihren Landesfürsten, ihren Reiks, an⸗ geführt, zogen ihm zum Beiſtand zu. Um der Verſtärkung feines Gegners zuvorzukommen, brach Kaſimir ums J. 1042 eiligſt in Maſovien ein. Es erfolgte bald ein blutiger Kampf. Maslav's
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Heer aber ward geſchlagen und vom Feinde verfolgt auf der Flucht gänzlich aufgerieben. Nach einer Nachricht fiel Maslav im Kampfe; nach einer andern entfloh er zu den Preuſſen, um unter ihnen neue Hülfe zu ſuchen, ward jedoch wegen des erlit⸗ tenen Verluſtes und weil er den verheißenen Sold nicht entrichten konnte, vom erbitterten Volke an einem Baume aufgehängt mit den Spottworten: „Du haſt Hohes erſtrebt, halte jetzt das Hohe!“ Ufo ward Maſovien wieder zum Gehorſam gebracht.
Wie aber Kaſimir ſofort ſeine Waffen gegen die Pommern wandte und ſie zur Tributentrichtung zwang, ſo vergaß er es auch den Preuſſen nicht, daß ſie einem Abtrünnigen vom Pia⸗ ſtenreiche Hülfe und Schutz verliehen; er fol, wie freilich nur ſpätere Quellen berichten, ſich zu einem Rachekriege gerüſtet, die Preuſſen aber, durch die Unfälle im letzten Kriege in ihrer Macht bedeutend geſchwächt, Kaſimir's Zorn durch den Schein einer frei⸗ willigen Unterwerfung und Tributleiſtung zu beſchwichtigen ge⸗ wußt haben. Wie dem auch ſeyn mag, ſo lange Kaſimir die Herrſchaft hielt, wagten die Preuſſen es nicht wieder, ſich ſeinen Waffen gegenüber zu ſtellen. Unter ſeinem Nachfolger aber, dem jungen und kriegeriſch geſinnten Fürſten Boleslaw dem Zweiten oder dem Kühnen, der im J. 1058 die väterliche Herrſchaft über⸗ nahm, fielen ſie nicht bloß mehrmals zu Raub und Plünderung in die Polniſchen Gebiete ein, ſondern unterſtützten auch die Pom⸗ mern zu gleichen Raubzügen in die Polniſchen Gränzlande. Ge⸗ wiß iſt, daß Boleslaw, den ſeine Kriegszüge nach Ungern, Ruß⸗ land, Böhmen und gegen die Pommern fort und fort beſchäftigt hielten, ſeine Waffen auch mehrmals gegen die Preuſſen wenden mußte. Freilich erlauben uns die dürftigen und verworrenen ge⸗ ſchichtlichen Quellen keinen klaren Blick in dieſe Verhältniſſe. Immer ſind es nur ſpätere Nachrichten, die bald von einer Tri⸗ butpflichtigkeit der Preuſſen gegen den Polenfürſten, bald wieder von Tributverweigerung und Auflehnung derſelben gegen die Herr⸗ ſchaft Polens ſprechen. Beſtand indeß die erſtere vielleicht auch wirklich für gewiſſe Zeiten, ſo hat ſie ſich ſchwerlich weiter als über Pomeſanien und das zunächſt liegende Pogeſanien erſtreckt, denn nur dieſe Landſchaften ſcheinen zu Zeiten mit Polen in nähere Berührungen gekommen zu ſeyn.
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Aber auch die nördlichen Landſchaften ſahen mittlerweile nicht immer ftiedliche Zeiten. Wir hören mehrmals von Kriegshändeln zwiſchen den Samländern und den Dänen. Ihren Anlaß kennen wir zwar nicht genau; er lag aber offenbar in dem gewohnten Drange raubluſtiger Abenteuerer, der wie von Skandinaviens Kü⸗ ſten, ſo auch von Samland und Eſthland aus immer wieder neue Seeräuber⸗Schaaren auf die oſtſeeiſchen Gewäſſer trieb. Suchten und ‚fanden aber Skandinaviens Königsſöhne ſolchen Anlaß, fo waren Slavien, Preuſſen, Samland und Eſthland gerne beſuchte Kriegsplätze, wo im Kampfe zugleich Ruhm und Beute zu erndten waren. Zu einem ſolchen Fehdezug hatten, wie es ſcheint, ſchon öfter Samländiſche und Eſthländiſche Seeräuber des Däniſchen Königes Sueno Eſtritſon kriegeriſchem Sohne Kanut die Waffen in die Hand gegeben. Noch unter der Regentſchaft ſeines Va⸗ ters war er mit einer kriegsluſtigen Schaar an den Küſten der genannten Länder erſchienen, um durch Kampf und Sieg dort feinen Namen zu verherrlichen; auch unter der Herrſchaft feines Bruders Harald fuhr er fort mit ſeinen Schiffen gegen die ent⸗ fernten Heiden der Oſtſee zu kreuzen. Als er darauf aber im J. 1080 Dänemarks Thron ſelbſt beſtieg, war es nicht mehr Ruhm⸗ begier und jugendliche Fehdeluſt, die ihn zum Kampfe trieben, ſondern es lebte in ihm der Gedanke auf, durch Anpflanzung des Chriſtenthums die öſtlichen Völker für die Kirche und durch die Kirche zum Gehorſam zu gewinnen, wie er ſelbſt auch in ſeinem Reiche den chriſtlichen Glauben mit allem Eifer verbreitete und durch Verdienſte um die Kirche ſich den Beinamen des Hei⸗ ligen erwarb. Er begann ſein Werk in Samland und zog dann auch nach Kurland und Eſthland; wir erfahren jedoch nicht, wel⸗ chen Erfolg ſeine Bemühungen gehabt; es ſcheint, daß er den Gedanken hegte, das Schwert müſſe dem Glauben die Bahn öff⸗ nen, denn es wird uns nur berichtet, „er habe in ſeinem Be⸗ ginnen nicht eher nachgelaſſen, als bis er die Reiche der Sam⸗ länder, Kurländer und Eſthländer von Grund aus zerſtört gehabt.“ Wir erfahren demnach auch nicht, in welchem Verhältniſſe nach dieſem Kriegszuge die erwähnten Länder zum Däniſchen Reiche
geſtanden haben mögen. Nur ſoviel iſt gewiß, daß auch ſelbſt durch dieſen Kriegsſturm das friedliche Handelsleben und der Verkehr der Samländer mit den weſtlichen Slaven⸗Ländern nach
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Zulin, mit Schleswig nach Hedaby, mit Schweden nach Birka und andern Handelsorten im Weſten nicht weiter geſtört wurde, denn über das rege Handelsleben auf den Baltiſchen Gewäſſern bringt uns gerade aus dieſer Zeit ein Zeitgenoſſe, der berühmte Domherr Adam von Bremen die Nachricht zu, daß auch mit Samlands Küſtengebiet die Handelsgemeinſchaft in ſehr lebendiger Thätigkeit geſtanden, die Tauſchwaaren der Samländer, vor allem der Bernſtein beſonders hoch geſchätzt geweſen und Handelsſchiffe aus Samland in allen beſuchten Häfen der Oſtſee geſehen wor⸗ den ſeyen. Der Handel mit Preuſſen aber beſtand einzig nur im Umtauſche, denn es wird von dem erwähnten Zeitgenoſſen aus⸗ drücklich verſichert, daß Gold und Silber in Münze und als Mittel des Verkehrs bei den Preuſſen keinen Werth gehabt, wo⸗ durch ſich auch die Frage erledigt, ob die Preuſſen in ihrer heid⸗ niſchen Zeit wohl ſchon eigenes Geld gehabt? Dieſer Handels⸗ verkehr aber iſt auch das einzige Lebenszeichen, welches wir aus dieſen Zeiten über die nördlichen Bewohner Preuſſens erhalten. Sonſt kommt uns kein Laut über ihre Sitten und Bräuche, über Religion und Verfaſſung zu und ſo liegen auch dieſe Jahrhunderte bei der Dürre der Chroniſten wie eine leere Wüſte da, in wel⸗ cher dem Forſcher im Völkerleben nichts Beachtungswerthes ent⸗ gegentritt.
Auch im Süden klären uns die Kriege, welche der Polenfürſt Wladislaw Hermann mit den abgefallenen Pommern führte, über Preuſſens inneres Volksleben nichts weiter auf. Die Preuſſen erſcheinen in dieſen fortwährenden Kämpfen, und zwar auch nur nach unſicheren Berichten ſpäterer Chroniſten, immer bloß als der Pommern Hülfsgenoſſen, ſiegen mit ihnen und werden mit ihnen zugleich beſiegt. Wäre aber dieſe Hülfsgenoſſenſchaft der Preuſſen auch völlig ſicher begründet, ſo knüpft ſich in den kriegeriſchen Ereigniſſen an den Namen der Preuſſen doch nichts, was die Geſchichte als wichtig und bedeutungsvoll hervorheben könnte. Auch nachdem Wladislaw Hermann fein Reich unter feine Söhne getheilt, ſo daß Boleslaw Krakau, Sendomir, Siradien und Schle⸗ ſien, Sbignew aber, obwohl von unehelicher Geburt, jedoch vom Vater als Sohn anerkannt, Pommern, einen Theil von Groß⸗ Polen, Kujavien und Maſovien erhielt, hingen in dem Bruber⸗ zwiſt, der bald nach Wladislaw's Tode (1102) unter den beiden
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Brlidern ausbrach, die Preuſſen als Hülfsverbündete dem letztern Fürſten an und folgten ihm, ſo oft er ſie gegen den Bruder zum Kampfe aufrief, oder ſie ſielen auch ungerufen mit Raub und Verheerung in Boleslaw 's Lande ein. Lange war es ihm, durch Kriege mit den Böhmen, Ruſſen und Pommern, auch in Kämpfen und Fehden mit ſeinem Bruder und mit Kaiſer Heinrich dem Fünften fort und fort beſchäftigt, nicht vergönnt, an den Preuſſen Rache zu üben. Erſt als er die Pommern durch einen neuen Kriegszug auf einige Zeit gedemüthigt und es ihm im erneuerten Kampfe mit ſeinem Bruder gelungen war, dieſen aus dem Lande zu ver⸗ treiben, unternahm er es, den Preuſſen ihre Räubereien durch einen Einfall in ihre Gebiete zu vergelten. Da ihm aber nir⸗ gends ein Heer zum offenen Kampſe entgegentrat und die Preuſſen nach gewohnter Weiſe ſich in ihre Wälder verſteckten, ſo durchzog er das Land mit Feuer und Plünderung und kehrte dann mit ſchwerer Beute und einer großen Schaar Gefangener, ohne den Feind anders züchtigen zu können, in ſein Reich zurück.
Allein die Preuſſen waren dadurch von fernerer thätiger Feindſchaft gegen Polen nicht zurückgeſchreckt; ſie traten mit den Pommern von neuem ins Bündniß, als Gnewomir, der Befehls⸗ haber der Gränzfeſte Czarnikow an der Netze, im Jahre 1108 unter dieſen den Gedanken der Befreiung von Polen von neuem erweckte und einen abermaligen Abfall von der Polniſchen Herr⸗ ſchaft bewirkte; fie ſtanden dann wieder als Hülfsgenoſſen mit in den Heerhaufen der Pommern‘, als dieſe im Sommer des Jahres 1109 durch Boleslaw's glückliche Waffen jene furchtbar blutige Niederlage bei der Gränzburg Nakel erlitten, durch welche die meiſten Landesburgen Pommerns in der Polen Beſitz kamen und forthin Polniſchen Hauptleuten übergeben wurden. Sie lie⸗ ßen ſich auch nicht ſchrecken, als Boleslaw im Winter des Jahres 1110 von neuem einen verheerenden Streifzug in ihr Land un. ternahm und abermals mit reicher Beute und vielen Gefangenen zurückkehrte, denn ſchon nach wenigen Jahren wagten ſie einen verheerenden Einfall in Maſovien, wo des Landes Statthalter Graf Magnus ihrer viele Hunderte erſchlug. Sie ſtanden auch dem Pommerſchen Häuptling Suantepole, dem Boleslaw umter verſchiedenen Bedingungen den Beſitz von Nakel und vieler ans dern umliegenden Burgen überlaſſen, als Verbündete zur Seite
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oder nahmen wenigſtens an feinem Kampfe Theil, als er im Jahre 1118 den Plan durchführen wollte, mit Benutzung der feindlichen Stimmung der Pommern ſich der Dienſtharkeit gegen Polen zu entſchlagen, um ſich zum freien Fürſten des öſtlichen Pommerns zu erheben, ein Plan, der freilich ſchon im nächſten Jahre durch Boleslaw's Sieg über Suantepole und durch die Einnahme Nakels vernichtet ward.
So hatten die Preuſſen in den ſüdlichen und weſtlichen Lands ſchaften ſich beſtändig zu den Feinden Polens gehalten, nicht bloß um die alte Freiheit der benachbarten Pommern mit erretten zu helfen, ſondern auch die verhaßte Herrſchaft des Polenfürſten von ihren Gebieten zurückzuhalten. Dazu kam, daß in allen dieſen Käm⸗ pfen auch der alte Glaube der Völker ſtets mit auf dem Spiele ſtand, denn Boleslaw legte wenigſtens ſeinen Kriegen mit den Pommern immer auch den Zweck unter, das heidniſche Volk der chriſtlichen Kirche zuzuführen, ein Umſtand, der auf die feindliche Stimmung der Preuſſen gegen Polen gewiß noch um ſo mäch⸗ tiger einwirkte, als es bei ihnen noch nicht vergeſſen ſeyn konnte, daß es bereits von Polen aus einigemal verſucht worden war, durch die Verpflanzung des neuen Glaubens die Herrſchaft Polens auch unter ihnen zu begründen. Was ſie für ihre Freiheit und ihren Glauben zu fürchten hatten, ſahen ſie ja in Pommern; ſie ſahen, wie Boleslaw nach ſeinen Siegen und nach der Unterwer⸗ fung des Volkes dort häufig mit allem Eifer bemüht war, die Vornehmern, die an des Volkes Spitze ſtanden, zur Uebernahme der Taufe zu zwingen; fie ſahen, wie oft das Bekenntniß des Ehriſtenthums als eine läſtige Nachwehe des Krieges zur erſten Friedensbedingung hingeſtellt wurde, um dadurch dem Volke das Joch des Gehorſams um ſo feſter aufzudrücken; ſie vernahmen auch, wie Herzog Boleslaw, nachdem er das weſtliche Pommern mit Heeresmacht überwältigt, um in der Anpflanzung des chriſt⸗ lichen Glaubens ein ſicheres Mittel zum dauernden Gehorſam der Unterworfenen zu finden, im Jahre 1124 jenen Biſchof Otto von Bamberg zur Bekehrung der Pommern herbeirief und ihn in ſeinem Unternehmen aufs thätigſte unterſtützte. Und ſo erhielt ſich im Volke Preuſſens immer die Ueberzeugung lebendig, daß die Freiheit, das alte heitere Leben auch forthin nur beſtehen könne in und mit der treueſten Anhänglichkeit an dem alten Glau⸗
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ben. Dieſe Ueberzeugung aber war es, welche die Preuſſen wie bisher ſo auch ſorthin bald allein, bald als Hülfsgenoſſen der Pommern, zu den Waffen führte, wenn es im Kampfe mit dem Polenfürſten Glauben und Freiheit, die Götter und das freie Va⸗ terland galt. 5 Nun hatte Herzog Boleslaw kurz vor ſeinem Tode im Jahre 1139 ſein Reich alſo getheilt, daß Wladislaw, der ältere Sohn, die Gebiete von Krakau und Schleſien, der zweite Boleslaw Mas fovien und Kujavien, wie es ſcheint, auch das Kulmerland, der dritte Miesko Gneſen und Pommern, und der vierte Heinrich Sendomir erhalten ſollten. Ein fünſter Sohn, Kaſimir, damals noch ein Kind, ward bei der Theilung nicht bedacht. Die Ge⸗ fahr, welche in dieſer Zerſplitterung des Reiches drohte, glaubte er durch die Beſtimmung beſeitigt zu haben, „daß ſtets der Aelteſte der Familie mit dem Beſitze von Krakau nicht nur ein Ehren Principat über die andern Familienmitglieder erhalten, ſondern auch als Großherzog eine höhere Gewalt über ſie ausüben, da⸗ durch die Einheit des Reiches ſichern und in ſeiner Perſon dar⸗ ſtellen ſollte.“ Trotz dieſer Anordnung aber brach ſchon wenige Jahre nach Boleslaw's Tode ein heilloſer Bruder- und Bürger⸗ krieg aus, als Wladislaw, der ältere Bruder und erſter Groß⸗ fürſt, durch ſeine ehrgeizige Gemahlin getrieben, ſich auch der Ländertheile feiner Brüder zu bemächtigen ſuchte. Der troſt⸗ und ordnungsloſe Zuſtand im Reiche endigte auch noch nicht, als Wla⸗ dislaw, von ſeinen Brüdern beſiegt und vertrieben, nach Deutſch⸗ land zum Kaiſer Konrad entfloh und feinem nächſten Bruder, Bo⸗ leslaw dem Vierten oder Kraushaar, das Seniorat überlaſſen mußte. Die Preuſſen ſcheinen dieſen Zuſtand der Verwirrung in Polen weder zum offenen Kriege, noch zu räuberiſchen Einfällen benutzt zu haben, denn wir hören nicht, daß ſie an den Kriegs⸗ bewegungen im Nachbarlande in irgend einer Weiſe Theil genom⸗ men. Sie wurden mittlerweile von einem neuen Glaubensapoſtel beſucht. Der Biſchof Heinrich von Olmütz war es, der im J. 1141, von einer Anzahl Mitgehülfen begleitet, in Preuſſen aber⸗ mals den Verſuch wagte, das heidniſche Volk zur Annahme der Taufe zu gewinnen. Allein ſein Unternehmen blieb, wir er⸗ fahren nicht, aus welchen Gründen, ohne allen Erfolg; er kehrte fruchtlos in ſein Biſthum zurück. Eben ſo wenig hören wir,
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welche Wirkungen ein Kreuzzug, im Jahre 1148 von den Polen fürften gegen die Preuffen unternommen, auf das heidniſche Volk gehabt habe, denn die Geſchichtſchreiber dieſer Zeit ſprechen über dieſe Ereigniſſe ſo ſpärlich und zerriſſen, daß wir weder über An⸗ laß noch Verlauf derſelben auch nur im mindeſten unterrichtet ſind. Bei dieſem Mangel aller ſichern Mittheilung kann es da⸗ her auch nicht befremden, wenn wir im Jahre 1157, als Herzog Boleslaw vom Kaiſer Friederich dem Erſten um ſeines flüchtigen Bruders Wladislaw willen mit Krieg überzogen ward, in Bo⸗ leslaw's Heere neben Ruſſen und Pommern auch Preuſſen als Hülfsgenoſſen ſtehen ſehen; wahrſcheinlich hatte Sold ſie in Bo⸗ leslaw's Dienſte gelockt, oder er hatte vielleicht ſchon jetzt einen Theil ihres Landes erobert und ſie zur Dienſtleiſtung verpflichtet.
Wenige Jahre darauf aber ergriff und verfolgte derſelbige Fürſt den Plan, das Nachbarvolk durch des Schwertes Gewalt dem chriſtlichen Glauben zuzuführen. Was dieſen Gedanken der Unterwerfung Preuſſens bei ihm angeregt haben mag, ob Ero- berungsluſt zur Erweiterung ſeiner Gränzen, ob Gefahren, die er von Preuſſen aus für ſeine Gränzgebiete Maſoviens und Kufa⸗ viens befürchtete, oder ob der damals auch in den Fürſten Po⸗ lens erwachte Glaubensdrang zu Kreuzfahrten gegen heidniſche Völker ihn zu den Waffen getrieben, darüber bleiben wir unge⸗ wiß. Boleslaw rüftete mit aller Macht zu einem Heereszuge in das Land der Gethen, denn fo nannten damals die Polen häufig noch das Volk der Preuſſen. Unter großen Beſchwerden durch⸗ zog ſein Heer, mit ihm eine Anzahl chriſtlicher Prieſter, einige Landſchaften. Da erließ er das Gebot: wer den chriſtlichen Glauben annehme, ſolle ſich vollkommener Freiheit erfreuen, in feinem Beſitze nicht gekränkt werden; wer dagegen dem alten Götterdienſte ergeben bleibe, ſolle dafür mit dem Leben büßen. Damit fuchte Boleslaw der Meinung zu begegnen, daß mit dem Aufgeben des alten Glaubens auch die alte Freiheit erſterbe. Doch als die überzogenen Landſchaften jährlichen Tribut verheißen und eine Anzahl ihrer Bewohner die Taufe empfangen, kehrte Bo⸗ leslaw befriedigt ſofort in ſein Land zurück, ohne ſich um das chriſtliche Glaubenswerk weiter zu kümmern. Und als bald darauf die Preuffen, dem Glauben ihrer Väter wieder zugewandt, ihn durch eine Botſchaſt erſuchen ließen, ſich mit der Leiſtung
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des Tributs zu begnügen und ihnen den Glauben an ihre Götter nicht zu rauben, gewährte Boleslaw das Geſuch, denn ihr Glaube war ihm gleichgültig.
Die leichtfertige Nachſicht aber hatte ihre Folgen. Die Un⸗ terworfenen leiſteten bald nicht nur keinen Tribut mehr, ſondern wagten auch häufige Raubzüge in die Polniſchen Gränzlande. Da brach Boleslaw zornig ob des Trotzes im Jahre 1161 von neuem ins Gebiet der Preuſſen ein, dießmal ſelbſt nicht einmal dem Scheine nach zur Anpflanzung des chriſtlichen Kreuzes, fon dern zu völliger Bezwingung oder gänzlicher Vernichtung des beidniſchen Volkes. Dichte Waldungen und undurchdringliche Wildniſſe, zahlreiche Seen, unzugängliche Sümpfe und moraſtige Niederungen ſtellten dem Fortzuge ſeines Heeres unſägliche Schwie⸗ rigkeiten entgegen. Pomeſanien und Kulmerland trennte damals eine große Waldwildniß mit dicht verwachſenem Dorngeſträuche und hochaufgeſchoſſenem Unkraut. Dort drang Boleslaw ins Land ein mit dreifach getheilten Heerhaufen, deren einen er ſelbſt führte. Es ſtellten ſich ihm verrätheriſche Wegeführer, die das Heer auf engbegränztem Wege in eine wilde Sumpfwaldung führten, als plötzlich der Preuſſen verborgene Heerhaufen von allen Seiten hervorbrachen. Auf die Enge des Weges zuſammengepreßt, konnten die Polen dem Feinde nicht lange widerſtehen; es war keln eigent⸗ licher Kampf möglich; in ihre dichtgedrängten Reihen geſchleudert verfehlten die Wurfſpieße und Pfeile der Preuſſen ſelten ihr Ziel. Viele vom feſten Boden verdrängt und zerſprengt, verſanken im Geſümpf; andere, von den Preuffen gefangen, wurden mit zu⸗ ſammengewundenen Ruthen erwürgt oder ſtarben unter andern ſchrecklichen Quaalen. So unterlag der ſchönſte und größte Theil des Heeres dem jammervollſten Schickſale. Boleslaw entkam unter großer Gefahr, vom Feinde bis an die Gränze verfolgt, dem all⸗ gemeinen Verderben, während fein Bruder Heinrich, Herzog von Sendomir, hier ſeinen unrühmlichen Tod fand.
Das Unglück hatte den Polenfürſten entmuthigt und geſchreckt. Die Preuffen erfreuten ſich jetzt von Polen aus lange Zeit der Ruhe, die auch nach Boleslaw's Tode (1173) von deſſen Nach⸗ folger Mesko, auf welchen das Seniorat nun überging, nicht unterbrochen ward. Sie dauerte auch noch fort, als der jüngſte der Söhne Boleslaw's Kraushaar, Kaſimir, der Gerechte genannt,
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im Jahre 1178 zur Regierung kam, denn vielfache Streithündel mit den Söhnen feiner Brüder und andere innere Landesverhält⸗ niſſe beſchäftigten ihn Jahre lang viel zu fehr, als daß er an einen Kriegszug nach Preuſſen hätte denken können.
Mit Pommern waren die alten freundſchaftlichen Verhält⸗ niſſe bereits ganz aufgelöſt. Das Chriſtenthum, nun ſchon bis an die Ufer der Weichſel verpflanzt, hatte zwiſchen die beiden Völker eine gewaltige Kluft gebracht. Seit dem Jahre 1170 hatte Oſt⸗Pommern auch ſchon ſeinen erſten chriſtlichen Fürſten Subislav, zwar immer noch „ein Polniſch-Pommerſcher Kneſe,“ der aber nur noch einen ſchwachen Schein Polniſcher Oberhoheit anerkannte. Sein Sohn Sambor nannte ſich urkundlich bereits „Fürſt der Pommernz“ er war es, der in der Gründung des Ciſtercienſer⸗Kloſters Oliva bei Danzig feinen Namen verherr⸗ lichte, auch für die nachfolgenden Verhältniſſe Preuſſens ein hoch⸗ wichtiges Exeigniß, denn aus Oliva, von deſſen Hügeln man die Höhenlande Preuſſens jenſeits der Nogat überſchaute, ſollte nun bald die Sonne chriſtlicher Erkenntniß die dunkle Nacht des Hei⸗ denthums in dieſem Lande verſcheuchen. Aber es verliefen vor⸗ erſt wieder mehre Jahrzehnde, über die auch nicht ein Laut ge⸗ ſchichtlicher Kunde auf uns gekommen iſt. An den Ereigniſſen in den Nachbarlanden ſcheinen demnach in dieſen Zeiten die Preuſſen weiter keinen Antheil genommen zu haben. Das frühere nach⸗ barliche Verhältniß zu Pommern, fo lange es heidniſch war, hatte die am linken Ufer der Weichſel ſchon aufgebaute chriſtliche Kirche geſtört. Auch von den fortdauernden Wirren in Polen ſcheinen die Preuſſen nicht weiter berührt worden zu ſeyn. Im Often ſtanden ſie mit den Ruſſen noch zur Zeit in gar keiner nähern Verbindung, denn über den vielleicht mit dieſen noch fortdauern⸗ den Handelsverkehr ſind wir ebenſo wenig unterrichtet, als über die Verhältniſſe, in denen Preuſſen und Samland zunächſt um dieſe Zeit zu Dänemark ſtand. Auch über den ſtillen Gang des innern Volkslebens in Preuſſen hat uns kein Geſchichtſchreiber der damaligen Zeit nur im mindeſten belehrt, denn es ruhte ſtets der matte Griffel ihrer Geſchichtſchreibung, ſobald nicht Kriegs⸗ wirren und Schlachtgetümmel ihn in Bewegung ſetzten.
Funfzehn Jahre hatte in Polen unter Kaſimirs des Gerechten Regentſchaft der Krieg der Parteien, der Wechſelkampf des Bru⸗
61 ders gegen den Bruder um das beneidungsloſe Seniorat unter den Landesfürſten fortgedauert, bis endlich auch Herzog Mjesko, der Letzte im Streite um die Führung des Seniorats, ſich zur Verſöhnung neigte und im Frieden Kaſimir's Obergewalt ums Jahr 1191 anerkannte. Nun konnte dieſer ſein Schwert auch gegen das Ausland wenden, und er wandte es zuerſt gegen die heidniſchen Gränzlande im Dften feines Reiches. Dort wohnte ein Zweig des Preuſſiſch⸗Litthauiſchen Volksſtammes, die Polexi⸗ aner genannt, vom alten Stamme der Jazwingen, der ſich in früherer Zeit von Rußland und Volhynien bis gegen Maſovien, Litthauen und Preuſſen weit hin ausdehnte. Jetzt waren ſeine Wohnſitze ſchon beſchränkter und erſtreckten ſich von den Sumpf: gegenden am mittlern Bug nordwärts bis an die Preuſſiſche Landſchaft Galindien. Das kriegeriſch-wilde und raubgierige Volk hatte von ſeinen undurchdringlichen Waldwildniſſen und Sümpfen aus, wo es unangreifbar war, die Nachbarlande fort und fort mit kecken Raubzügen heimgeſucht. Kaſimir fiel zunächſt ins Gebiet des Ruſſiſchen Fürſten von Drohiczyn ein, der mit den Polerianern im Einverſtändniß ihre Raubkriege gegen die benachbarten Polniſchen Lande bisher immer unterſtützt und ge⸗ fördert. Die Belagerung ſeiner Stadt Drohiczyn zwang ihn zum Verſprechen ewiger Unterthänigkeit. Drei Tage zog dann Kaſi⸗ mir's Heer durch das wüſte Land; am vierten ſollte es der Bi⸗ ſchof von Ploczk durch Darreichung des heiligen Abendmahls zum Kampfe mit den Heiden vorbereiten. Aber nirgends zeigte ſich ein Feind. Die Polerianer hielten ſich in ihren Wäldern und Schlupfwinkeln verborgen. Erſt nachdem das Land weit und breit verwüſtet, Burgen und Dörfer niedergebrannt waren, erſchien ein Volkshäuptling vor Kaſimir, im Scheine demüthiger Unterwerfung um Schonung und Gnade bittend. Geſtellte Geißeln ſollten das Verſprechen des Gehorſams und der Zinsleiſtung ſicher verbürgen. Als jedoch Kasimir ſich zum Rückzuge wandte, fand er die Wege überall durch zahlreiche und ſtarke Verhaue geſperrt; von allen Seiten ſtürmte der Feind aus ſeinen Waldungen auf das Pol⸗ nische Heer ein. Erſt nach einem ſchweren Kampfe gelang es der Polen Tapferkeit, das heidniſche Volk zu überwältigen und die Häupter zum erneuerten Verſprechen des Gehorſams und einer jährlichen Tributleiſtung zu zwingen. Froh des Sieges
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kehrte Kaſimir in die Heimat zurück. Es war feine letzte Waf⸗ fenthat, denn nach zwei Jahren ſtarb er plötzlich mitten im Ge⸗ nuß eines prachtvollen Freudenfeſtes.
Mit ihm aber erſtarb auch der kaum geſicherte innere Friede wieder auf lange Zeit. Der alte Streit um das Seniorat be⸗ gann von neuem, denn noch lebte Miesko, Kaſimir's Bruder, Herr von Groß⸗Polen, der es anſprach und durch die Geneigtheit eines Theils des Volkes auch zu erhalten und zu behaupten hoffte. Kaſimir aber hinterließ zwei Söhne Leßko und Konrad als recht⸗ mäßige Erben der Gebiete von Krakau, Sendomir, Maſovien, Kujavien, Lanczicz und Siradien, alſo des größten Theils des geſammten damaligen Polens. Mjesko's Anſprüche auf das Seniorat waren ohne Zweifel die begründetſten; allein er hatte aus früherer Zeit her die Primaten und die hohe Geiſtlichkeit, unter dieſer vorzüg⸗ lich den einflußreichen und angeſehenen Biſchof Fulco von Krakau wider ſich, und es gelang dieſem letztern, mit Beihülfe des Pala⸗ tins Nicolaus von Krakau, den Adel und die Geiſtlichkeit zur Anerkennung des Seniorats zu Gunſten Leßko's zu gewinnen.
So begann ſeit dem Jahre 1195, da Mjesko unter den Schleſiſchen Fürſten Beihülfe gewann, ein wilder und blutiger Bürgerkrieg, in welchem unter beſtändigem Wechſel von Kämpfen, Siegen und Niederlagen alle bürgerliche Ordnung ſich auflöſte, alles Glück und Gedeihen im Bürgerleben unterging und bald Mjesko, bald wieder Leßko des Landes Oberherr hieß. Es zog ſich aber dieſe widerliche Reihe von Blutſcenen und inneren Zer⸗ würfniſſen des ganzen Volkes bis zum Jahre 1206 hin, denn obgleich Mesko ſchon im Jahre 1202 dem wilden Ge⸗ tümmel durch den Tod enthoben ward, konnte Leßko doch nicht eher als Oberherr des Landes auftreten, als bis ihm die Magnaten Krakau's die Huldigung als Herrn ihres Landes dar⸗ brachten. Erſt als im blutigen Bürgerkampfe die ſtürmiſche Zeit ausgetobt hatte, theilten die beiden Brüder Leßko und Kon⸗ rad ihre väterlichen Lande, ſo daß der Erſtgeborene die Gebiete von Krakau, Sendomir, Lanczicz und Siradien, Konrad dagegen Maſovien und Kujavien nebſt den Dobriner⸗, Michelauer⸗, und Kulmerlanden und zwar dieß alles als eigene beſondere Herzogthümer erhielten. So ward Maſovien als unabhängiges Fürſtenthum von Po: len getrennt und blieb forthin einem beſondern Herzog unterthan.
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Dieſer Herzog Konrad aber, zügellos in feinen Leidenſchaften, roh und wild in ſeinen Sitten, ohne Maaß und Scham in ſeinen Lüſten und Begierden, unverſöhnlich in ſeinem Haſſe, übermüthig im Glück, feig und kraftlos im Unglück, dem nichts heilig und werth war, ſelbſt brüderliche Liebe nicht, wenn er die Befriedigung feiner lüſternen Wünſche opfern folte, der es leicht über ſich bringen konnte, feinen ehemaligen Lehrer und Erzieher, den hochverdienten Woiwoden Criſtin von Maſovien, als dieſer es wagte, ihm mit ernſten Ermahnungen ſeine tadelnswerthen Sitten und ſein unge⸗ zügeltes Leben vor Augen zu ſtellen, in den Kerker werfen, des Augenlichtes berauben und unter grauſamen Qualen erwürgen zu laſſen, — dieſer Fürſt ohne eigene Haltung, ohne feſten Willen, ohne Liebe und Achtung unter den Menſchen, ſollte jetzt ein Land regieren, in welchem kaum noch ein Geſetz galt, alle Ordnung zertreten, aller Wohlſtand vernichtet, aller Friede zerſtört und deſſen Bewohner durch vieljährige Kriege und Gräuel, Raub und Plünderung gänzlich verarmt und in der Armuth an ein wildes und wüſtes Leben gewöhnt waren, ein Land, deſſen Gränzgebiete überdieß bisher von den feindlichen Nachbarvölkern, im Norden von den heidniſchen Preuſſen und im Oſten von den unter jenen Unruhen in Polen wieder frei gewordenen Polerianern fort und fort durch räuberiſche Einfälle heimgeſucht, durchplündert, ver⸗ wüſtet worden waren. Dieſe fortwährenden Gränzkriege hatten die Polenfürſten, mit den Wirren und Fehden im Innern ihrer Lande beſchäftigt, bisher ganz allein den Bewohnern der Gränzlande überlaſſen müſſen; um ſo kühner und kecker waren die heidniſchen Nachbarvölker auf ihren immer wiederholten Raub⸗ zügen geworden.
Dieſen läſtigen Feinden mit Nachdruck zu begegnen, fand Herzog Konrad weder die nöthige Kraft in ſeinem eigenen ver⸗ armten, durch Unglück erdrückten Volke, noch Hülfe und Beiſtand aus den Nachbarlanden. Seinen Bruder, Herzog Leßko von Kra⸗ kau, beſchäftigten faſt ausſchließlich die Angelegenheiten der ſüd⸗ weſtlichen Landſchaften Rußlands. Neun Jahre dauerten ſeine Streitigkeiten mit Ungern um die Oberherrſchaft in Halicz und dennoch gelang es ihm nicht, das früher dort erlangte Ueberge⸗ wicht der Polen für die Dauer zu erhalten. Auch aus Pommern konnte Herzog Konrad keinen Beiſtand erwarten. Hier, nämlich
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in Oſtpommern, ſaß bereits, wie ſchon erwähnt, Sambor, Su: bilaw's Sohn, als völlig unabhängiger Fürſt; frei „im Eigenen ſitzend“ und unbekümmert um das Polniſche Obergebot, herrſchte und verfügte er unbeſchränkt über feine Beſitzungen von feiner Wohnburg zu Danzig aus. Er war jedoch keineswegs der ein⸗ zige Gebieter in ſämmtlichen Gebieten Oſtpommerns; feine Herr⸗ ſchaft erſtreckte ſich nur auf die Landſchaft um Danzig. Neben ihm ſaßen in den weiten Gebleten vom Meere bis an die Netze und von der Weichſel bis zur Grabow mehre andere kleine, aber gleichfalls freie und unabhängige Fürſten, früher wohl nur reiche Beſitzer großer Landgebiete unter Polniſchem Obergebot, gehor⸗ chend, ſo lange ſie gehorchen mußten, unter den langjährigen, wirren Streitigkeiten in Polen aber zu unabhängigen Herren em⸗ porgeftiegen. Beim Abfalle des Landes von Polen waren fie geblieben, was ſie zuvor ſchon geweſen, Vorſteher, Verweſer, Häupter des Volkes, bald auch zum Theil mit dem fürſtlichen Namen geſchmückt. Erſt nach und nach fügten und untergaben ſie ſich der emporwachſenden Macht theils der Herzoge von Sla⸗ vien (Weſtpommern), theils der von Oſtpommern. In ſolcher Weiſe in einzelne Fürſtenthümer getheilt, ſtand Pommern, in ſich ſelbſt durch heranziehende Deutſche Koloniſten in fröhlichem Ge⸗ deihen, auch noch in der Zeit da, als Polen durch jene Theilung in zwei Herzogthümer zerfiel und Herzog Sambor von Danzig nach faſt dreißigjähriger Regierung gegen das Jahr 1207 ſtarb. Er hinterließ einen Sohn Subislaw, der ihm in der Landesver⸗ waltung folgte. Allein Sambor'en überlebte auch ein Bruder Miſtwin, den bereits ein blühendes Haus von Söhnen und Töch⸗ tern umſtand, deren erftern Suantepolc, den Helden des Geſchlechts, wir nachmals näher kennen lernen werden. Da aber damals die erbliche Nachfolge in der Herzogswürde noch keineswegs ſtreng geordnet war und jeder Sprößling deſſelben Stammes mit her⸗ zoglichem Namen über das ihm durch Erbfolge zugefallene Land⸗ Eigene nach freier Willkür verfügen konnte, ſo tritt neben Su⸗ bislaw auch Sambor's Bruder, Miſtwin, als wirklicher Herzog von Pommern in Danziger Linie auf, ſich gleichfalls Fürſt von Danzig nennend. Aber das Leben beider Fürſten ging, wie es ſcheint, in völlig ungeſtörtem Frieden hin; in frommer Freigebig⸗ keit gegen die Klöſter waren ſie nur bemüht, ihrer Seele ewiges
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Heil zu ſchaffen. Auch von der Weichſel her, die ſie vom heid⸗ niſchen Preuſſen trennte, wurde ihr Friede nicht geſtört, denn da von Pommern aus weder ein Eroberungsverſuch, noch die Ver⸗ breitung des Chriſtenthums unter den Preuſſen unternommen ward, fo fanden auch dieſe keinen Anlaß, die friedlichen Verhältniſſe mit dem Nachbarvolke zu ſtören, zumal da ſie von jeher den Ruhm behauptet, daß ſie den Frieden liebten.
Wenn alſo Herzog Konrad von Maſovien auf dieſe Ver⸗ hältniſſe der Nachbarlande hinſah, ſo konnte er von ihnen aus zu ſeines Herzogthums Rettung und zur Abwehr der Raubzüge der heidniſchen Preuſſen durchaus keinen Beiſtand erwarten. Warf er aber einen Blick auf die Umwandlung der Dinge in Livland, ſo mußte er ſich bald überzeugen, daß nur in der Be⸗ kehrung des heidniſchen Nachbarvolkes für ſein Land Ruhe und Friede zu hoffen ſey. Es war zur Zeft noch in der Menſchen Gedächtniß, wie es dem frommen und glaubenseifrigen Auguſtiner⸗ Mönch Meinhard aus dem Kloſter Sigeberg im Holſteiniſchen durch die Kraft ſeiner chriſtlichen Verkündigung und den Muth ſeines Glaubens gelungen war, das Werk der Bekehrung der Liven trotz unendlicher Schwierigkeiten nicht ohne Erfolg zu beginnen, ſo daß er gegen das Jahr 1191 ſchon zum Bifchofe von Livland ernannt worden war. Er hatte am Ufer der Düna die erſte chriſtliche Kirche erbaut; er konnte freilich bei feinem Tode im Jahre 1196 ſein Werk noch keineswegs als vollendet, ſelbſt nicht einmal als einigermaßen feſt begründet betrachten. Es galt auch nach ſeiner Zeit einen ſchweren, blutigen Kampf zwi⸗ ſchen Chriſtenthum und Heidenthum.
Sein Nachfolger im Biſchofsamte, der Abt Berthold vom Ciſtercienſer⸗Kloſter Lucca in Nieder⸗Schleſien, hatte zur Siche⸗ rung und Erweiterung der neuen Chriſtengemeine, vom Papſte thätig unterſtützt, das Schwert eines Kreuzheeres nach Livland aufrufen müſſen; er hatte im Kampfe deſſelben mit den heldni⸗ ſchen Liven ſeinen Tod gefunden und der ausgeſtreute Same der chriſtlichen Lehre ward eine Zeitlang durch des Heidenthums neuen Aufwuchs faſt völlig wieder erſtickt. Allein ſein Nachfolger im biſchöflichen Amte, der bisherige Domherr von Bremen Albert von Apeldern, griff bald von neuem mit Feuer und Eifer an das wichtige Werk. Von Königen und Fürſten W führte er
Voigt, Geſch. Preuff. in 3 Bbn. I.
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ein neues Kreuzheer an die Ufer der Düna; unter dem Schutze ſeiner Waffen glückte der Aufbau der chriſtlichen Kirche je mehr und mehr. Am Righe⸗Berg, nahe am Düna⸗Strome, erſtand nun Riga zur Sicherung der neuen chriſtlichen Pflanzung, zum Schutze der neu aufwachſenden Chriſtengemeine.
Da aber vorauszuſehen war, daß es ſchwer fallen werde, zur Vertheidigung und Erweiterung des nun ſchon feſt begrün⸗ deten Werkes im Drange der Zeiten neue Kreuzheere in das weit⸗ entlegene Land zu ziehen, ſo faßte und vollführte der eifrige Bi⸗ ſchof Albert den Plan, einen beſondern Ritter-Orden zu ſtiften, deſſen Zweck ſeyn ſollte, das für das Chriſtenthum bereits ge⸗ wonnene Land und die in ihm gegründete chriſtliche Kirche gegen die Heiden mit Macht zu vertheidigen, das Reich des Glaubens und der Kirche immer mehr zu erweitern und in ſeiner Stellung und Verfaſſung eine feſtſtehende, dem Landesbiſchofe ſtets bereite Schutzmacht für die Sache Chriſti zu bilden. Papſt Innocenz der Dritte ertheilte gerne ſeine Genehmigung und ſo erſtand gegen das Jahr 1200 der Orden „der Brüder des Ritterdienſtes Chriſti, denn ſo nannte der Biſchof Albert die Glieder der ritterlichen Verbrüderung. Wie ohne Zweifel die damals aufblühenden Ritter⸗ Orden im Morgenlande und ihr muthiger Kampf für den Glauben bei ihm zuerſt den Gedanken einer ähnlichen Stiftung erweckt, jo war es vor allem auch die Regel und Verfaſſung des Templer⸗ Ordens, welche er auf des Papſtes Anrathen bei der Einrichtung des neuen Ordens zum Grunde legte. Kreuz und Schwert auf dem weißen Rittermantel ſollten den Zweck und die Beſtimmung, das ganze Thun und Wirken der neuen Stiftung in Dienſte Chriſti bezeichnen. Darum hießen die Ritter-Brüder bald auch Schwert⸗Brüder, Schwert⸗Träger.
Der Orden gedieh aber unter dem erſten Meiſter Vinno von Rohrbach, den Albert ihm vorſetzte, um ſo mehr ſchon in den erſten Jahren ſeines Beſtehens zu kräftigem Aufwuchs und friſcher Blüthe, als er in ſeinem Weſen und ſeiner Beſtimmung, in feiner, Einrichtung und Verfaſſung im Geiſte der Zeit, in dem⸗ ſelbigen Geiſte, der die Kreuzzüge hervorrief und bewegte, aufge⸗ faßt und gegründet war. Vornehmlich aber war es der zweite Ordensmeiſter Volquin, der unter ſchweren, blutigen Kämpfen mit den noch unbekehrten Liven, Eſthen, Kuren, Litthauern, Sem:
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gallen und Ruſſen das fo gewaltig bedrohte christliche Kreuz nicht nur mit ſtarker Hand aufrecht hielt, wo es ſchon hingepflanzt war, ſondern auch unter unſäglichen Mühen und Stürmen ſelbſt noch immer weiter verpflanzte. Zehn Jahre gingen unter ſolchen Kämpfen vorüber.
Der völlige Sieg des Kreuzes würde gewiß weit früher er⸗ rungen worden ſeyn, hätten nicht auch hier weltliches Intereſſe und menſchliche Leidenſchaft hierarchiſcher Herrſchluſt die Gewalt der großen Idee, die ſich im Kampfe des Glaubens gegen das Heidenthum geltend machte, in ihrem Wirken vielfach gehindert und nicht ein mehrjähriger Zwiſt zwiſchen dem Biſchoſe und dem Orden über die Theilung des Landes wie ein ſtörender Dämon ſich in die heilige Sache geſtellt. Aber im Jahre 1210 ward auch dieſer Streit verglichen. In Rom vor dem Pabſte erſchei⸗ nend, erhielten der Biſchof und der Ordens meiſter die Entſchei⸗ dung: der Orden ſolle den dritten Theil Livlands und Lettlands vom Biſchofe zuertheilt erhalten und ihm dafür zu keinem andern zeitlichen Dienſte verbunden ſeyn, als welcher zu der Kirche und des Landes Vertheidigung gehöre; der zeitige Ordensmeiſter aber ſolle dem Biſchofe von Riga fortan zum Gehorſam verpflichtet bleiben. Von allem übrigen Lande, welches der Orden außer Livland und Lettland forthin noch erwerben werde, ſolle dieſer an keine Rechenſchaft gegen den Biſchof gebunden ſeyn, deshalb auch auf keine Weiſe von letzterem beläftigt werden. An der Form und Regel des Tempel⸗Ordens ſolle er auch ſernerhin noch feſt⸗ halten, jedoch auf ſeinem Ordenskleide ein anderes Zeichen tragen, um hiemit zu beweiſen, daß er jenem Orden in keiner Weiſe un⸗ terworfen ſey. Und nachdem ſomit der hinderliche Zwiſt zwiſchen dem Biſchofe und dem Orden ausgeglichen, der letztere zu feſtem Beſitzthum gelangt und auch dadurch ſeinen Waffen zu fernerem Kampfe ein neues Intereſſe gegeben war, hielten nicht nur immer neu heranziehende Heerhaufen von Kreuzfahrern und Pilgrimen fein Kriegsglück fort und fort aufrecht, ſondern er hatte ſich auch fortan des Papſtes hoher Gunſt und der Gnade und des Schutzes der Könige und Fürſten zu erfreuen. Kaiſer Otto der Vierte nahm ſchon im Jahre 1211 den Orden ſammt allen ſeinen jetzigen und ferner noch zu erwerbenden Beſitzungen in ſeinen kaiſerlichen Schirm, jeglichen mit Strafe bedrohend, welcher den Orden in
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irgend einer Weiſe beläſtigen oder in feinen Beſitzungen beſchä⸗ digen werde.
Herzog Konrad von Maſovien durfte alſo nur auf die Um⸗ wandlung der Verhältniſſe in Livland hinſehen, um die Ueberzeu⸗ gung zu gewinnen, daß nur in der Bekehrung der Preuſſen auch die nachbarlichen Verhältniſſe der beiden Völker ſich friedlicher geſtalten würden. Er mußte ſie daher ſchon als politiſches Klug⸗ heitsmittel zur Sicherſtellung ſeines Landes wünſchen und zu för⸗ dern ſuchen. Es wagte demnach wahrſcheinlich auf ſeine Ermun⸗ terung der Abt Gottfried von Lukna in Polen ſchon im Jahre 1207, begleitet von Philipp, einem Mönche ſeines Kloſters, von neuem den Verſuch und er ſchien Anfangs zu gelingen. Zwei der Landesfürſten oder Reiks, Phalet und Sodrech, zwei Brüder, wurden für den chriſtlichen Glauben gewonnen und erhielten die Taufe. Als man jedoch hierdurch ermuthigt das Werk weiter fortſetzen wollte, ward der Mönch Philipp durch irgend welchen Anlaß erſchlagen und die Unternehmung wieder aufgegeben.
Da trat wenige Jahre darauf zuerſt der Mann auf, dem es glückte, ein bleibendes Licht des göttlichen Glaubens im Volke Preuſſens zu entzünden und durch Einen Gedanken ſeiner gotter⸗ füllten Seele des Landes Schickſal für Jahrhunderte hinaus zu beſtim⸗ men. Chriſtian, ein Ciſtercienſer-Mönch aus Oliva bei Danzig, geboren zu Freienwalde in Pommern, faßte den Entſchluß, unter den benachbarten heidniſchen Preuſſen als Apoſtel des Glaubens aufzutreten, und er vereinte in ſich auch alle die Tugenden und Eigenſchaften, die ein ſo ſchwieriges Werk erforderte, Milde der Geſinnungen, Reinhelt des Wandels, Bedächtigkeit und Vorſicht im Handeln, Klugheit und Umſicht in der Wahl und Berechnung feiner Mittel. Gelehrſamkeit bedurfte es nicht; doch in vier Sprachen, in der Lateiniſchen, Deutſchen, Polniſchen und Preuſſi⸗ ſchen war Chriftian gewandt genug, um ſich darin verſtändlich zu machen. Voll Feuer des Geiſtes und des wärmſten Eifers, mit feſtem Vertrauen auf höheren Beiſtand, begleitet von einigen feiner Mönchsbrüder begann er ſeine erſten Bekehrungsverſuche ohne Zweifel unter dem Schutze des Herzogs von Maſovien im Kul⸗ merlande, im Gebiete von Löbau und an den Gränzen Pomeſa⸗ niens, vielleicht im Gebiete des bereits erwähnten Landesfürſten Sodrech; und nicht aus dem verhaßten Polniſchen Wolfe, ſondern
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aus dem immer ſchon mehr befreundeten Pommern kommend, fand er mit ſeiner Predigt des Evangeliums auch leichten und erfreulichen Eingang. Bald hatten nicht bloß mehre Bornehme, ſondern auch ſchon eine ſo anſehnliche Zahl aus dem Volke ſich dem Glauben zugewandt, daß er ſich um das Jahr 4210 nach Rom begab, um dem Papſte Innocenz dem Dritten von ſeinem Unternehmen und deſſen Gelingen Bericht abzuſtatten.
Mittlerweile übertobte das nördliche Preuſſen ein wilder Kriegsſturm. Es geſchah in demſelben Jahre, als Chriſtian in Rom verweilte, daß König Waldemar der Zweite von Dänemark ein mächtiges Kriegsheer rüſtete, um im Pommerſchen Slaven⸗ lande, welches ſchon Waldemar der Erſte zur Unterthänigkeit oder wenigſtens zum Tribut gezwungen, deſſen ſich aber die jungen und muthvollen Fürſten Kaſimir der Zweite und Bogislav der Zweite eben wieder entſchlagen hatten, neuen Gehörfam gegen feine Herrſchaft zu erringen. Mit feiner zahlreichen Flotte zuerſt an Samlands Küſten landend, fand er in der Ueberwältigung des Landes keinen weitern Widerſtand, durchzog die Küſtengebiete am friſchen Haff bis an die Weichſel, gewann Danzig, zwang deſſen Fürſten, Miſtwin den Erſten, zur Huldigung und unterwarf ſich dann auch die übrigen Fürſten des Slavenlandes. So ging der Münderungs: und Verheerungszug über Preuſſen ſchnell "dns hin, fo viel wir wiſſen, ohne merkliche Folgen, nur dazu bienend, das alte vermeinte Anrecht der Däniſchen Könige auf Samlands Beſitz wieder in Erinnerung zu bringen.
Der Sturm war vorüber, als Ehriſtian aus Rom nach Preuſſen zurückkehrte. Mit Freude hatte der Papſt vernommen, wie unter ſeiner Pflege der ausgeſtreuete Same zur ſchönen Saat aufgekeimt und gediehen war; er wies alsbald den Erzbiſchof von Gneſen an, dle junge Pflanzung des Evangeliums in Preuſſen unter ſeinen Schutz zu nehmen, die frommen Bekehrer im Fort⸗ gange ihres Werkes kräftig zu unterſtützen, die Neubekehrten fo lange, bis ſie als eine Gemeine zahlreich genug einem eigenen Biſchofe untergeben werden könnten, in ſeiner geiſtlichen Obhut zu halten und die Fürſten und Geiſtlichen feiner Nachbarlande zu thätiger Förderung und Theilnahme an dem Werke der Be⸗ kehrung eifrig zu ermahnen. Trotz dem Neide und der Eiferſucht, die bald in Ehriſtgaus eigenen Ordens⸗Brüdern wegen ſein es Un
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ſehens und Verdienſtes gegen ihn erwachten, ſetzte er fein Ber kehrungswerk ſtets mit friſchem Muthe fort und immer mit gluͤck⸗ licherem Erfolge. Auch der Papſt griff förderlich ein, denn als er erfuhr, daß die Herzoge von Polen und Pommern, nur irdi⸗ ſche Vortheile ins Auge faſſend, die Neubekehrten häufig mit ſchweren Dienſten belaſteten und ihnen ſomit den Uebertritt zum chriſtlichen Glauben verbitterten, erließ er an ſie ein ernſtes Er⸗ mahnungsſchreiben. So hatte ſich in wenigen Jahren die Zahl der Bekehrten ſehr bedeutend vermehrt. Im Jahre 1214 wandten ſich abermals zwei Landesfürſten, Warpoda in der Landſchaft Po⸗ geſanien und Suavabuno im Gebiete von Löbau, dem chriſtlichen Glauben zu. Mit ihnen begab ſich Chriſtian noch in demſelbigen Jahre nach Rom, ward vom Papſte zur Belohnung für ſeine Verdienſte um die Kirche zum Biſchofe der Preuffen erhoben und in ſolcher Weiſe der erſte Grundſtein zur chriſtlichen Kirche in Preuſſen gelegt, denn die beiden genannten Fürſten, in Rom ge⸗ tauft, hatten bereits durch eine Schenkung ihrer Gebiete das erſte Beſitzthum des neuen biſchöflichen Stuhles gegründet und der Papſt beſtätigte ſolches im Anfange des Jahres 1215.
Kaum aber war der neue Biſchof ins Land zurückgekehrt, als ein wilder Sturm die neugegründete Kirche faſt wieder zu vernichten drohte. Wir kennen den nähern Anlaß nicht genau, der die heidniſchen Preuſſen noch im J. 1215 bewog, mit ſchreck⸗ licher Verwüſtung über Pomeſanien, Löbau und ins Kulmerland bis an die Drewenz einzubrechen und alles Chriſtliche wieder zu vernichten, ſo daß auch viele der Bekehrten, um ſich zu retten, zum Heiden⸗ thum zurückkehrten. Da der Sturm ſchnell vorüberging, ſo machte Biſchof Chriſtian von der Erlaubniß des Papſtes Honorius des Dritten, aus den benachbarten Landen ein Kreuzheer zur Rettung der bedrohten Kirche zu ſammeln, keinen Gebrauch; er zog es vor, in ſeinem Bekehrungswerke auch fortan noch auf dem Wege des Friedens fortzugehen. Allein ſchon nach einigen Jahren (1218) erfolgte ein neuer feindlicher Einfall ins Kulmerland und weiter bis nach Maſovien hinein. Alles unterlag der ſchrecklich⸗ ſten Verheerung; Kirchen und Kapellen wurden geplündert und vernichtet in großer Zahl, die gefangenen Geiſtlichen aufs grau⸗ ſamſte mißhandelt und alles mit Feuer und Schwert vertilgt, was chriſtlich hieß; denn Haß gegen das Chriſtenthum und Raub⸗
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begier waren es gemeinſam, was das heidniſche Volk zum wil⸗ deſten Vernichtungskampfe trieb. Herzog Konrad von Maſovien, nicht im Stande, dem Feinde mit Kraft zu widerſtehen, mußte mehrmals den Rückzug der heidniſchen Haufen durch Tributge⸗ ſchenke, ſchöne Kleider, Pferde u. dgl. erkaufen. Allein je öfter ſolches geſchah, um ſo mehr erkannten die Heiden die Schwäche ſeiner Waffen, um ſo häufiger lockte ſie neue Beutegier in ſein Land. Mußte er zuletzt doch ſelbſt zu dem Mittel greifen, bei einem Gafimahle, wozu er die vornehmſten Großen feines Landes und deren Frauen und Töchter eingeladen, ihnen ihre Roſſe und abgelegten Gewänder fortnehmen zu laſſen, um dieſe den Preuſſen als Tributgeſchenke zu geben.
Nur ein Kreuzheer, wie ſie damals gegen die Saratenen im heiligen Lande, gegen die Araber in Spanien, gegen die Slaven an der Oſtſee und gegen die Heiden an den Ufern der Düna zum Kampfe geführt wurden, konnte Herzog Konrads Land gegen den Feind retten und den Neubekehrten in Preuſſen Schutz ge⸗ währen. Schon im März des Jahres 1217 erging vom Papſte Honorius III. zu ſolchem Zwecke ein Aufruf zum Kreuze, indem er auf Anliegen des Biſchofs Chriſtian und des Herzogs Konrad den Erzbiſchof von Gneſen und alle diejenigen, welche in der erz⸗ biſchöflichen Diöceſe das Kreuz zum Zuge ins heil. Land genom⸗ men, von ihrem Gelübde entband und ſie zur Vertheidigung ihrer Lande gegen die benachbarten Heiden in Preuſſen aufforderte, jedoch den Eintritt des Kreuzheeres nach Preuſſen von der Er⸗ laubniß des Biſchofs abhängig machte. Und im Jahre darauf erließ er nicht nur eine neue Aufforderung an alle Chriſtgläubigen in Polen zur Theilnahme am Kampfe, ſondern er wies bald dar⸗ auf auch die Erzbiſchöfe von Mainz, Trier, Köln, Magdeburg, Salzburg, Gneſen, Bremen, Lund und deren Suffragane mit ernſtem Eifer an, allenthalben gegen die Preuſſen das Kreuz zu predigen und diejenigen, welche mit dem Kreuze bezeichnet die ferne Pilgerfahrt gen Jeruſalem nicht vollführen könnten, an das Kreuzheer nach Preuſſen zu weiſen.
Im Frühling des Jahres 1219 hatte ſich eine bedeutende Menge von Kreuzfahrern geſammelt. Da erließ der Papſt an den Biſchof Chriſtian den Befehl, daß er die oberſte Führung des Kreuzheeres übernehmen, deſſen übrige Führer aber, die, wie
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der Papſt wohl wußte, zum Theil nur weltliche Intereſſen und Vortheile im Auge hatten, ernſtlich belehren ſolle: nur zum Schutze der Neubekehrten und zum Kampfe für die Sache Chriſti, nicht um irdiſchen Gewinnes willen und nicht zur knechtiſchen Unter⸗ jochung der Heiden ziehe das Heer in der Letztern Land. Die Strafe des Bannes ward dem gedroht, der ſich den Anordnungen des Biſchofs Chriſtian nicht fügen oder das Bekehrungswerk irgendwie verhindern werde. Zugleich erhielt der Erzbiſchof von Gneſen zur Mitleitung das Amt eines päpſtlichen Legaten in Preuſſen. Es war dem Papſte, wie man ſieht, von Wichtigkeit, neben dem ſchützenden Schwerte vor allem noch das friedliche Wort der Belehrung und Bekehrung im heidniſchen Volke wirken zu laſſen, denn es war ihm gewiß nicht unbekannt, daß die Be⸗ ſorgniß der Preuſſen, mit der Annahme des Chriſtenthums werde auch ihre Freiheit in Sitte und Verfaſſung untergehen und das Joch der Beknechtung an deren Stelle treten, das Bekehrungs⸗ werk lange Zeit gehemmt und geſtört habe.
Auch den Biſchof Chriſtian leitete noch fort und fort der Geiſt chriſtlicher Milde und Schonung, denn während das Kreuz⸗ heer mehre Jahre im Lande lag und er es nicht an Bemühungen fehlen ließ, auf ſeinen Reiſen nach Schleſien und Deutſchland die einzelnen aus Preuſſen abziehenden Schaaren durch den Anzug neuer Ankömmlinge wieder zu erſetzen, erließ er an die Neube⸗ kehrten liebevolle Ermahnungen zu chriſtlicher Duldung in ihren Bedrängniſſen, verhieß ihnen Troſt und Hülfe, verſprach, ihre Freiheit in aller Weiſe aufrecht zu erhalten und ſie auch forthin mit ſeinem Schutze und Beiſtande zu erfreuen. Vorerſt indeß war es nur die Sicherſtellung des Kulmerlandes und des Gebietes von Löbau, welche der Biſchof im Auge hatte, denn dieſe beiden Länder ſollten ihm die erſten ſichern Haltpunkte beim weitern Fortbau des chriſtlichen Werkes ſeyn.
Als daher im J. 1222 ein neues Kreuzheer und an deſſen Spitze die Herzoge Lesko von Krakau, Heinrich von Breslau, Konrad von Mafovien nebſt den Biſchöfen von Gneſen, Krakau, Breslau, Poſen und Lebus ins Land heranzogen, beſchloß man, vor allem das Kulmerland, deſſen Schutzburgen faſt alle verwüſtet waren, beſſer zu befeſtigen. So erſtand zunächſt wieder unter dem Schutze der chriſtlichen Waffen die längſt von den Preuſſen
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zerftörte Burg Kulm und außer ihr mehre andere. Darauf aber beſchränkte ſich die Thätigkeit des Kreuzheeres allein, denn zu einem Angriff auf die heidniſchen Preuſſen rückte es nicht weiter ins Land ein. Die Fürſten waren nur bemüht, ſich durch be⸗ deutende Güterſchenkungen an den Biſchof Chriſtian Verdienste um die Begründung des neuen Biſthums zu erwerben. Herzog Konrad von Maſovien verlieh ihm einen Theil des Kulmerlandes mit zwölf Burgen und einer großen Anzahl von Dörfern nebſt allen landesherrlichen Nutzungsrechten; ein Gleiches geſchah auch vom Biſchofe Günther von Ploczk, indem er zugleich zu Gunſten des Biſchofs Chriſtian auf alle feine geistlichen und weltlichen Rechte im Kulmerlande Verzicht leiſtete. So entſtand nun erſt das eigentliche Biſthum Kulm; die Burg Kulm war von dem an des Biſchofs Wohnſitz; er nannte ſich jedoch ſtets noch Bi⸗ ſchof von Preuſſen, denn als ſolcher war er vom Papſte ernannt. Dieſer beftätigte ihm bald darauf auch alle jene Beſchenkungen.
Allein die Vormauer, welche in ſolcher Weiſe Herzog Kon⸗ rad von Maſovien gegen den Anſturm der Heiden in dem neuen Biſthum errichtet glaubte, ſchützte ſein Land keineswegs gegen neue Raubzüge und ſicherte ſelbſt auch dem Chriſtenthum noch keine feſte Dauer. Die Preuſſen hatten bisher nur Ruhe gehalten, weil ſie es nicht wagten, gegen die wohlgerüſteten und ſtarkge⸗ panzerten Krieger des Kreuzes im offenen Kampfe zu erſcheinen. Sobald indeſſen dieſe im Verlaufe des Jahres 1223 das Land verlaſſen und auch Herzog Suantepole, der Fürſt von Pomme⸗ rellen, der fie: unterftüßt, feinen Streithaufen über die Weichſel zurückgeführt hatte, begannen die Preuſſen ihre Raubzüge von neuem mit um ſo wilderer Verheerungswuth, als ſie ſich vom Kulmerlande aus jetzt mehr als je bedroht ſahen. Sie ſtürmten mit großer Macht ins Land ein, ohne Widerſtand erlagen die neuerbauten Burgen ihren heftigen Angriffen und Raub und Brand verwandelten die ganze Landſchaft faft in eine Einöde. Darauf brachen ſie auch in Maſovien ein, bis Ploczk unterlagen Dörfer und Kirchen dem Feuer und der Verwüſtung, und ſolches Un⸗ glück erlitt das Land in wiederholten Einfällen, denn der Raub lockte immer wieder von neuem. Zweihundert und funfzig Kir⸗ chen und Kapellen lagen endlich durchplündert und verwüſtet da; am Landvolke, Geiſtlichen und Mönchen waren die ſchrecklichſten
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Grauſamkeiten verübt, das ganze Land mit Jammer und Elend überfüllt; nichts bot mehr Sicherheit gegen den habgierigen Feind dar. Herzog Konrad ſelbſt fand nur in feiner feſten Burg Ploczk an der Weichſel einen einigermaßen ſichern Zufluchtsort. Es war keine Ausſicht zu irgend welcher Rettung aus den ſchweren Bedrängniſſen. Selbſt von einem neuen Kreuzheere, wäre es auch möglich geweſen, ein ſolches bald wieder herbeizuführen, konnte auf die Dauer kein Heil für die junge chriſtliche Kirche in Preuſſen, keine ſichere Ruhe für Konrads Land erwartet werden.
Da erwachte in des Biſchofs Chriſtian Geiſt ein Gedanke, der ihm Hülfe und Rettung aus der Noth und eine ſichere Bürgſchaft für den Frieden in der Zukunft zu verſprechen ſchien. Die rit⸗ terlichen Orden des Morgenlandes, die Templer, Johanniter und die Ritter des Deutſchen Haufes, ſtanden eben nach ihren Kämpfen mit den Saracenen in vollem Glanze ihres Ruhmes da, in ihren reichen Beſitzungen auch ſchon weit ins Abendland herein ver⸗ zweigt. Aber auch unfern von Preuſſen, in Livland hatte der vom dortigen Biſchofe Albert geſtiftete Orden des Ritterdienſtes Chriſti ſeit zwanzig Jahren wie für die Vertheidigung, fo für die Erweiterung der dortigen Kirche kräftig gewirkt. Biſchof Chriſtian überſchaute, was durch dieſe Ritterorden wie im Mor⸗ genlande, ſo im Abendlande Gewaltiges ſchon geſchehen war, und er faßte den Plan, zum Schutze der neuen Kirche im Kulmer⸗ lande und zur Abwehr des nahen Heidenvolkes von ſeinen und Herzog Konrads Landen einen ähnlichen Ritterorden zu ſtiften. Er fand auch beim Herzoge vollen Beifall und ſelbſt die damalige Anweſenheit des päpſtlichen Legaten, des Biſchofs Wilhelm von Modena (deffen hohe Verdienſte auch um die Kirche in Preuſſen wir ſpäter noch näher kennen lernen werden) war der Ausführung des Planes in jeder Weiſe günſtig. Nachdem daher der Biſchof ſich mit dem genannten Legaten über Alles näher berathen, die Einwilligung des Papſtes ertheilt und der Entwurf zur Verfaſ⸗ ſung und Lebensweiſe des neuen Ritterordens nach dem Muſter der Schwertbrüder in Livland beſtimmt war, hatte Chriſtian ſchon im Jahre 1225 die Freude, vierzehn tapfere Ritter als „Brüder des Ritterdienſtes Chriſti in Preuſſen“ zu ihrem Berufe einzuweihen, denn ſo ſollte der neue Orden nach dem Beiſpiele des Ordens in Livland genannt werden, wiewohl wir die Brüder deſſelben
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auch bald als „Ritter Ehriſti,“ bald als „Ritter von Preuſſen“ oder auch „Ritterbrüder von Dobrin“ bezeichnet finden. Auf ihrem Ordenskleide, einem weißen Mantel, trugen ſie als Ordens⸗ zeichen ein rothes Schwert und einen Stern, dieſen letztern als Unterſcheidungszeichen vom Livländiſchen Schwertritter⸗Orden. Einen aus ihrer Mitte, Bruno, erhob der Biſchof zum erſten Meifter. Herzog Konrad aber verlieh dem Orden zum einſtwei⸗ ligen Unterhalt ein Gut in Cujavien, ließ ihm die Burg Dobrin an der Gränze Maſoviens erbauen und verhieß ihm die Hälfte aller Eroberungen in Preuſſen.
Man hätte wohl gethan, den neuen Orden erſt zu einer ge⸗ wiſſen Stärke und Feſtigkeit heranwachſen zu laſſen. Kaum in⸗ deß war der Aufbau der Burg Dobrin ſo weit vollendet, daß die Ordensritter in ihren Mauern Schutz und Sicherheit fanden, als ſie ruhm⸗ und beutegierig durchs Kulmerland hinab wieder⸗ holt in Pomeſanjen und andere Gebiete mit Raub und Plünde⸗ rung einfielen. Darob erbittert, ſammelten ſich in kurzem die Preuſſen zu einem mächtigen Heere und ſtürmten verheerend ins Kulmerland ein, um die Burg zu vernichten, wo die Ritter hau⸗ ſeten. Auf die Nachricht hievon zog eiligſt Herzog Konrad mit ſeiner Kriegsmacht den Ordensbrüdern zu Hülfe. Sie trafen den Feind bei Strasburg. Zwei Tage dauerte der blutige Kampf; da entſank endlich dem Herzoge der Muth, er ergriff die Flucht und nun war kein Widerſtand mehr möglich. Die Ordensritter waren bis auf fünf im Streite gefallen und dieſen gelang es kaum noch, ſich in ihre Burg zu retten, wo ſie eine Zeitlang vom ſiegenden Feinde umlagert wurden, bis es dieſem gefiel, in fein Land zu⸗ rückzukehren.
Die Hoffnung auf den neuen Orden aber war für alle Zeit dahin; zwar friſteten die wenigen Ordensbrüder, auf ihre Burg beſchränkt, ihr Daſeyn noch einige Jahre, hoffend, ihre Zahl durch die Ankunft eines Kreuzheeres bald wieder vermehrt zu ſehen; allein dieſe Ausſicht entſchwand dem Biſchof Chriſtian und dem Herzog Konrad je mehr und mehr, als ſie wahrnahmen, daß der Papſt gerade in dieſer Zeit ſeine ganze Thätigkeit vorerſt nur ausſchließlich auf eine große Kreuzfahrt ins Morgenland mit unermüdlichem Eifer richtete, fo daß kaum zu erwarten war, daß auch nur irgend bedeutende Heerhaufen von Kreuzbrüdern
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nach Preuſſen heranziehen würden. Der Sieg bei Strasburg aber, die Vernichtung des chriſtlichen Feindes hatte die Kühnheit und Raubluſt der Preuſſen noch bedeutend geſteigert; ihre wie⸗ derholten Einfälle wandelten das Kulmerland völlig zur Wüſte umz eine große Zahl der Neubekehrten traten unter Angſt und Elend zum alten Glauben zurück oder ſie friſteten in Wäldern ihr kümmerliches Daſeyn. In gleicher Weiſe unterlagen auch ganz Maſovien, ein großer Theil Kujaviens und ſelbſt auch die nahen Gebiete von Pommerellen von Zeit zu Zeit der fürchter⸗ lichſten Verheerung.
Auch dieſes Land hatte ſich bereits den Preuſſen feindlich gegenübergeſtellt. Herren deſſelben waren um dieſe Zeit Miſt⸗ wins Söhne Suantepolc, Sambor, Ratibor und Wartislaw. Suantepolc, der ältefte von ihnen, hatte feinen Wohnſitz zu Danzig, die andern die ihrigen zu Lubeſow, Belgard und Mewe, jeder als Gebieter der umherliegenden Landſchaft, doch eine Zeitlang nach des Vaters Anordnung unter des ältern Bruders oberherr⸗ licher Vormundſchaft. Als Biſchof Ehriſtian jene Schaaren der Kreuzfahrer herbeigerufen, hatte ſich, wie wir bereits hörten, auch Herzog Suantepole mit ſeinem Bruder Wartislaw dem Kampfe gegen die Heiden angeſchloſſen. Seitdem ſahen auch in ihnen die Preuſſen Feinde ihres Glaubens, ihrer Frei⸗ heit, und ſie vergaßen es ihnen nicht, daß ſie das alte friedliche Verhältniß ber Nachbarlande gebrochen. Schon im Sommer des Jahres 1224 ſtürmten ſie in Pommern ein, verheerten alles mit Raub und Brand, drangen bis zum Kloſter Oliva vor und er⸗ mordeten die gefangenen Mönche in Danzig unter grauſamen Quaalen. Nirgends fanden ſie Widerſtand, denn wir hören nicht, daß Suantepole es verſucht habe, der feindlichen Verheerungswuth mit Kraft zu begegnen. Auch er erkannte bald, daß die Kräfte ſeines Landes zur Abwehr der Einfälle des benachbarten Heiden⸗ volkes nicht zureichten; auch er faßte Hoffnungen auf den vom Biſchof Chriftian geſtifteten Orden der Ritter von Dobrin, nahm ihn daher auch in ſeinen beſondern Schutz, ertheilte ihm in ſeinem Lande unbeſchränkte Freiheit; aber auch ihm entſank nach der blutigen Schlacht bei Strasburg die Hoffnung auf den neuen Ritterorden.
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So ſah Biſchof Chriftian in den Nachbarlanden keine mög⸗ liche Rettung für die von ihm begründete Pflanzung des Chri⸗ ſtenthums. Sollte fie geſchützt werden, unter ſicherem Schutze gedeihen und ſich in die heidniſchen Gebiete erweitern, jo konnte dieß nur geſchehen, wenn eine ſtarke, immer im Lande verwei⸗ lende und fort und fort mit der Bekämpfung der Heiden bis zu deren völliger Ueberwältigung beſchäftigte Kriegsmacht herbeige⸗ rufen wurde und zur Abwehr einbrechender Gefahren jeden Tag bereit ſtand. Auch Herzog Konrad von Maſovien, ohne Hoffnung auf eine andere Hülfe, erkannte dieß in ſeiner ſchweren Bedrängniß.
Da warf der Biſchof einen Gedanken in des Herzogs Seele, der, als er nachmals ausgeführt wurde, alle dem Frieden der Länder und dem Gedeihen des Ehriſtenthums drohende Gefahren beſeitigte, die Schickſale der Völker im Norden auf Jahrhunderte hinaus beſtimmte, faſt alles umwandelte und umgeſtaltete, was in den Baltiſchen Gebieten auf der Bildung der Vergangenheit erwachſen war und in ſeinen Folgen für die Geſchichte der Euro⸗ päiſchen Menſchheit von keinem Sterblichen zu berechnen iſt: — es war der Gedanke, zur Bezähmung des heidniſchen Volkes in Preuſſen, zur Anpflanzung und zum Gedeihen des chriſtlichen Glaubens in den Landen der Heiden den Deutſchen Ritter⸗Or den herbeizurufen, deſſen damaligen Meiſter Hermann von Salza der Biſchof früherhin in Italien kennen gelernt hatte.
Es war gewiß der folgenreichſte Gedanke, der je in Chri⸗ ſtians Geiſt erwachte; allein man berechnete ihn damals von Seiten des Biſchofs und des Herzogs nur für die Gefahren der Gegen⸗ wart, nur für die Rettung der Lande von täglich drohendem Ver⸗ derben. Obgleich der Herzog nur in dieſer Beziehung den Ge⸗ danken auffaßte, fo war es doch von großer Wichtigkeit, daß er ihn mit Freude ergriff. Niemand aber war mehr geeignet, ihn mit Kraft ins Werk zu führen, als der Biſchof ſelbſt. Er kannte jenen Ritter⸗Orden, wie er eben daſtand, hoch berühmt durch Ta⸗ pferkeit in feinen Kämpfen gegen die Saracenen, in feinem Fries geriſchen Geiſte, in der Blüthe ſeiner Macht, in ſeiner Ordnung und geregelten Verfaſſung. Er wußte, was von dem kriegs⸗ muthigen Geiſte, der in dem Orden waltete, zur Bezähmung des heidniſchen Volkes erwartet werden konnte. Aber er kannte auch dieſes Volk, das zu bekämpfen war, in ſeiner ganzen Lebens⸗
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weife, feinem Character, feiner Verfaſſung, feiner Kriegsführung, feiner Religion, feinen Sitten und Bräuchen, und mit dieſer Kenntniß konnte er dem Ritter Orden in feinem Kampfe vielfach förderlich und hülfreich zur Seite ſtehen. Es war vielleicht um dieſe wichtige Zeit, als er die weſentlichſten Züge der Lebens⸗ weiſe des heidniſchen Volkes, wie er es durch langen Umgang und Aufenthalt in ſeiner Nähe kennen gelernt, in einem eigenen Werke aufzeichnete, um ſolches bei der Ausführung ſeines Ge⸗ dankens zu benutzen.
Dieß Werk iſt ſelbſt zwar nicht bis auf unſere Zeit gekom⸗ men; aber ſpätere Chroniſten haben es da, wo ſie von der Lebensweiſe des heidniſchen Volkes in Preuſſen ſprechen, zur Schilderung deſſelben offengeſtändig benutzt. Und ſo wird es auch hier die geeignetſte Zeit ſeyn, dieſe Quellen zu Führern neh⸗ mend, das innere Leben des heidniſchen Preuſſens, fo viel das Dunkel der Vergangenheit und die Dürftigkeit alter Zeugniſſe es möglich machte, in den weſentlichſten Zügen hinzuzeichnen.
Viertes Kapitel.
Bürgerliche Ordnung und Verfaſſung der heidniſchen Preuf- ſen. Kriegsverfaſſung und Kriegsart. Häusliches und geſelliges Leben. Religion und Prieſterſchaft.
War es bisher immer nur ein mehr oder minder zerriſſenes, häufig auch ganz farbloſes Bild, welches uns der Mangel und die Dürftigkeit der Quellen von den Verhältniſſen des altpreuſ⸗ ſiſchen Volkes nach außenhin geben ließen, ſo tritt auch, wenn eine getreue, lebendig anſprechende und irgend vollſtändige Schil⸗ derung feines innern Volkslebens hingezeichnet werden ſoll, manche bedeutende Schwierigkeit entgegen. Es hat keiner aus dem Volke ſelbſt über das Volk geſprochen. Alles, was wir über die innern Volksverhältniſſe wiſſen, iſt von Fremden überliefert, in frag⸗ mentariſchen Notizen, in chriſtlicher Anſchauung aufgefaßt, weder irgendwie vollſtändig, noch völlig zuverläſſig, zudem auch das Meiſte erſt von ſpätern Chroniſten in befangenem Geiſte nach⸗
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gezeichnet. Ueberdieß theilt Preuſſens Volk mit den Völkern an⸗ derer Länder nicht das Schickſal, daß der Stamm des innern Volkslebens, wie er im Verlaufe der Zeit im eigenthümlichen Volksgeiſte feſtgewurzelt, ſich in die verſchiedenen Richtungen des Lebens veräſtet und verzweigt hatte, auch für ſpätere Zeiten ſtehen blieb und das Chriſtenthum nur als eine geiſtige Vered⸗ lung ſeiner Natur auf ſich nahm, ſondern die Schickſale, welche durch die Herrſchaft des Deutſchen Ordens über das Volk kamen, warfen den alten Stamm des innern Lebens ſo gänzlich mit feinen Wurzeln darnieder, zerriſſen und vernichteten die alten Les bensverhältniſſe dergeſtalt und wandelten Verfaſſung, Geſetze, Lebensweiſe, Sprache, Sitten und Bräuche ſo völlig um, daß wir nach einigen Jahrhunderten kaum noch einzelne Spuren der alten Volkseigenthümlichkeit entdecken können.
Faſſen wir, ſo viel es möglich, in ein Bild zufammen, was uns die einzelnen, zum Theil ſehr dürftigen Chroniſten über die innern Volksverhältniſſe berichten, ſo möchten Folgendes die Grund⸗ züge deſſen ſeyn, was wir über die bürgerliche Ordnung und Verfaſſung, über Kriegsverfaſſung und Kriegsart, das häusliche und geſellige Leben, über Religion und Götterdienſt der heidni⸗ ſchen Preuſſen wiſſen.
Bürgerliche Ordnung und Verkaſſung.
Das Land war, wie ſchon die früher erwähnte Sage an⸗ deutet, in elf verſchiedene Landſchaften getheilt, noch mit den⸗ ſelbigen Benennungen, unter denen wir ſie früher bereits kennen lernten, nämlich Kulmerland, Pomeſanien, Pogeſanien, Warmien (Ermland), Natangen, Bartien (Barterland), Galindien, Sudauen, Samland, Nadrauen und Schalauen. Werfen wir zunächſt einen Blick auf ihre Lage und inneren Verhältniſſe.
Das Kulmerland, im Süden durch den Gränzfluß Dre⸗ wenz vom Nachbarlande Maſovien, im Weſten durch den Weich⸗ ſel⸗Strom ſüdwärts von Kujavien und nördlich hinauf von Pom⸗ mern getrennt, im Norden durch die Oſſa und eine große Wald⸗ Wildniß begränzt, erſtreckte ſich nach Oſten hin um dieſe Zeit bis an das Ufer der Drewenz in der Linie von Neumark, Stras⸗ burg und herab nach Golub. In etwas ſpäterer Zeit noch die
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beiden Gebiete von Löbau und Saſſovien oder Saſſen in ſich ſchließend, lief es über jene Gränzlinie hinaus bis an die Gränzen Galindiens, bis nach Hohenſtein und Neidenburg. Die ganze Landſchaft war zahlreich mit Burgen beſetzt, ſſcheren Wohnſitzen ihrer vornehmen Bewohner, zugleich Wehrburgen zur Sicherheit gegen die nahen heidniſchen Preuſſen. Die Namen mehrer be⸗ gegnen uns auch nachmals noch unter der Herrſchaft des Ordens, wie die von Kulm, Grudenc (Graudenz), Turno (Thorn), Ryſin (Rheden ?) u. a. Beſonders waren die öſtlichen Gebiete, den Raubanfällen der Preuſſen am meiſten Preis geſtellt, auch am reichſten durch Burgen geſchützt; jetzt freilich lagen fie durch die wiederholten feindlichen Einfälle zerſtört, wie überhaupt die ganze Landſchaft verödet und verwüſtet da. Dem neuen Kulmiſchen Bisthum zugewandt zeigte ſie vorerſt kaum hie und da noch eine Spur des vorhin angepflanzten chriſtlichen Lebens. Es mußten neue Lebenselemente ins Land kommen, wenn es irgend wieder zu Gedeihen gelangen ſollte.
Die zweite Landſchaft Pomeſanien fand ihre Gränzen im Süden an der Oſſa und jener Wald⸗Wildniß, die ſie vom Kulmerlande trennte, im Weſten am Weichſel⸗Strome, gen Norden am Friſchen Haff und nach Oſten hin am Elbing, dem Drauſen⸗ See und am Fluſſe Sirgune (Sorge) bis an die Oſſa hin. Im Norden damals noch mehr als jetzt mit Seen und Sümpfen er⸗ füllt, auch oft von Ueberſchwemmungen der Weichſel und Nogat heimgeſucht, war ſie zum Theil ganz unbewohnt, auch ſonſt minder volkreich als andere Gebiete Preuſſens. Wie überhaupt alle Land⸗ ſchaften Preuſſens, ſo theilte ſich auch Pomeſanien in einzelne kleinere Landestheile, kleine Gaue oder Territorien, verſchieden in ihrem Umfange, meiſt nach ihren Hauptorten oder Landes⸗ burgen benannt. Sie bildeten den Grundbeſitz der ſ. g. Landes⸗ Edlen, die auf den Burgen ihrer Beſitzungen ihre Wohnſitze hatten. Wir erinnern uns, daß ſchon der Seefahrer Wulfſtan ſolche in früherer Zeit auf ihren Burgen fiten fand. Je größer ihr Landbeſitz, ihr Gau, um ſo größer ihr Reichthum, um ſo be⸗ deutender ihr Anſehen und Gewicht unter den Edlen des Landes. Solche vornehme Gau⸗Herren der Landſchaft Pomeſanien ſaßen im Gebiete von Alyem, wo nachmals das erhabene Ordens baus Marienburg erſtand, im Gebiete von Refien, deſſen Bewohner
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noch ſpäterhin als ein rüſtiges und tapferes Kriegsvolk gerühmt wurden, vielleicht die Nachkömmlinge der alten Vidivarier, die ihrer Väter kriegeriſchen Geiſt in ſich fortgeerbt, und in gleicher Weiſe in mehren andern Gebieten. So war auch Pomeſanien in ſeinen bevölkerten Theilen im Oſten und Süden ziemlich zahl⸗ reich mit Wehr- und Wohnburgen beſetzt. Die wichtigſte trug der Berg Grewoſe, auf welchem nachmals die alte Chriſtburg er⸗ baut ward. Ein heiliger Wald in ihrer Nähe und alte Götter⸗ Namen deuten auf ein dortiges altes Heiligthum, in deſſen Nähe auf jener Burg der Landes⸗Griwe Pomeſaniens feinen Wohnſitz haben mochte.
Die dritte Landſchaft Pogeſanien begränzte weſtwärts der Elbing und der Drauſen⸗See, gen Norden das Friſche Haff, im Oſten die Paſſarge und nach Süden hin der Weske⸗Fluß, wo ſie vielleicht die Höhen von Holland noch in ſich faßte. Auch ſie war im waldigen Theile nach Norden weniger bevölkert, als auf den ſüdlichen Höhenlanden, wo ein kräftiges und tapferes Volk ſaß. Hier finden wir den uralten Handelsort Truſo un⸗ fern vom Drauſen⸗See, deſſen wir ſchon früher gedachten, als der Bericht des nordiſchen Seefahrers Wulfſtan ihn aus dem Dunkel der Zeit hervorhob. Aber ſeine weitern Schickſale ſind uns völlig unbekannt. Von ihm jedoch ſcheint über die ganze Landſchaft ein gewiſſer Wohlſtand ausgefloſſen zu ſeyn. Auch Pogeſanien hatte feine edlen Gau-Herren auf kleineren und grö⸗ ßern Landgebieten. Ein ſolches war Lanſanien nordöſtlich von Elbing, ein anderes Kadienen mit ſeiner Burg gleiches Namens, wo nachmals im gleichbenannten Kloſter Mönche ihre Horen ſangen. Die bedeutende Zahl der Burgen dieſes Landes rühmt uns ſchon der erwähnte nordiſche Seefahrer. Der wichtigſten eine war Weklitz im ſüdlichen Höhenlande. Die Spuren anderer hat die Zeit völlig vertilgt. Wir wiſſen nicht mehr, wo im hei⸗ ligen Eichwalde die wahrſagende Richterin Pogeſana, die uns die Sage nennt, ihren Sitz gehabt.
Die vierte Landſchaft Ermland, früher auch War- mien genannt, ſchied die Paſſarge (Serie) vom nachbarlichen Po⸗ geſanien; im Norden lief ſie bis ans Friſche Haff, im Oſten bis an die Landſchaft Natangen und bis ans Barterland und nach Süden hin bis an die Gränze Galindiens. Es gab eine Zeit,
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wo ſich nach Nordoſt die Gränze Warmiens fo weit ausdehnte, daß ſie die Burg Balga oder das Gebiet von Honeda noch in ſich faßte und ſelbſt Über dieſes Gebiet noch hinauslief. Oſtwärts ging fie bis an die Alle. Ueberhaupt hat nachmals die Zeit in den Gränzen Warmiens vieles verändert. Aber ſtets war ſie in ihrem Umfange eine der bedeutendſten Landſchaſten, auch reich bevölkert, gut bebaut. Ueberall ſaßen auch hier edle Geſchlechter, begütert und mächtig durch reichen Beſitz. Das edle Geſchlecht der Glottiner konnte allein ſchon eine anſehnliche Heerſchaar zur Vertheidigung des Landes ſtellen.
Die fünfte Landſchaft Natangen, Warmiens Nachbar⸗ land, dehnte ſich nördlich bis zum Pregel-⸗Strome und oſtwärts bis zur Alle aus, die ſie vom Barterland trennte; war ihr Um⸗ fang auch eben nicht bedeutend, ſo bewohnte ſie doch ein kräftiges, tapferes und arbeitſames Menſchengeſchlecht. Auch hier ſaßen Landes⸗Edle auf ihren zum Theil weitausgebreiteten Gauen. Ein ſolcher Gau war unter andern der von Honeda am Friſching, deſſen Gau⸗Herr auf der Burg Perwilten ſaß. Von der Burg Beſelede bei Bartenſtein beherrſchte ein Edler das Gebiet von Sclumen.
Bartien oder Barterland, die ſechſte Landſchaft, an Ausdehnung eine der bedeutenderen, erſtreckte ſich von der Alle oſtwärts bis an die Angerapp und im Norden vom Pregel⸗ Strome ſüdwärts bis an Galindiens Gränze unterhalb Raſten⸗ burg. Sie war, wie es ſcheint, zahlreicher als Warmien und Natangen mit Burgen beſetzt, deren einige im Eroberungskampfe des Ordens bemerkbar hervortreten. Die wichtigſte Bedeutung für die ganze Landſchaft hatte die Gegend, wo ſich der Guber⸗ Fluß mit der Alle verbindet und jetzt die Stadt Schippenbeil liegt. Dort ſtanden in heidniſcher Zeit am Ufer der Guber zwei Burgen unfern von einander, Waiſtote⸗Pil und Wallewona (nach⸗ mals Wiſenburg genannt); jene „die Burg des Aufſehers, des Vorgeſetzten, des Oberherrn oder Reiks“ der ganzen Landſchaft, wie ſchon ihr Name und das dort noch vorhandene Dorf Ryck⸗ garben (Reiks⸗Berg) bezeichnen; die andere, Wallewona, noch jetzt in ihrer Aufſchüttung ſichtbar, deutet in ihrem Namen gleich fals auf „einen Gebieter⸗Ort, einen Herrſcher⸗Sitz.“ Alte Zeugniſſe der Geſchichte kennen dort einen heiligen Wald, vom
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Guber⸗Fluß und einem Waſſergraben umzingelt. Dort deutet der Ort Prantlak (Brandfeld) auf die Stätte hin, wo einſt das heilige Feuer brannte. So dürfen wir unzweifelhaft in Waſſtote⸗ Pil den Gebieter⸗Sitz des Reiks, in Wallewona am heiligen Feuer den Wohnort des Landes⸗Griwe finden. Dort am heili- gen Götterſitze ſprach er das Gericht und ſelbſt der Name von Schippenbeil (ſonſt Scheppenbil, Scheffenbil, die Burg der Schöppen oder Richter) deutet uns noch die einſtige wichtige Be⸗ ſtimmung der Gegend an. Daher auch der ſchwere Kampf, den dort die Ordensritter zu beſtehen hatten.
Auch die ſiebente Landſchaft Galindien umfaßte ein weitausgedehntes Gebiet; ſie möchte unter allen die bedeutendſte geweſen ſeyn; im Weſten begann ſie an den Quellen der Alle, die ſie von Warmien trennte, und lief im Oſten in unbeſtimm⸗ baren Gränzen bis ans Nachbarland Polerien; nordwärts ſchloß fie ſich ans Barterland in der Scheide von Rößel und Raſten⸗ burg und ging im Süden bis nach Maſovien hinein, von welchem damals ein bedeutender Theil noch zu Galindien gehörte, denn der ganze beträchtliche Landſtrich vom Städtchen Radzilowo an der Wyſa bis gegen die Stadt Chorzele am Orzic⸗Fluſſe hieß nach alten Gränzbeſtimmungen noch Galindiſches Gebiet. So vielfach aber das ganze Land durch Seen und Sümpfe in ſich zerriſſen, fo ſtark es überdieß von dichten Waldungen und Wild⸗ niſſen bedeckt war, ſo wird Galindiens Volk doch ſchon von alten Zeiten her als ein ſo mächtiges und zahlreiches geſchildert, daß ſelbſt Ptolemäus von ihm ſchon Kunde erhielt. Die Natur wies es vornehmlich auf Jagd und Fiſchfang an. Geſchützt durch ſeine Waldungen, Seen und Sümpfe ſcheint das Land wenig Wehrburgen umfaßt zu haben; wenigſtens hat die Geſchichte von keiner einen Namen aufbehaltenz ſie ſagt uns nicht einmal, wo jene heilige Prophetin ſaß, die durch ihr vielgeltendes, wahrſagendes Wort Alles im Lande gelenkt und geleitet haben foll,
Auch Sudauen, die achte der Landſchaften, weſtwärts an Galindien gränzend, öſtlich bis an Litthauen ausgedehnt, nach Norden vom Pyſſa-Fluß in feinem Laufe von Oſten nach Weſten von Nadrauen und Schalauen getrennt und im Nord »Weften bis ans Barterland hinlaufend, war einſt noch weit mehr als Galindien mit zahlreichen Seen, Gewäſſern und Sümpfen bedeckt,
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worauf auch felbft ihr Name Sudauen, Sumpf» oder Seen⸗ Land, hindeuten ſoll. Wie im Süden die Seen den Bewohnern reichen Fiſchfang, ſo boten im Norden große Waldungen genüg⸗ lichen Ertrag der Jagd als Nahrung dar. Doch ſaßen hie und dort auch Landes⸗Edle auf ihren wohlbebauten Landgebieten da. Noch in ſpäter Zeit wurden die Sudauer auch Gothen genannt.
Die neunte Landſchaft Nadrauen ward nach drei Seiten hin ziemlich genau durch drei Flüſſe begränzt, im Norden durch den Memel⸗Strom, der fie von Schalauen ſchied, im Wer ſten durch die Deime, die ſie von Samland trennte, im Süden vom Pregel⸗Strome, der mit der Angerapp die Gränze zwiſchen ihr und Bartien bildete. In ihren einzelnen Gau⸗Gebieten war auch dieſe Landſchaft zahlreich mit Wohn- und Wehrburgen be⸗ deckt, auf denen auch hier Landes⸗Edle über das niedere Volk geboten. Die Sage weiſet eine Burg auf dem Kamswikusberg bei Inſterburg als Wohnſitz dem Reiks oder Landesfürſten von Nadrauen an. Im öſtlichen Theile der Landſchaft zog ſich eine Meilenweit ausgedehnte, dicht verwachſene Wald⸗Wildniß, der Grauden hin, lange Zeit die Behauſung vieler wilden Thier⸗ geſchlechter.
Nordwärts von Nadrauen durch den Memel⸗Strom getrennt lag Preuſſens zehnte Landſchaft Schalauen, im Weſten vom Kuriſchen Haff, im Oſten wahrſcheinlich von der Swente begränzt und öſtlich und nördlich bis an Samaiten und Litthauen ausgedehnt, gegen deren Bewohner ihr hie und da an den Gränzen ſtarke Wehrburgen genügende Sicherheit gaben. Auf einer der⸗ ſelben, Sareka, ſaß der tapfere und mächtige Schalauiſche Krieger Sarekte und wehrte das wilde Litthauer⸗Volk von Einfällen in Schalauens Gränzen ab. Ob die Landſchaft zur Zeit, als der Orden ſie zu überwältigen begann, noch einen beſondern Landes⸗ Reiks gehabt, iſt zweifelhaft; wir hören nur von mehren mäch⸗ tigen Herren, die über zahlreiches Volk gebietend das Land zu vertheidigen wagten. Sie beriefen über wichtige Verhältniſſe der Landſchaft zu Zeiten die ältern Männer des Volkes zur Bera⸗ thung zuſammen, im Kriege zur Muſterung des tauglichen Kriegs⸗ volkes und zur Auswahl tüchtiger Anführer.
Die elfte Landſchaft Samland, überall hin ſcharf be⸗ gränzt, im Oſten durch die Deime, im Süden durch den Pregel-
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Strom und das Friſche Haff, gen Norden und Weiten von der See und vom Kuriſchen Haff umarmt, alſo rings von Gewäſſern umfloſſen, konnte lange als Inſel gelten und eine ſolche genannt werden. Aber keine andre Landſchaft war wie Samland ihrem Namen nach ſo weit unter den Völkern des Nordens berühmt, keine von fernher kommenden Fremdlingen ſo gern und zahlreich wegen des heimatlichen Erzeugniſſes, des Bernſteins, beſucht. Von ihr aus leuchtet das erſte geſchichtliche Licht über Preuſſen bis in die dunkelſte Zeit des Alterthums. Aber auch über keine ſind im Verlaufe von Jahrhunderten ſo mancherlei Schickſale mit Verwandlungen und Umgeſtaltungen aller Art ergangen. Man könnte faft ſagen, Land und Menſchen find unter dem Wandel der Zeiten ganz andere geworden.
Sprechen wir vom erſtern, dem Lande, ſo bietet es in den alten Tagen des Heidenthums ein ganz anderes Bild. Seine weſtlichen Geſtade haben die Sturmgewäſſer der See ſeit Jahr⸗ hunderten zerriſſen, unterwühlt, in bedeutenden Strecken ver⸗ ſchlungen und hinweggeſchwemmt, denn weit in die See hinein, wo jetzt das Waſſer fluthet, war ſonſt Land. Und in gleicher Weiſe im Süden an den Ufern des Friſchen Haffs; dort iſt alles ins unglaubliche umgeſtaltet. Alte Zeugniſſe erweiſen klar und un⸗ beſtreitbar, daß da, wo jetzt von Lochſtädt und Pillau hinüber nach Balga und Brandenburg und tief ins Land hinein nach Oſten zu die Gewäſſer des Friſchen Haffs rauſchen, einſtmals feſtes Land war, auf dem geweidet und gepflügt ward und be⸗ deutende Dörfer ſtanden. Das ſüdliche Samland gränzte ſomit unmittelbar an Natangen und vielleicht auch noch an den nord- weſtlichen Theil von Warmien. Dieſes in früher Zeit zuerſt in Inſeln zerriſſene, nachmals durch die Sturmgewäſſer immer mehr unterſpülte, endlich völlig verſchwemmte und untergegangene Land war ein Theil des alten Witlandes, deſſen weſtliche Gränze bei Lochſtädt auch noch lange Witlands-Ort, d. h. Witlands⸗Ende hieß. Auch im Innern hat ſich Samland vielfach verändert, Zahlreiche Seen und Sümpfe ſind vertrocknet, große, dunkele Waldungen gelichtet oder ganz da verſchwunden, wo ſie ſonſt das Land gegen die rauhen See-Winde aus Norden und Weſten ſchützten. Von dem einſtigen heiligen Walde, der in alter Zeit von der fußerſten Nordküſte herab bis ans Ufer des Friſchen
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Haffs das Land bedeckte und den heiligen Götterſitz Nomove um⸗ ſchloß, find kaum noch Spuren vorhanden.
Zahlreich ſtanden Burgen im Lande, auf denen auch hier edle Geſchlechter hauſten, die Candeyne auf einer Burg bei Medenau, die Karioten, Greybowen, Syken, Wapdoten u. a. in den Ger bieten zu Quedenau, German, Rudau, Waldau u. ſ. w. Auf dem Rinau⸗Berge, jetzt der Galgarben (ſonſt auch ſchon Gail⸗ garb) genannt, weiſet die alte Sage dem Reiks von Samland ſeinen Wohnſitz an, von wo er durch Feuerzeichen die Wehr⸗ mannſchaft der Landſchaft zuſammenberief, wenn kriegeriſche Ge⸗ fahr drohte. Wie lange er aber von dort das Land beherrſcht und ob ſein fürſtlicher Name auch in der Zeit der Däniſchen Ueber⸗ wältigung eine Bedeutung gehabt habe, darüber weiß die Geſchichte kein Wort zu ſagen. Wohl aber weiſt ſie auf Spuren hin, daß Samlands edle Geſchlechter, wenigſtens die im weſtlichen Theile, Nachkömmlinge der Däniſchen Eroberer des Landes geweſen, ſeyn mögen; ſie nennt ſie, an die einſt ſo mächtigen Stamm⸗ väter der Gothen oder Widen erinnernd, insgeſammt die Withinge. Als Sprößlinge jener Skandinaviſchen Eroberer leiteten ſie auch immer noch, vielleicht unter dem Obergebot des Landes⸗Reiks, zur Zeit des Krieges die wehrhafte Mannſchaft, aus ihnen wur⸗ den die Führer gewählt. Sie bildeten, wenn man ſo ſagen darf, den reichen und mächtigen Landes⸗Adel, den Stand der edlen, freien Landbeſitzer in ihren einzelnen Gaus Gebieten, deren übrige Bewohner ihnen als Untergebene und als kriegspflichtige Wehrleute dienten. Dieſe hießen ihre hörigen Familien.
Dieß wäre im Ueberblick das Bild der äußern Geſtalt des Landes, ſo weit es die Dürftigkeit der Quellen im Umriß hat nachzeichnen laſſen. Blicken wir jetzt näher auf des Landes innere Verhältniſſe, ſo möchten folgende Grundzüge ſeiner bür⸗ gerlichen Ordnung und Verfaſſung am bemerklichſten hervortreten.
Es gab eine Zeit in der Geſchichte Preuſſens, in welcher die Verwaltung der innern friedlichen Landes verhältniſſe vom Amte der Kriegsführung getrennt war. Dieſem letztern ſtand ein allgemeines Kriegsoberhaupt zur Zeit äußerer Gefahr vor, welches die Leitung der Kriegsmacht und Waffengewalt des ganzen Landes in den Händen hatte. Wir hörten früher, daß Widewud,
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der Wehrenführer, der Name dieſes kriegeriſchen Hauptes war. Die innere Verwaltung leitete ein durch Erfahrung und prieſter⸗ liches Anſehen im Volke hochgeachteter Oberrichter, der zugleich als Oberprieſter der Griwe hieß, ſchon durch feinen Namen feines Antes Würde bezeichnend. Es trat aber, wie wir bereits fahen, nachmals eine Zeit ein, in welcher, vielleicht nach langen Friedens⸗ jahren, das Amt jenes allgemeinen Kriegsoberhauptes unterging und die einzelnen Kriegsführer der Wehrmanneien der Landſchaf⸗ ten an deren Spitze ſtehen blieben, alſo daß ſie nun freier und unabhängig über ihre Wehren gebietend, als Reiks, Gebieter, Fürſten oder Könige (wie alte Quellen ſie auch nennen) in ihren Landen herrſchten. In dieſer Stellung, die Kriegsführung und Landesvertheidigung, daneben auch in friedlichen Tagen die Auf⸗ rechthaltung der geſetzlichen Ordnung, die Beobachtung der alt⸗ geſetzlichen Gewohnheiten in ihren Landſchaften als die wichtigſten ihrer Pflichten vollführend, ſtanden ſie noch da, als der Deutſche Orden das Land betrat; ſie waren es, die als Kriegsoberſten und Hauptleute an der Spitze ihrer Kriegsleute den Rittern zum Kampfe entgegentraten.
Wie aber Würde und Aint der Kriegsführung, ſo waren auch die des Oberrichters und Oberprieſters auf die einzelnen Landſchaften übergegangen und auf ſie beſchränkt. Es ſcheint kaum zweifelhaft, daß in jeglicher Landſchaft, in welcher ein be⸗ ſonderer Reiks ſaß, auch ein beſonderer Griwe die Macht und Würde des Richter⸗ und Prieſteramtes, und die Geſchäfte und Verwaltung der bürgerlichen Ordnung in den Händen gehabt habe. Es weiſen uns vielfach bedeutſame Spuren der Geſchichte, unläug⸗ bare örtliche Beziehungen auf dieſe Erſcheinung hin. Wir können es nicht abweiſen, am heiligen Walde bei Chriſtburg auf dem Berge Grewoſe, im heiligen Eichwalde in Pogeſanien, am heiligen Walde bei Wallewona und Waiſtote⸗Pil, im heiligen Romove in Samland und ſo in mehren andern heiliggehaltenen Orten zugleich Wohnſitze von Griwen zu finden.
Es iſt freilich ſchwierig, über der Griwen Walten und Wir⸗ ken beſtimmte geſchichtliche Berichte zu geben; ihre ganze Wirk⸗ ſamkeit zeigte ſich vornehmlich nur in des Landes innern fried⸗ lichen Verhältniſſen, über welche bewährte Quellen faſt gänzlich ſchweigen; es kam hinzu, daß kein Fremdling die heiligen Wälder,
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wo ihre Wohnſitze waren, ohne Lebensverluſt betreten, alſo auch das Ausland von der Griwen Daſeyn und Wirken wenig oder nichts erfahren konntez weshalb auch alles über ſie ſo dunkel und geheimnißvoll geblieben iſt. Nur fo viel ſcheint ziemlich ge⸗ wiß: in jeder Landſchaft war der Griwe, was die eigentliche Verwaltung betraf, Richter und Geſetzgeber. Seine Geſetze und Verordnungen hatten ſelbſt auch für den Landesreiks verbindende Kraft und Gewicht. Bekannt gemacht wurden ſie meiſt durch ausgeſandte Botſchafter, die ihre Vollmacht durch die ſogenannte Griwule, einen Stab oder ein anderes bemerktes Zeichen, kund gaben. Da der Griwe der Landſchaft zugleich auch deren Ober⸗ prieſter, der Vertraute der Götter war, ſo gab dieß an ſich ſchon den von ihm ausgehenden Geſetzen eine gewiſſe Heiligkeit, zumal da man im Volke den Glauben nährte, daß es ſtets Geſetze der Götter ſeyen, nur verkündigt durch des Griwen Mund. Es gab Fälle, in denen der Landesfürſt im heiligen Walde vor dem Griwe erſcheinen oder dahin auch Boten ſenden durfte, um ihn in wich⸗ tigen Dingen um Rath zu fragen. Fremde Geſandten mußten vor dem Walde verweilen, bis ihnen der Griwe die erbetene Antwort ſandte. Wenn wir aber im Allgemeinen auch wiſſen, daß die Reiks der Landſchaften in den äußern Verhältniſſen die gebietenden Verwalter und Regenten, die Griwen in den in⸗ nern Verhältniſſen die ſtrafenden Richter und Geſetzgeber waren, ſo wird es uns doch unmöglich, näher zu beſtimmen, wo ihre Gewalten ſich berührten und wo ſie ſich trennten. Es iſt ſelbſt ungewiß, ob und welche Geſetze etwa der Reiks neben dem Griwe geben durfte; ob er nicht ebenfalls in beſtimmten Verhältniſſen als Richter erſcheinen konnte. Ueberhaupt herrſcht über die Stel⸗ lung der beiden gebietenden Oberhäupter zu einander ein Dunkel, welches die Geſchichte nie wird beleuchten können. Im Verhält⸗ niſſe des Reiks zu ſeinen Unterthanen ſcheint übrigens ein ziem⸗ lich freies und bewegliches Leben Statt gefunden zu haben. Wir hören nichts von Abgaben oder ſonſtigen dem Reiks gebührlichen Leiſtungen. Es ſcheint, daß dieſer ſelbſt immer in feiner Lands ſchaft bedeutende Beſitzungen hatte, die bei der Einfachheit des Lebens feinen Bedürfniſſen genügten. Sie lagen wohl meift im Umkreiſe feiner Wohnburg. In der Würde des Reifs folgte wahr: ſcheinlich meiſt der älteſte Sohn. Die übrigen Söhne, mit Land⸗
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beſitz befriedigt, gehörten zur Zahl der Landes⸗Edlen. So finden wir es wenigſtens in einzelnen Fällen.
Auch über die Standesverhältniſſe der Landes⸗Edlen entgehen uns nähere Nachrichten. Wir wiſſen nur, daß ſie mitunter ein⸗ zelne Theile ihres Beſitzes Andern zur Benutzung übergaben und als Grundherren einen Theil des Ertrags empfingen. Dieſe Belehnten finden wir unter dem Namen von „Familien“ auf einzelnen kleinern Gebietstheilen ſitzen. Sie waren ihren Grund⸗ herren, wie dieſe wieder dem Landes⸗Reiks, zum Kriegsdienſte verpflichtet. Es fanden in wichtigen Landesangelegenheiten auch Verſammlungen der Landes⸗Edlen zu Berathungen mit dem Lan⸗ des⸗Reiks Statt, in welchen dieſer den Vorſitz führte. Spätere Chroniſten ſprechen auch von Volksverſammlungen, in welchen wahrſcheinlich die wehrhaften Männer einer Landſchaft, bald vom Griwe, bald vom Reiks berufen, erſcheinen mußten, um beſon⸗ ders in drohenden Kriegszeiten ihre Gebote und Anordnungen zu vernehmen. Sie ſcheinen ihren Urſprung ſchon in der frühe⸗ ren Sagenzeit erhalten zu haben, denn wir hören, daß ſchon Widewud und der Griwe das Volk öfter zu Verſammlungen berufen haben ſollen.
Des Lebens Einfachheit forderte nur wenige Geſetze. Mehre derſelben hielten auf häuslichen Frieden, eheliche Zucht und Ei⸗ nigkeit. Verletzte z. B. die Frau des Mannes Namen, ſo ward ſie mit Steinen am Halſe in mehren Dörfern umhergetrieben, bis des Griwen Ausſpruch ſie von der Laſt befreite. Erkannte der Mann, im Beſitze mehrer Weiber, noch eine Jungfrau, ſo ward er zu Schimpf von Hunden zerriſſen. Ehebruch und Ver⸗ letzung des jungfräulichen Schamgefühls wurden mit dem Feuer⸗ tode beſtraft. Der Mann durfte ſich kranker Frauen, Kinder, Geſchwiſter und Geſinde entledigen durch den Tod im Feuer, auch wenn er ſiechte, ſich ſelbſt verbrennen. Gebrechliche und blinde Söhne erlaubte das Geſetz zu erſäufen oder ſonſt umzu⸗ bringen; zu viele Töchter durfte der Vater tödten, bis auf eine, die das Geſchlecht fortpflanzte. Sonſt heiſchte der Mord Blut⸗ rache. Des Ermordeten Freunde hatten über den Mörder volle Gewalt zu Leben und Tod, wenn nicht Verzeihung ihn rettete. Der Dieb wurde beim erſten und zweiten Verbrechen mit Ruthen und Knütteln gezüchtigt; beim dritten ergriffen, zerriſſen ihn die Hunde.
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Das iſt im Weſentlichen das Wenige, was wir von Preuſſens Verfaſſung und bürgerlicher Ordnung in ſeiner heidniſchen Zeit aus den dürftigen Quellen kennen.
Kriegsverlaſſung und Kriegsart.
In den frühern Jahrhunderten des Mittelalters ſcheint Preuſſen wenig und ſelten Stürme des Krieges gekannt zu haben; daher rühmte man im Auslande lange Zeit ſeine Bewohner als ein friedliches und freundlich geſinntes Volk. Die Sage von Wide⸗ wud aber in der Bedeutung, wie wir ſie kennen lernten, und die Aufſtellung der Vidivarier als Kriegs⸗Wehren deuten auf eine Zeit hin, in welcher dem Lande kriegeriſche Gefahren drohten. Und wie damals zuerſt, jo brachen auch nachmals am häuſigſten die wildeſten Kriegsſtürme in die ſüdlichen Landſchaften ein; doch blieben, wie wir ſchon hörten, auch die nördlichen und vor⸗ nehmlich Samland durch die Einfälle der Dänen nicht uner⸗ ſchüttert. In ſolchen Zeiten traten die Reiks der Landſchaften als Heeroberſte und Hauptführer an die Spitze ihrer Wehrmannſchaften.
Stellten die Landſchaften ihre Kriegsvölker als ein Ganzes zuſammen, ſo fand mitunter eine Wahl eines gemeinſamen Ober⸗ anführers Statt oder man ordnete wohl auch, beſonders in ſpä⸗ terer Zeit, die Heermaffe dem Obergebot eines fremden Fürſten, wie dem des Herzogs Suantepolc von Pommern, unter. Dem Reiks als Kriegsfürſten ſtanden die Landes⸗Edlen bei großen Kriegermaſſen als Führer einzelner Abtheilungen zur Seite; häufig aber zogen ſie auch unabhängig und auf eigene Hand mit ihren geſammelten Schaaren dem Feinde ihres Landes entgegen oder brachen plündernd und verheerend ins feindliche Gebiet ein. An ſtrenge Ordnung in der Kriegsverfaſſung, an Syſtem und Kunſt in der Kriegsführung iſt überhaupt bei einem ſolchen Volke in ſolchen Zeiten ſchwerlich zu denken. Kenntniſſe im Kriegsweſen wurden erſetzt durch kriegeriſche Tugenden, Kühnheit, Tapferkeit und. Lift,
Wer wehrhaft und zu den Waffen taugte, war ſtets auch zum Kriege verpflichtet und in der geſammten Maſſe der wehr⸗ haften Leute einer Landſchaft beſtand des Reiks Kriegsmacht; ſie hieß fein Heer, auch wenn fie nicht verſammelt war. Auf
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des Reiks Gebot trat die geſammte Wehrmannſchaft der Land⸗ ſchaft auf Tag und Ort zuſammen; daher die oft kaum glaube lich große Zahl von Kriegsleuten, die, wie wir hören, eine einzige Landſchaft ſtellen konnte. Mag hierbei allerdings wohl manches übertrieben ſeyn, ſo ſcheint doch gewiß, daß es keine Landſchaft gab, die nicht wenigſtens an 2000 Reiter und mehre Tauſende Fußvolk zum Kampfe aufzubieten hatte. Die Kriegs⸗ macht einer Landſchaft nämlich, die häufig: für ſich allein unter der Führung ihres Reiks, öfter aber auch mit den Wehrmann⸗ ſchaften anderer Landſchaften zu einem gemeinſamen Heere ver⸗ bunden, zum Kampfe zog, beſtand aus Reiterei und Fußvolk; jene diente vornehmlich zu plötzlichen Ueberfällen und Raubzügen ins feindliche Nachbarland.
Als Waffen kannten die Aeſtier nur Keulen; man be⸗ ſchwerte fie nachmals zu ſtärkerer Wirkung vorne mit Blei. Die Streitkeule diente zum handgemeinen Kampfe, die kleinere Wurf⸗ keule zum Schleudern gegen den Feind; ſtatt der letztern auch die Steinſchleuder mit ſpitz geſchärften Wurfſteinen. Zum nahen Kampfe ging der Preuſſe dem Feinde mit dem ſteinernen Streit⸗ hammer und der Streitart entgegen. Auch der Wurffpieß war ſchon früh bekannt; der Gebrauch des Schwertes aber ſoll erſt von den Polen ins Land gebracht worden ſeyn. Gegen ſie ſchleu⸗ derte der Preuſſe auch ſchon vergiftete Wurfgeſchoſſe. Schild, Lanze und Armbruſt lernte er erſt ſpäter kennen, doch wahr⸗ ſcheinlich ſchon vor der Ordensritter Ankunft.
Bevor das geſammelte Streitheer gegen den Feind auszog, erkundete man über Erfolg und Ausgang der Götter Willen und Rath durch Opferung eines feindlichen Gefangenen, deſſen man ſich bemächtigt. Floß fein Blut heftig und reichlich, fo galt es als glückliches Zeichen. Beim Auszuge des Heeres ſollen ihm Kriegspaniere mit den Bildern der drei Hauptgötter und andern Zeichen, als Kronen und Schilden, vorangetragen worden ſeyn. Die offene Feldſchlacht ward mehr gemieden, als geſucht; der Preuſſe focht ungern mit dem kampfgeordneten Feinde. Schlien dieſer zu mächtig, ſo ergriff jener ſchnell die Flucht, denn Fliehen galt nicht für ſchimpflich. Man zog es vor, den Feind durch verſtecktes Auflauern, plötzlichen Ueberfall aus Wäldern und Süm⸗ vfen oder wie ſonſt möglich zu verwirren, zu vernichten oder ge⸗
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fangen zu nehmen; daher fürchtete der fremde Krieger mehr der Preuſſen kriegeriſche Lift und Kühnheit, als deren Tapferkeit. Bei der Vertheidigung ihrer Landesburgen jedoch bewieſen fie ſich eben ſo tapfer und beharrlich, als geſchickt und umſichtig in der Anlage. Sie erbauten ſie gerne auf natürlichen oder aufgeſchüt⸗ teten Anhöhen zu Schutz und Wehr der Gränzen, oder an Flüſ⸗ ſen, Seen und Moräſten, wo ſchon die Umgebung nöthige Sicher⸗ heit gab und die Vertheidigung erleichterte. Häufig auch an großen Waldungen liegend, von Wällen und Graben umſchloſſen oder durch Palliſaden umwehrt, dienten ſie, meiſt nur von Holz erbaut, zur Friedenszeit den Landes⸗Edlen zu Wohnſitzen, zu welchen meiſt nur ein Zugang führte. Hie und da lagen im Lande, wo es die Oertlichkeit forderte, ſtarke, ausgedehnte Wehr⸗ ſchanzen, aus Graben und Wällen beſtehend, in denen die Kriegs⸗ mannſchaft der Landſchaft des Feindes Eindringen hinderte. Wal⸗ dungen, durch welche dieſer ins Land einbrechen konnte, bewehrte man häufig durch ſtarke Verhaue, hinter denen die Wehrmann⸗ ſchaft ſich zur Abwehr aufftellte,
Kehrte das Heer ſiegerfreut in die Heimath zurück, jo ward der vornehmſten Gefangenen einer den Göttern zum Opfer ge⸗ bracht, den unter den Uebrigen das Loos getroffen. In voller Kriegsrüſtung auf ſeinem Streitroſſe, deſſen Füße man an vier eingeſchlagene Pfähle befeſtigte, verzehrte ihn ein ringsumthürmter Scheiterhaufe den Göttern zu; Ehren; auch ſelbſt gefangene Jung⸗ frauen wurden mitunter, mit Blumen geſchmückt, den Göttern zum Danke hingeopfert. Die Gefangenen unterlagen meiſt einer ſehr harten und grauſamen Behandlung. Wen nicht der jäm⸗ merliche Mord oder der Tod unter ſchweren Arbeiten hinraffte, deſſen Loos war ewige Sklaverei. Unerſättlich in den gräßlichſten Quaalen zeigte ſich der Haß der Preuſſen gegen das Chriſtenthum an gefangenen chriſtlichen Prieſtern. Wir hören, daß man den Hals eines Prieſters zwiſchen zwei Stangen langſam zupreßte, daß einem andern der Nabel aus dem Leibe geſchnitten, an einem Baume feſtgenagelt und der Unglückliche mit Keulenſchlägen ſo lange um den Baum getrieben wurde, bis alle Eingeweide her⸗ ausgewunden waren und der Menſch todt niederfiel.
War den Göttern das Opfer gebracht, fo wurde die errun⸗ gene Beute getheilt. Der erleſenſte Theil ward zuerſt den Göt:
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tern geweiht; ein anderer fiel dem Griwe und ſeinen Prieſtern anheim, die von den Göttern Sieg erfleht; der dritte verblieb den Kriegern und denen, die daheim die Gränzen bewacht.
Häusliches und gefelliges Leben.
Schon ein alter Chroniſt rühmte dem Volke Preuſſens nach: „Es könnte viel Löbliches von ſeinen Sitten geſagt werden, wenn es den Glauben Chriſti hätte.“ Allein es geziemt dem Geſchicht⸗ ſchreiber, auch an dem Heiden wahre Tugenden anzuerkennen, auch wenn ſie nicht im chriſtlichen Gewande erſcheinen. Den Fleiß und die Emſigkeit des Aeſtier⸗Volkes im Ackerbau heben ſchon rühmend der Maſſilier Pytheas und nach ihm Tacitus her⸗ vor und die Natur des Landes wies nachmals fort und fort den Preuſſen zu emſigem Anbau ſeines Bodens hin. So einfach auch des Ackerbaues Betrieb ſeyn mochte, ſo reichlich erſetzte die friſche Kraft des Bodens die mangelnde Kunſt und Kenntniß. Neben bekannten Getreidegattungen baute man Hirſen und Küchenge⸗ wächſe; auch Wurzeln und Früchte dienten als Speiſe. Vieh⸗ zucht ward, wenigſtens in ſpäterer Zeit, nicht ohne emſigen Fleiß betrieben. Zu Jagd und Fiſchfang trieb den Preuſſen ſchon ſei⸗ nes Landes Beſchaffenheit, in den Seen die noch ungleich größere Mannichfaltigkeit und Menge der verſchiedenen Fiſchgattungen, in den ausgedehnten Waldungen und Wildniſſen die zahlreiche Welt der Auerochſen, Elenthiere, Bären, wilden Pferde, Wölfe, Luchſe und vieler andern Wildarten, die zum Theil nicht allein zur Nahrung dienten, deren koſtbare Pelze auch wichtige Gegenſtände des Handels waren. Beſondere Sorgfalt widmete man der Bie⸗ nenpflege ſchon wegen des ſtarken Verbrauches des Honiges zur Zubereitung des Methes. Die Mußeſtunden des Winters füllte der Mann neben der Frau mit Wollenarbeit und Flachsſpinnen aus, was an ſich ſchon Schafzucht und Flachsbau vorausſetzt.
Den Bewohner der Küſtengebiete beſchäftigten zum Theil auch Handel und Schiffahrt. In jenem tauſchte der Preuſſe ſeines Landes Erzeugniſſe, Bernſtein und Pelzwerk, gegen fremde Waaren, Kleider, Schmuckſachen, Münzen oder auch nöthige Bes dürſniſſe um. Segelten aber Handelsleute aus Preuſſen nach Julin in Pommern, nach Hedaby in Schleswig, ſelbſt bis nach Birka in Schweden, fo kann der Schiffbau in Preuſſen nicht
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mehr in unvollkommenen Anfängen geweſen ſeyn, denn Schiffe zu ſolchen Fahrten erforderten ſchon eine gewiſſe Kunſtfertigkeit. Mit den Gefahren des Meeres bekannt, kam daher der Preuſſe, wie ſelbſt Fremdlinge es ihm nachrühmten, Schiffbrüchigen oder von Seeräubern Verfolgten und Beraubten immer gerne zu Hülfe.
So ging thätiger Fleiß durchs ganze Volk. Trägheit ſchän⸗ dete den Namen. Nur das Alter befreite von Arbeit. Arme Greiſe pflegte man von Haus zu Haus. Man fand im ganzen Lande keinen Bettler. Den arbeitsunfähigen Dürftigen verſorgte jedes Haus, in dem er einkehrte, auf einen Tag mit Nahrung. Diebſtahl war daher auch ſelten. Gaſtfreundſchaft übte man als eine heilige Tugend. Der Fremdling, der beim Eintritt ins Haus des Wirthes Namen nennen konnte, fand Speiſe und Trank und verweilte, fo lange es ihm gefiel. Die Sorge um den Gaſt galt für ein göttliches Gebot; eine Beleidigung deſſelben büßte man mit dem Tode. Am Trinkgelage pflegte man ſeiner oft bis zu voller Trunkenheit; auch darin erkannte man eine Pflicht der Gaſtfreundſchaft, denn auch der Preuſſe liebte den Trunk bis zum vollſten Uebermaaß.
Der ganze Volksſtamm war ein geſundes und Fräftiges Ge⸗ ſchlecht, der Wuchs gerade und ſchlank, der feſte und gedrungene Körperbau ein Erbtheil der Abftammung, ein Erfolg des Klima's und der Einfachheit der Lebensweiſe, die friſche, rothe Farbe der feſten Geſundheit Zeuge. Das ſtarke, langgewachſene Haupthaar und der ungeſchorene Bart galten als Schmuck des Mannes. Es bedeckte ihn ein einfaches, ſchlichtes Kleid, im Sommer immer daſſelbe, ein linnener Rock den Aermern, ein wollener von Tuch den Reichern, durch einen Gürtel zuſammengehalten, im Winter erſetzten ihn Pelze und Thierfelle. In ſpäterer Zeit jedoch fand man Gefallen an ſchönfarbigen Gewanden; man nahm ſie vom Herzog von Maſovien gerne als Tribut und Friedenspreis; man tauſchte auch fremdes Tuch gegen Pelzwerk ein. Nicht minder einfach war die Bekleidung der Frauen, gemeinhin ein langes linnenes Gewand von bleigrauer Farbe bis an die Knöchel, doch schmückten fie Hals und Bruſt gerne mit Bernſteinſchnüren und künstlichen Ketten von Meſſing, Finger und Ohren mit Ringen, die Arme mit zierlichen Spangen. Das Haupthaar hielt eine gebogene oder gewundene Nadel zuſammen, das Bruſtkleid am
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Saume eine künſtliche Schnalle oder Spange, zuweilen von Silber. Sonſt hatten Gold und Silber bei den Preuſſen keinen Werth; als Münzen kannten ſie ſolche nicht, wenigſtens nicht als um⸗ tauſchmittel. Die ihnen durch Handel, beſonders in alter Zeit durch die Römer zugebrachten Münzen dienten nur theils als Schmuck, theils als Geſchenke liebevollen Andenkens, die man auch den Verſtorbenen als Kleinode gerne in die Todtenurne mitgab, wo wir ſie heute noch häufig finden. Erſt die ſpätern Kriege mit Polen brachten auch Kenntniß des Geldesgebrauchs. Im ſchlichten und einfachen Haufe oder in der Burg, von Holz und Stein erbaut, lebten beim Manne mehre Frauen; das Ge⸗ ſetz erlaubte ihrer zwei oder drei, den Reiks und Landes⸗Edlen wohl auch mehre; doch nur die erſte, wenn ſie als reine Jung⸗ frau des Mannes Bette beſtiegen, ward als oberſte Hausfrau geehrt. Ueber die Kinder übte der Vater unbedingte Gewalt, ſelbſt über Leben und Tod. Die Tochter mußte zur Heirath von ihm durch ein beſtimmtes Löſegeld, eine gewiſſe Anzahl Vieh, ein beſtimmtes Maaß Getreide, ſpäter auch durch eine Geldſumme erkauft werden. Dafür entſagte er feiner Vatergewalt. Dem männlich gereiften Sohne erkaufte er ſelbſt die Braut. Unter den Heirathsgebräuchen waren manche ſinnig und ſchön und zeu⸗ gen von Sinn für Häuslichkeit und weibliche Beſtimmung. Ein ſtattlicher Wagen führte die Braut dem Bräutigam zu; einzelne ſinnvolle Sitten und Bräuche wieſen ſie auf den Zweck des ehe⸗ lichen Lebens hin. Ein heiteres Mahl mit Luſt und Tanz er⸗ freute die Gäſte, bis man am ſpäten Abend die Braut ihres jungfräulichen Haares beraubte und ſie dann, mit einem in weiße Leinwand genähten Kranze geſchmückt, mit Schlägen zum Brautbette trieb. Den Kranz trug ſie als Schmuck bis zu des erſten Sohnes Geburt. Aber ſchon mit dem erſten Tage begann für die Frau ein ſchwer gedrücktes, ſtreng gehaltenes Leben; es unterſchied ſich wenig von dem einer bloßen Sklavin; es lag ihr ob, dem Manne, dem Gaſte, ſelbſt den Knechten die Füße zu waſchen; des Mannes Wille war ihr unbedingtes Geſetz. Auch Über die Kinder als fein Eigenthum verfügte der Mann nach Willkür; kranke und gebrechliche durfte er ausſetzen oder auch toten, Die Kinderzucht war hart und ftreng. Ins väter⸗
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liche Erbe theilten ſich nur die Söhne: unverehelichte Töchter blieben der Freigebigkeit ihrer Brüder überlaſſen.
Vater, Söhne und Brüder führten nie dieſelben Namen. Es ſcheint, daß die meiſten Namen ſich auf perſönliche Eigen⸗ heit, hervorſtechende Eigenſchaften, körperliche Beſchaffenheit oder ein ſonſtiges perſönliches Verhältniß bezogen, ſo daß Kerſe der Fänger, Wargule der Schwächling, Gedauthe der Netzenweber, Symmute der Schiefmäulige bedeutete. In den meiſten ſpricht ſich eine liebliche Milde des Klanges aus. Ohne Ausnahme führte der Preuſſe nur einen Namen; es gab daneben aber Ge⸗ ſchlechter-Namen, die ganze Familien bezeichneten, wie in Sam⸗ land die Geſchlechter der Sipayne, der Karioten, der Candeynen, in Ermland die Glottiner, die Witen oder Widen, in Bartien die Monteminer. Sie waren jedoch, wie es ſcheint, ſtets nur den Landes⸗Edlen eigen.
So einfach wie Haus und Kleid war auch des Preuſſen Koſt. Milch- und Haferſpeiſen wechſelten mit dem, was ſonſt der Acker, der Wald, Seen und Flüſſe darboten. Kräuterſpeiſen genoß man nicht; man wunderte ſich, als man nachmals von den Deutſchen Rittern Kraut als Nahrung benutzen ſah. Schon von alter Zeit her waren Bier und Meth die beliebteſten Getränke, daneben auch Stutenmilch. Bei Gaſtgelagen wurden gegohrene Milch und Rinderblut bis zu völliger Trunkenheit genoſſen. Am Zechgelage fand der Preuſſe ſein größtes Vergnügen; daher bei Fremdlingen das Sprichwort: der Preuſſen Gott iſt ihr Bauch.
Ihre einfachen Künſte beſtanden nur in der Zubereitung deſſen, was die täglichen Bedürfniſſe, der Ackerbau, der Krieg, die Schif⸗ fahrt, Jagd, Fiſchfang u. dgl. forderten. Mit der Schrift und Schrei⸗ bekunſt waren ſie bis zur Ankunft des Ordens noch unbekannt; auch hat ſich nirgends auf einem Denkmale aus der heidniſchen Zeit eine Spur von Schriftzügen entdecken laſſen. Vermuthet wird nur, daß die Griwen und Prieſter im Beſitz einer Runen⸗ schrift geweſen ſeyen. Gezaͤhlt wurde nach mancherlei ſinnlichen Merkmalen. Um die Zeit nach Tagen zu meſſen, behalf man ſich, Knoten in einen Riemen zu knüpfen. Den Tag theilte man nicht in Stunden, ſondern nach dem Sonnenlichte und nach be⸗ ſtimmten Beſchäftigungen. Das Jahr zerfiel in Sommer und Winter und dieſe beſtimmte der Sonnen⸗ und Mondwechſel. Die
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Monate erhielten ihre Namen von hervortretenden Naturerſchei⸗ nungen, z. B. der Winters, Krähen⸗, Tauben⸗, Guckucks⸗, Bir⸗ ken⸗Monat u. ſ. w.
Den Schwererkrankten pflegte ein herbeigerufener Prieſter, der täglich eine Anzahl Segensformeln über den Leidenden aus⸗ ſprach. Solche Prieſter hießen, wie es ſcheint, Tuliſſonen und Ligaſchonen. Brachte nach zweimaligem Neumonde ein den Göt⸗ tern gethanes Gelübde keine Geneſung, ſo gab der Prieſter dem Kranken Aſche vom heiligen Feuer der Götterwohnung als Ge⸗ neſungsmittel. Fruchtete es nicht, ſo beſchloſſen die berathenden Verwandten den Tod des unheilbaren Kranken, als Befreiung aus feiner Schmerzenszeit. Der Prieſter erſtickte ihn; kranke Kinder, Jünglinge und Jungfrauen edlern Stammes verzehrte der Scheiterhaufe. R
Die Todtenbeſtattung war nach dem Stande verſchieden. Wie ſchon der Seefahrer Wulfſtan bemerkte, wußte man die Ver⸗ weſung des Körpers Monate lang zu verhindern. Am Tage der Beſtattung ward der Abgeſchiedene gebadet, mit weißen Kleidern geſchmückt und in der Freunde Kreis auf einen Stuhl geſetzt. Beim Trinkgelage trank man ihm zu, trug ihm Grüße an Ver⸗ ſtorbene auf, beſchenkte ihn mit Meſſer, Schwert, Schmuckſachen, die Frauen mit Nadel und Zwirn. Dann folgte der Zug nach dem Begräbnißplatze und in bereits erwähnter Weiſe der Wettlauf um des Verſtorbenen Habe. Lautes Geſchrei der Blutsverwandten verjagte bis zum Begräbnißorte die böſen Geiſter. Ein Bette von Stroh empfing den Leichnam auf dem Scheiterhaufen; wäh⸗ rend dieſer brannte, erhoben die Tuliſſonen und Ligaſchonen des Verſtorbenen Lob und prieſen ſeine Thaten. Was dieſſeits dem Abgeſchiedenen lieb und zu ſeinen Beſchäftigungen nöthig ge⸗ weſen, gab man ihm gerne ins Jenſeits mit; Waffen, Geräthe, Roſſe, Knechte und Mägde, Kleider und Schmuck, Jagdhunde und Jagdvögel wurden mit ihm verbrannt, um ihm in jenem Leben wieder zu dienen. Die geſammelte Aſche empfing eine Urne, mit den Ringen, Schmuckketten, Spangen, Haarnadeln und anderem Putz des Verſtorbenen, auch Bernſtein und Römiſchen Münzen. Ein aufgebauter Grabhügel nahm dann die Urne mit Allem in ſich auf. Die Sprache der Preuſſen nannte die Be⸗ gräbnißorte Kapurnen, ein auch jetzt noch nicht unbekannter Name.
Voigt, Geſch. Preuſſ. in 3 Bon. I. 7
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Der Preuſſe trennte ſich ſchwer vom Gegenſtande ſeiner Liebe, von den Gefährten ſeines Lebens. Lange dauerte das Andenken der Hingeſchiedenen in trauriger Feier fort. Am dritten Tage nach dem Leichenbegängniſſe, dann am ſechſten, am neunten und vierzigſten fanden Trinkgelage als Todtenfeſte am Begräbniß⸗ hügel ſtatt. Dreißig Tage hindurch erſchien bei ihm die Wittwe unter Klagen und Thränen, acht Tage lang der Mann bei dem der Frau. Nach Jahresverlauf erfolgte ein allgemeines Todten⸗ gedächtniß. Auch der